«Tatort»-Ermittler Batic wird 65: «Wir kämpfen um jeden Satz»

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26.6.2019 - 11:16

Mit der Rolle des Kommissars Ivo Batic im Münchner «Tatort» wurde Miroslav Nemec bekannt. Ein Geburtstagsgespräch über ältere TV-Spürnasen, Kuhhandel-Verträge und spätes Vaterglück.

Seit 1991 spielt Miroslav Nemec mit anhaltendem Erfolg an der Seite von Udo Wachtveitl im Münchner «Tatort» den Kommissar Ivo Batic. Geboren wurde Nemec in Zagreb im früheren Jugoslawien, er wurde jedoch als Kind von den Eltern nach deren Trennung zu einer Tante nach Freilassing (Oberbayern) gegeben. In einem Porträt, das der Bayerische Rundfunk (BR) in seiner Reihe «Lebenslinien» ausstrahlt, reflekiert er diese Zeit und seinen späteren Werdegang.

Nemec wurde am Salzburger Mozarteum zum Pianisten und Musiklehrer ausgebildet, besuchte danach die Schauspielakademie in Zürich und spielte an mehreren grossen Bühnen, darunter am Residenztheater und an den Kammerspielen in München. Mit seiner Miro-Nemec-Band, die er 1994 nach dem Jugoslawienkrieg zur Unterstützung von Kriegswaisen gründete, tritt er bis heute immer wieder gern auf.

Der 65. Geburtstag steht an. Für Fernsehkommissare ein hohes Alter. Fühlen Sie sich schon ein wenig alt oder eher nicht mehr ganz so jung?

Sicher nicht mehr ganz so jung. Aber man versucht ja, das auszublenden. Wenn man arbeitet, dann vergisst man das Alter. Eigentlich geht das Leben ja immer weiter. Ich bin in diesem Punkt kein rückbesinnlicher Mensch. Ich bin eher an der Zukunft interessiert.

2012 sind sie mit ihrer langjährigen, 26 Jahre jüngeren Frau noch einmal Vater geworden. Das hält einen sicherlich auf Trab.

(lacht) Ja. Ich lebe voraus, und das gefällt mir auch. Mit der kleinen Tochter ist das fast ein Muss. Es gibt da eine gewisse Selbstverständlichkeit, die auf mich übertragen wird. Das wird ja nicht hinterfragt. Katrin, meine Frau, nimmt allerdings schon Rücksicht auf meine Befindlichkeiten.

In der Presse werden die Münchner Kommissare Batic und Leitmayr als «alte Haudegen» oder als «Silberlocken» beschrieben – eine Anspielung auf das fortgeschrittene Alter.

Silberrücken wäre besser. Das sind dann die grossen Gorillas. Aber auch so fühle ich mich nicht. Die Journalisten müssen halt was Witziges erfinden, sie müssen ja auch damit umgehen, dass sie jünger sind und dass wir immer noch arbeiten.

Ärgert Sie so eine ironische Kritik? Der Erfolg mit acht Millionen Zuschauern und mehr ist ja immer noch da.

Manches höre ich, manches lese ich. Man muss da eine Überlebensstrategie entwickeln. Auf alles zu reagieren, was gesagt wird, kann einen nicht weiterbringen. Eine konstruktive Kritik ist mir sehr recht. Niemand ist begeistert, wenn etwas nicht gut war. Dann sagt man zähneknirschend: Ich versuche es besser zu machen!

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«Die Leute wollen einen guten Krimi»

Wie lange darf man mit Ihnen und Udo Wachtveitl (Franz Leitmayr) als Kommissare noch rechnen?

Unser 30-Jahre-Jubiläum Anfang 2021 haben wir schon im Auge. Im Januar 1991 wurde ja der Tatort mit Udo Wachtveitl und mir zum ersten Mal ausgestrahlt.

Naturgemäss gab es nach Höhepunkten wie die Folge «Im freien Fall», die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, auch Flauten und neue Schübe. 

Wir blicken immer voraus: Wir haben ja nie einen Vertrag für drei oder fünf Jahre unterschrieben wie andere Teams. Wir haben immer einen Kuhhandel-Handschlag hier in Bayern gehabt und sind immer von einem Ast zum nächsten gesprungen. Am Anfang sollten wir uns vertraglich festlegen. Wir dachten aber damals: Wer weiss schon, was in drei Jahren passiert? Es ging uns dabei auch darum, Einfluss auf die Drehbücher zu haben. Wir bringen bei jedem Projekt in den Drehbuchgesprächen unsere Überlegungen ein.

Wie sieht für Sie ein guter «Tatort» aus: Drama oder Whodunit (auf Deutsch: Wer hat es getan)?

Die Leute wollen einen guten Krimi, eine Geschichte sehen, in der wir vorkommen mit unseren typischen Auseinandersetzungen und Zoffeleien. Für die Aktualität der Geschichten, das Zeitgemässe, haben unsere Redakteurinnen beim BR immer gesorgt. Es gab kaum ein Thema, das nicht vorkam – von Scientology bis hin zum Bauskandal, von künstlicher Intelligenz bis zur Gentrifizierung. Und Drama? Es ist schon sehr schwer, ein spannendes Buch zu schreiben, wenn der Zuschauer im Voraus bereits weiss, wer der Täter gewesen ist.

Vor Kurzem gab es im Tatort «Die ewige Welle» eine sehr schöne Jules-und-Jim-Geschichte. Eine Frau zwischen zwei Männern. Ihr Kollege Leitmayr war einer davon. Das hätten Sie sicher auch gern gespielt.

Zu dritt, als ménage à trois, ging es ja nicht. Wir haben uns ja damals in den Achtzigern noch gar nicht gekannt. Ich hätte es natürlich gern gemacht. Wir wechseln uns zum Glück immer ab. Diesmal blieb für mich halt nur, den Schmerz im Rücken zu zeigen. Ich darf das Alter spielen.

Matthias Brandt, Ihr Exkollege vom «Polizeiruf», hat das Geheimnis Ihres Erfolgs damit erklärt, dass Sie und Udo Wachtveitl eine Form gefunden hätten, in der Sie nach all den Jahren immer noch neugierig aufeinander sind. Ist das auch Ihre Sicht?

Es formt sich ständig neu. Es ist etwas Variables. Man kann sich nie auf dem ausruhen, was einmal funktioniert hat. Man muss es weiterentwickeln. Wir sind die Typen dafür, wir bringen uns ein und kämpfen um jeden Satz.

Sie leben in München und – in den Ferien – in Istrien. Wo werden Sie Ihren 65. verbringen?

Ich werde nichts Besonderes machen. Es ist ja ein Mittwoch, und unsere Tochter hat am nächsten Tag Schule. Aber vielleicht feiern wir ja in Istrien nach. Wir haben dort viel Kontakt zu den Nachbarn aus dem Dorf. Meine Tochter, die Kroatisch versteht, sagt dort immer: «Ich muss helfen gehen!» – und verschwindet im Dorf. Dann hilft sie ganz fleissig bei der Olivenernte, beim Ziegen hüten und beim Eierholen. Und ich selbst vergesse meinen Geburtstag ziemlich schnell.

«Lebenslinien» mit Miroslav Nemec lief am Montag, 24. Juni, um 22.00 Uhr im BR. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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