«Auf fünf Welpen kommen 100 Anfragen»

Sulamith Ehrensperger

2.2.2021 - 10:58

A seven weeks old guide dog puppy looks at visitors during the open house at the guide dog school in Brenles, western Switzerland, Sunday, september 6, 2009. (KEYSTONE/Simone Zimmerli)
Hunde sind in der Corona-Krise beliebter denn je.
Bild: Keystone

In der Pandemie werden so viele Haustiere gekauft wie selten zuvor. Bei Züchtern, im Zoofachhandel und in Tierheimen steigt die Nachfrage nach Hunden und Katzen. Doch die Tierliebe hat auch Schattenseiten.

Welpen, Katzenbabys und Häschen: Haustiere sind seit dem Ausbruch der Pandemie offenbar beliebter denn je. Zoofachhandel, Züchter und Tierheime werden teilweise mit Anfragen überhäuft. Internet-Plattformen verzeichnen einen markanten Anstieg von Inseraten, in denen Haustiere zum Kauf gesucht werden. Jetzt, in Zeiten von Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen, Homeoffice und Reiseverzicht haben sich offenbar viele den Wunsch nach einem Haustier erfüllt.

Durch Corona auf den Hund gekommen

Seit Beginn der Corona-Pandemie wurde ein neuer Höchstwert bei den Hunden erreicht: 8500 Hunde wurden letztes Jahr gemäss der Datenbank Amicus neu gemeldet. In den vergangenen Jahren waren es pro Jahr je etwa 5300 neue Tiere. Dass die Schweizer zunehmend auf den Hund kommen, beobachtet man auch bei der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft SKG. Manche Züchter würden förmlich mit Kaufgesuchen bombardiert, sagt Präsident Hansueli Beer: «Auf fünf Welpen kommen teilweise über 100 Anfragen von Interessenten».

Zunehmend würden auch Menschen ihr Interesse an der Haltung und Zucht zeigen, die mit Hunden unerfahren sind. Die Züchter bekamen teilweise absurde Anfragen: «Es gab Leute, die fragten, ob sie den Hund nach der Krise wieder zurückgeben könnten.» Jedoch schon vor der Krise beobachtete Beer einen, wie er sagt «Paris-Hilton-Effekt». Für manche sei der Hund ein Statussymbol: Wer schmückt sich mit welchem Hund? «Immer wieder gibt es Rassen, die plötzlich in Mode sind – etwa der Chihuahua oder die Deutsche Dogge. Aber ein Hund ist kein modisches Accessoire», betont Beer.

Ein Mausklick – schon wird der Welpe geliefert

Der Haustier-Boom bereitet auch den Tierschützern Sorgen. Vor allem der unseriöse Handel von Welpen im Internet sei durch die Corona-Krise aktueller denn je, sagt Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz STS. Ob der starken Nachfrage würde dieser angekurbelt. «Verläuft die Anfrage bei Züchtern oder Tierheimen erfolglos, versuchen viele ihr Glück bei Anbietern im Internet».

Die Tierschützerin warnt vor dubiosen Inseraten. Wer Hundewelpen über das Internet kaufe, unterstütze damit womöglich Züchter, die Tiere unter bedenklichen Bedingungen aufziehen. «Da wird kein Tierwunsch hinterfragt, da geht es ausschliesslich ums Geschäft», sagt Sandmeier, «und je mehr solche Tiere gekauft werden, desto stärker wird dieser zweifelhafte Handel unterstützt.»

Unseriöse Händler würden ihre Tiere zu jedem Preis verkaufen wollen, gibt auch Beer vom Hundezüchter-Verband zu bedenken. Den guten Züchter hingegen erkenne man daran, dass er dem künftigen Besitzer Fragen stelle, weil er um das Wohl seiner Tiere besorgt sei.

Tierschützer warnen vor Spontankäufen

Auch die Problematik von unüberlegten, spontanen Tierkäufen und ihren Folgen dürfte in der Corona-Zeit an Brisanz zugenommen haben. Sandmeier befürchtet, dass viele der in der Krise gekauften Tiere wieder weggegeben würden, sobald der gewohnte Alltag zurückkehre. Die Besorgnis, dass mancher der unüberlegt gekauften tierischen Begleiter sich bald in einem Tierheim wiederfindet, dürfte nicht ganz unbegründet sein: Wenn man wieder im Büro arbeiten, ausgehen und reisen kann, werden Haustiere vielleicht plötzlich zum Störenfried.

Umso wichtiger sei es deshalb aus Tierschutzsicht, immer und immer wieder zu sagen: «Die Aufnahme eines Haustieres muss eine wohlüberlegte Entscheidung sein.» Am häufigsten unterschätzt wird laut Sandmeier der Zeitaufwand, der ein Haustier verlangt. «Ein Hund ist sicher am zeitintensivsten, aber auch eine Katze oder Meerschweinchen brauchen viel Zeit und Zuwendung.»


10 wichtige Fragen vor dem Hundekauf

  • Darf ich einen Hund in der Wohnung oder im Haus halten?
  • Habe ich genug Zeit für einen Hund?
  • Ist es mir gesundheitlich möglich, ein Tier zu halten?
  • Bin ich bereit, mich in den nächsten zirka 15 Jahren ausgiebig um den Hund zu kümmern?
  • Wo ist er, wenn ich arbeite? Kann ich ihn mit ins Büro nehmen? Oder wer passt auf ihn auf?
  • Bin ich bereit meine Freizeitaktivitäten dem Hund anzupassen?
  • Bin ich bereit, den Hund auch bei meiner Ferienplanung zu berücksichtigen? Oder kann ich ihn irgendwo unterbringen?
  • Habe ich Erfahrung mit Hunden? Falls nicht, habe ich Zeit, mich umfassend zur Hundehaltung zu informieren?
  • Habe ich genug finanzielle Mittel? Auch langfristig oder wenn das Tier krank wird? Rechnet man die jährlich wiederkehrenden Ausgaben zusammen, kostet ein Hund bis zu 2500 Franken.
  • Beim Welpenkauf: Kann ich mich rund um die Uhr um das Hundekind kümmern?

Ein weiterer Punkt sind die Kosten, die ein Haustier mit sich bringt. Ein mittelgrosser Hund komme jährlich auf einen Betrag von bis zu 2500 Franken, rechnet Beer vom SKG vor. Hochgerechnet auf die durchschnittliche Lebensdauer kostet das Tier bis zu seinem Tod gut und gern 20'000 Franken.

Fraglich ist, wie lange der Haustiertrend noch andauern wird. Ebenso die Corona-Krise. Jedenfalls ist wichtig, dass man sich vor dem Kauf gut überlegt, ob das Haustier auch dann mal in den Alltag ohne Homeoffice und Shutdown passt. Schliesslich ist ein Hund kein Trösterli gegen Corona-Frust, sondern der beste Freund des Menschen.


Weitere Informationen für das Zusammenleben mit einem Hund finden Sie hier

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