Autor: Marco Maurer

Der Natitrainer hat aus einem heterogenen Haufen Talente ein echtes Team geschmiedet. Dabei half ihm auch seine Erfahrung als Sozialarbeiter und Selfmademan. Ein Besuch im Trainingslager in Lugano.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Natitrainer Vladimir Petkovic gerne etwas anders machen würde statt Teil des Fussballgeschäfts und dessen wilder Begleiterscheinungen zu sein. Überall erkannt zu werden – von St. Gallen bis Genf –, die vielen Interviews, die Fragen, die Dauerbeobachtung. Manchmal hat man den Eindruck, Vladimir Petkovic wünsche es sich wieder, ein normaler Sozialarbeiter zu sein und Arbeitslose zu betreuen, nach dem Feierabend vielleicht aus Spass einen Klub wie den AC Bellinzona zu trainieren und danach die Sicht auf den Luganersee zu geniessen.


Der Sozialarbeiter in Action: Petkovic nahm die «23 Spieler mit zur WM, die am besten zusammenpassen.»

So war das vor 21 Jahren: Gut 30 Minuten entfernt von der Terrasse des 4,5-Sterne-Hotels Villa Sassa in Lugano, in dem die Nati während ihres Trainingslagers residiert, begann Petkovics Karriere bei diesem Verein.

Vladimir Petkovic, geboren 1963 in Sarajevo, hat sich hochgearbeitet. Die Aussicht ist grandios, viel höher geht es kaum.

Doch das Hocharbeiten ist ein knochenharter Job. Das merkt man Petkovic manchmal auch an. Er gilt als distanziert und verschlossen. Bei den Schweizer Journalisten und Fans kam er nach seinem Amtsantritt zunächst weniger gut an als seine Vorgänger, der weltgewandte Ottmar Hitzfeld und der volksnahe Köbi Kuhn, der 2006 sogar die Auszeichnung «Schweizer des Jahres» erhielt.

Petkovic hat ein sprödes Image, während des Spiels kommt er aus sich heraus.

Hat sich das seitdem verändert?

Anfang Juni. Ein Tagungssaal unterhalb der Rezeption des Hotels. Petkovic verkündet die 23 Spieler, mit denen er zur WM nach Russland fahren wird. Im Saal knapp 20 Journalisten. Er gibt souverän Auskunft auf Deutsch, Italienisch und Französisch, ab und an streut er gar einen Witz ein: «Es ist ein Weltwunder, dass Valon Behrami seine vierte WM spielt.» Auch seine Kompetenz als Sozialarbeiter dringt durch: «Vielleicht sind jetzt nicht die besten 23 Spieler nominiert, aber sicher die Gruppe, die sich am besten ergänzt.» Später sitzen viele Spieler, darunter auch Behrami, auf der Hotelterrasse, trinken Fanta und diskutieren, ob sie abends eine Pizza essen sollen – ein munteres Sprachgemisch.

Dass sich das Team als solches präsentiert, hat viel mit Petkovic zu tun. Es hiess, er habe den «Balkangraben» endlich zugeschüttet. Früher sprach Stephan Lichtsteiner davon, dass es «richtige» und «andere» Schweizer gebe. Heute sitzt der Verteidiger gemeinsam mit den «anderen» Schweizern auf der Terrasse; das Multikultiteam ist zusammengewachsen.

Petkovic war wichtig, dass die Deutschschweizer, die Romands und der Balkantrupp an einem Tisch essen: Es dürfe keine Pole geben.

Petkovics Stärken
Empathie: Petkovic weiss, wie schwer es sein kann, Schweizer und gleichzeitig Staatsbürger eines anderen Landes zu sein. Das hilft ihm beim Umgang mit den vielen Secondos.
Offenheit: Petkovic lässt mittlerweile mehr Privates zu, ist offener und erhöhte so die Akzeptanz gerade unter Deutschschweizern.
Mut: Dass er Hitzfelds manchmal spröden Fussball hinter sich gelassen hat, offensiver spielen lässt, zahlt sich aus.
Klare Entscheidungen: Die umstrittene Degradierung von Gökhan Inler ist Petkovic aus heutiger Sicht hoch anzurechnen. Granit Xhaka blühte in dessen Rolle auf.

Im Trainingslager in Lugano herrscht eine friedliche Stimmung: Kaum zu glauben, dass der Schweizer Verband vor 2016 lange zögerte, Petkovics Vertrag zu verlängern. Heute ist er mit seinem offensiv angelegten «Petkovic-Fussball» der erfolgreichste Trainer, den die Nati je hatte – und kommt mit seinem Team im Schnitt auf gut zwei Punkte pro Spiel.

Zwei Tage nach der Kadervorstellung. Stadio di Cornaredo, Lugano. Öffentliches Training. Rund 1800 Tifosi schauen zu, zumeist Eltern und ihre Kinder. Es riecht nach Bratwurst, Popcorn, Bier und Tessiner Sommerluft. Um 17.23 Uhr betritt Petkovic als Erster das Stadium. Höflicher Beifall, mehr nicht – Spieler wie Xherdan Shaqiri und Breel Embolo werden dagegen frenetisch gefeiert.

Petkovic – gross, graue Haare, gerader Rücken – schreitet langsam übers Feld, achtet gar nicht aufs Publikum. Das PR-Training beginnt, und nach einer Stunde endet es wegen einsetzenden Regens. Petkovic agierte eher als Supervisor, liess seine Betreuer vieles machen; nur ab und an spricht er mit Valon Behrami oder Ricardo Rodríguez.

Petkovic, ehemaliger Mittelfeldspieler, strahlt eine Ruhe aus, die sich auch – glaubt man den Aussagen der Spieler – aufs Team überträgt.


18.45 Uhr, die Spieler geben brav Autogramme. Petkovic aber gibt länger Autogramme als alle zuvor, nimmt sich Zeit für Selfies mit den Kindern und hält kurze Schwätzchen mit bosnischen Landsmännern. Im Tessin fühlt er sich eben besonders wohl. Zuvor sagte er Bluewin: «Auf mich hat niemand gewartet. Ich habe mir alles erarbeiten müssen. Als Ausländer habe ich ganz besonders hohe Erwartungen erfüllen müssen. Aber ich habe mir überall, wo ich gearbeitet habe, Anerkennung verdient.»

Als Letzter steigt er in den Bus. Abfahrt Team Schweiz: 19.15 Uhr. Kurz zuvor brandete ein zaghafter kleiner Kinderchor auf: «Vladi, Vladi, Vladi», riefen die Kinder – er ist nun angekommen.





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