«Bei schweren Verläufen kann es zu Multiorganversagen kommen»

Runa Reinecke

5.3.2020 - 18:00

SARS-CoV-2 hat im Besonderen die Lunge im Visier (Symbolbild).
Bild: Getty Images

Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 kann die Lunge schädigen. «Bluewin» hat mit einer Pneumologin darüber gesprochen, wie sich der Erreger auf die Atemwege, aber auch auf den schwierigen Alltag im Spital auswirkt.

Eine Infektion mit SARS-CoV-2 verläuft bei den meisten Menschen harmlos.  Ältere und kranke Menschen müssen sich vorsehen: Bei ihnen hat das neuartige Coronavirus vor allem die Lunge im Visier.

Wie sich der Erreger auf die Atemorgane mancher Patienten, aber auch punkto Verhalten unvernünftiger Menschen auswirken kann, das hat «Bluewin» im Gespräch mit Dr. med. Manuela Funke-Chambour erfahren – sie ist stellvertretende Chefärztin der Universitätsklinik für Pneumologie am Inselspital Bern.

Frau Funke-Chambour, wie erleben Sie als Ärztin die derzeitige Lage im Spital?

Es herrschen eine regelrechte Panik und Unvernunft – Menschen stehlen in den Spitälern Masken und Desinfektionsmittel. Wir sind gezwungen, solche Materialien wegzuschliessen, damit wir unsere Patientinnen und Patienten und uns selbst schützen können. Neben dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) gibt es weiterhin auch andere ansteckende Krankheiten – wie beispielsweise Tuberkulose und die gewöhnliche Grippe. Patienten mit Immunsuppression und geschwächter Immunität bekommen keine Masken oder Desinfektionsmittel mehr.

«Bei schweren Verläufen kann es zu einem akuten Lungenschaden kommen», weiss Dr. med. Manuela Funke-Chambour.
Bild: Inselspital Bern

Unvernünftig ist auch, dass Menschen unangemeldet bei Ihnen vorstellig werden …

... das ist ein grosses Problem. Wer Symptome bei sich wahrnimmt oder näheren Kontakt zu einer infizierten Person hatte, sollte unbedingt zu Hause bleiben und das Ärztefon des zuständigen Kantons anrufen, aber auf gar keinen Fall direkt ins Spital kommen oder zum Arzt gehen. Sonst besteht die Gefahr, andere anzustecken. Das Inselspital Bern hat eine spezielle Taskforce und Infrastruktur eingerichtet, die sich um erkrankte Patientinnen und Patienten kümmert (eine weitere Möglichkeit für die Abklärung besteht über den Online-Check).

Nun aber zum Virus selbst: Warum macht sich das SARS-CoV-2 vor allem durch Atemwegssymptome bemerkbar?

Hier stützen wir uns auf Erkenntnisse der SARS-Pandemie 2002/2003, deren Erreger mit dem derzeit kursierenden neuartigen Coronavirus verwandt ist (daher der Name des Virus: SARS CoV-2), aber meist nicht so schwer verläuft. Was wir wissen, ist, dass das neuartige Coronavirus an die Zellen der Atemwege andockt und über diesen Weg die Lunge angreift. Dadurch kann es bei schweren Verläufen zu einem akuten Lungenschaden kommen.

Wie verläuft die COVID-19-Erkrankung im Vergleich zur Grippe?

Es ist schwierig, die beiden Krankheiten zu vergleichen. Bei COVID-19 überwiegen die milden Verläufe, doch im Vergleich zur saisonalen Grippe kann COVID-19 unter Umständen schwerer verlaufen. Die Sterblichkeit ist, nach aktuellem Wissenstand, höher als bei der Influenza, und im Gegensatz zur saisonalen Grippe gibt es auch noch keinen Impfstoff und keine Immunität in der Bevölkerung. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass es bei der Grippe auch für das frühe Krankheitsstadium eine medikamentöse Therapie gibt – das haben wir für das neuartige Coronavirus noch nicht. Im Moment laufen aber schon verschiedene klinische Studien weltweit und insbesondere in China mit Medikamenten, unter anderem mit Virostatika, die bereits zur Behandlung anderer Viruserkrankungen eingesetzt werden.

Trifft COVID-19 Menschen, die bereits an einer Lungenerkrankung leiden, schwerer?

Die Datenlage hierzu ist noch sehr dünn. Alle wissenschaftlichen Beobachtungen zum neuartigen Coronavirus stammen derzeit aus China. Ob die Erkrankung schwerer verläuft, wenn man bereits eine Atemwegserkrankung hat, lässt sich momentan noch nicht einschätzen. Man weiss aber, dass es bei Älteren oder bei Menschen generell mit Vorerkrankungen häufiger zu Komplikationen kommt.

Ist abzusehen, ob schwer Erkrankte bleibende Lungenschäden davontragen könnten?

Die langfristigen Auswirkungen, die das neuartige Coronavirus bei schwereren Verläufen auf die Lunge haben kann, sind noch nicht abzuschätzen. Denkbar ist das. Hier orientieren wir uns noch an Erkenntnissen, die wir durch die Pandemie des ersten SARS-Erregers 2002/2003 erlangt haben. Vergleiche sind aber mit grosser Vorsicht zu geniessen, da die Verläufe während der Pandemie 2002/2003 deutlich schwerer waren, zugleich aber viel weniger Menschen betroffen waren, als es jetzt beim neuartigen Coronavirus der Fall ist.

Führt das neuartige Coronavirus selbst zu den Komplikationen, oder sind es eher bakterielle Infektionen, denen das Virus – salopp formuliert – Tür und Tor öffnet?

Das wissen wir noch nicht. Aus medizinischer Sicht ist es möglich, dass es vor allem das Virus selbst ist, das den Schaden an der Lunge anrichtet. Ob sich das tatsächlich bewahrheitet, müssen zukünftige Studien zeigen. Bei den sehr schweren Verläufen kann es zusätzlich zu einer Sepsis, einem lebensbedrohlichen Multiorganversagen, kommen. Unter Umständen mit einer zusätzlichen Infektion mit Bakterien. Diese Superinfektionen lassen sich mit Antibiotika behandeln.

Welche Impfungen empfehlen Sie Menschen mit Lungenerkrankungen?

Die Impfungen gegen Keuchhusten und Pneumokokken gehören zur Grundimmunisierung für Kinder. Patientinnen und Patienten, deren Lunge etwa durch Asthma oder durch das Rauchen (COPD) geschädigt ist, sind anfälliger für Infekte der Atemwege. Deshalb empfehlen wir diesen Patienten zusätzlich die jährliche Grippeimpfung.

Neuartiges Coronavirus – Chronik einer Krise

Zurück zur Startseite