Nationalteam Die Zeit bleibt auch für die Xhaka-Generation nicht stehen

sda

8.7.2024 - 05:01

Die Schweizer Nationalspieler verabschieden sich nach dem EM-Aus bei den Fans.
Die Schweizer Nationalspieler verabschieden sich nach dem EM-Aus bei den Fans.
Keystone

War es der Beginn von etwas Grossem oder das Ende einer Ära? Im Nationalteam wurde der Umbruch an der EM teilweise eingeläutet, doch noch hängt der Erfolg von der «alten Garde» ab.

8.7.2024 - 05:01

Die einen, wie Manuel Akanji, wollten unmittelbar nach dem EM-Aus in Deutschland noch nicht nach vorne schauen. Andere wie Granit Xhaka formulierten bereits die nächsten Ziele. «Wir wollen in zwei Jahren wieder dabei sein», sagte der Captain mit Blick auf die WM 2026 in Kanada, den USA und Mexiko. Dort werden nach der Aufstockung auf 54 Mannschaften deren 16 aus Europa teilnehmen, die Qualifikation beginnt im nächsten Jahr.

Nicht nur für Xhaka wäre es bereits das siebte Grossturnier mit dem Nationalteam seit der WM 2014. Mehrere Spieler gehören nun schon lange zum Kern der Mannschaft. Im Viertelfinal gegen England standen neben dem 31-jährigen Captain mit Yann Sommer (35), Fabian Schär, Remo Freuler, Xherdan Shaqiri, Steven Zuber (alle 32), Ricardo Rodriguez und Silvan Widmer (beide 31) acht Spieler im Einsatz, welche die 30 überschritten haben.

Diese Spieler haben zwar bewiesen, dass auch jenseits dieser Altersgrenze grosse Leistungen möglich sind – sie spielen auch in ihren Vereinen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Schon jetzt gehörte die Schweizer Startelf zu den ältesten an der EM. Wie geht es weiter in den nächsten Monaten?

Sommer wird bedrängt

Auf der Torhüterposition dürfte es eher früher als später einen Wechsel geben. Yann Sommer ist nicht nur der Oldie im Team, er spürt auch die starke Konkurrenz im Nacken. Mit Gregor Kobel steht ein Nachfolger in den Startlöchern, der in der abgelaufenen Saison von seinen Profikollegen und der Spielergewerkschaft VDV zum zweiten Mal in Folge zum besten Torhüter der Bundesliga gewählt wurde. Nach Jahren im Schatten von Sommer will der 26-Jährige auch in der Nationalmannschaft die Nummer eins werden.

Trainer Murat Yakin hatte im Vorfeld der Europameisterschaft eine mögliche Torhüterdebatte schnell beendet, indem er sich bereits im Winter auf Sommer festlegte. Sollte sich der Inter-Goalie für eine Fortsetzung seiner Nationalmannschaftskarriere entscheiden, könnte die Diskussion wieder aufflammen. Sommer, der gegen England sein 94. Länderspiel bestritt, dürfte aber eher zurücktreten, als die Degradierung zur Nummer zwei in Kauf zu nehmen.

Shaqiri mit neuer Rolle

Fraglich ist auch die Zukunft von Xherdan Shaqiri, der zwar auch an dieser EM mit genialen Momenten auf sich aufmerksam machte, dessen Rolle aber insgesamt deutlich kleiner geworden ist. 60 Minuten gegen Schottland, 11 Minuten gegen England lautete die magere Bilanz des Zauberfusses. Zwar bewies «Shaq» Reife, indem er seine neue Rolle scheinbar klaglos akzeptierte, doch stellt sich auch bei ihm die Frage, ob er sich in Zukunft nur noch als Edeljoker sieht.

Ausserdem ist offen, wie es bei Shaqiri auf Vereinsebene weitergeht. Dass er die USA früher als geplant verliess, wurde bei seinem Klub Chicago Fire kritisch beäugt. In der Schweiz angekommen, beklagte sich Shaqiri sogleich über «Fehlentscheide» der sportlichen Führung des Vereins. Die Zeichen stehen eindeutig auf Abschied. Die Frage ist, welche Herausforderung der Basler als Nächstes sucht.

Ähnliches gilt für Ricardo Rodriguez, der derzeit ohne Vertrag ist. Bei der EM hat er seine Qualitäten eindrucksvoll unterstrichen, sodass der langjährige Torino-Spieler wieder einen Vertrag in einer europäischen Top-5-Liga unterschreiben könnte. Sollte er allerdings einem Millionenangebot aus Saudi-Arabien erliegen, wo auf deutlich tieferem Niveau gespielt wird, könnte er wie Haris Seferovic langsam vom Radar der Verantwortlichen verschwinden.

Talente, aber keine designierten Nachfolger

Es sind Beispiele, die zeigen: Der Umbruch steht vielleicht noch nicht vor der Tür, aber er winkt zumindest von der anderen Strassenseite. Aus Sicht des Schweizerischen Fussballverbands muss es das Ziel sein, diesen so sanft wie möglich zu gestalten. Dabei sei man auf einem guten Weg, sagt Nationalmannschaftsdirektor Pierluigi Tami. «Murat Yakin ist es bereits gelungen, einige junge Spieler in die Mannschaft zu integrieren.»

Vor allem im Mittelfeld und im Angriff hatte Yakin an dieser EM bereits mehrere Optionen. Neben dem 25-jährigen Ruben Vargas spielten Dan Ndoye (23) und Fabian Rieder (22) schon wichtige Rollen. Dahinter lauern Spieler wie Ardon Jashari (21), Zeki Amdouni (23) oder Noah Okafor (24) auf ihre Chance, in Zukunft noch mehr auf sich aufmerksam zu machen.

Prekärer ist die Situation in der Defensive. Cédric Zesiger (26) kam in der Nationalmannschaft bisher nicht über die Reservistenrolle hinaus und für Leonidas Stergiou (22) folgt nach zuletzt intensiven Wochen eine Saison der Bestätigung. Doch auch auf dieser Position befürchtet Tami keine Engpässe. Er verweist auf das Vorbereitungscamp in St. Gallen, wo sich mit Becir Omeragic (22), Bryan Okoh (21) und Aurèle Amenda (20) talentierte Verteidiger zeigen konnten. Noch hat sich keiner von ihnen direkt aufdrängen können, doch ihre Zeit könnte bald kommen.

sda