Du bist zickig, hast du deine Tage? Eine Ärztin räumt mit Klischees auf

Sulamith Ehrensperger

30.10.2019 - 13:48

Frauen ticken anders – und das nicht nur bei der Kommunikation und den Geschlechtsorganen. Auch auf Krankheiten und Medikamente reagiert der weibliche Körper anders. 
Bild: Getty Images 

Männer und Frauen unterscheiden sich nicht nur in Geschlechtsorganen – auch in der Medizin. Doch das geht gerne vergessen. In ihrem Buch «Versteh eine die Frauen» schreibt die Ärztin Lena Müller darüber.

Frauen und Männer unterscheiden sich. Das ist offensichtlich, könnte man meinen – und doch nimmt die medizinische Forschung darauf kaum Rücksicht. Obwohl Frauen ein stärkeres Immunsystem haben, ihr Körper anders zusammengesetzt ist und sie beispielsweise einen Herzinfarkt anders spüren.

Entsprechend verschieden reagiert der weibliche Körper auf Krankheiten und Medikamente. Doch der Forschung ist das weitgehend egal, denn sie orientiert sich hauptsächlich am männlichen Körper – mit teils schlimmen Folgen für die Frauen.

Die 32-jährige Ärztin Lena Müller hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, was jede Frau über das eigene Geschlecht wissen sollte – über den Körper, das Gehirn, aber auch, was Frauen von den Männern unterscheidet.

Keine Zeit für «Frauenprobleme»

Müller ist frisch gebackene Ärztin, als sie merkt, dass der Arbeitsalltag als Frau sehr viel komplizierter ist, als sie sich ihn vorgestellt hat. In der Station sprechen Patienten die Ärztin mit «Schwester» an. «Das passiert meinen männlichen Kollegen nicht», sagt Müller.



Im Operationssaal, in der Chirurgie, ist der Frauenanteil besonders gering. «Da stand ich in einer sechsstündigen OP und hatte meine Tage. Ich konnte nicht mal kurz raus, um den Tampon zu wechseln», erinnert sie sich an eine ihrer ersten längeren Operationen in der Unfallchirurgie, «sonst hätten die Kollegen wegen mir unterbrechen müssen».

Die weiblichere Version des Mannes

Die Unterschiede zwischen Mann und Frau ziehen sich laut Müller durch das gesamte Bild der Medizin: von Gesundheitsverhalten über Symptome bis zur Therapie. «Typische» Symptome sind meist männlich geprägt, denn in der Medizin galt die Frau lange als eine weiblichere Version des Mannes.

Doch körperliche Unterschiede wie Grösse, Gewicht, Hormone oder Enzyme beeinflussen, wie sich Krankheiten äussern und wie Medikamente wirken.

Auf einen Blick – Frauen haben …

  • Mehr Körperfett und davon mehr an Hüften und Beinen
  • Weniger Muskelmasse und Körperwasser
  • Ein kleineres Herz und kleinere Lungen
  • Andere Sexualhormone
  • Weniger Magensäure
  • Eine langsamere Filterarbeit der Niere
  • Unterschiede in der Leberenzym-Aktivität: Alkohol wirkt bei Frauen anders
Lena Müller ist Ärztin aus Leidenschaft. Sie studierte Medizin, Zahnmedizin und Journalismus und arbeitete für die klinische Forschung. 
Bild: Torsten Zimmermann

Der weibliche Körper zeigt beispielsweise bei einem Herzinfarkt häufiger sogenannte unspezifische Symptome – wie Schwindel oder Beschwerden im Oberbauch. «Deshalb wird der Herzinfarkt im Schnitt bei Frauen weniger schnell diagnostiziert», sagt Müller, die für die Gendermedizin einsteht, also die Geschlechter bei Diagnose und Behandlung spezifisch zu betrachten.

Doch für Gendermedizin haben ihre männlichen Medizinerkollegen kein offenes Ohr: «Ist das jetzt wieder so ein Feministen-Ding», lautet eine häufige Antwort, die Müller auf geschlechterspezifische Medizinfragen bekommt.

Studien werden am Mann gemacht

Die unterschiedliche Körperzusammensetzung beeinflusse laut Müller auch, wie Arzneimittel wirken: «Diese verteilen sich nämlich über das Fettgewebe oder im Körperwasser und werden dann meist über die Niere oder Leber abgebaut.» Doch die meisten Studien werden am Mann gemacht. Seine Hormone unterliegen keinem monatlichen Zyklus, er kann nicht schwanger werden und schluckt keine Antibabypille.

Die Folge: «Nur für sehr wenige Medikamente wird eine unterschiedliche Einnahme vorgeschrieben.» Ein Beispiel ist ein Schlafmittel: Es wirkte bei Frauen so viel stärker, dass Autofahrerinnen am Morgen nach der Einnahme Unfälle bauten. «Die Unterscheidung der Geschlechter macht Sinn, um möglichst wenig Nebenwirkungen zu haben.»

Was Männer und Frauen noch unterscheidet

1. Die Harnröhre der Frau ist nur 3–5 cm lang und viel kürzer als die des Mannes (20 cm). Deshalb können Bakterien bei Frauen schneller zur Blase hochklettern und dort eine Blasenentzündung verursachen.

2. Bei Frauen wird doppelt so häufig eine Depression diagnostiziert. Männer begehen allerdings häufiger Suizid.

3. In Leistungstests unterschätzen Frauen sich tendenziell eher, Männer dagegen neigen dazu, ihre Leistungen zu überschätzen.

4. Frauen sprechen mehr als Männer. Der Unterschied ist aber viel kleiner, als bisher angenommen: Frauen sprechen im Schnitt ca. 16'200 Wörter am Tag, Männer 15'700.

Frauen sind keineswegs komplizierter 

Beim Schreiben ihres Buches hat Müller manches Vorurteil zu Ohr bekommen, wie etwa: «Was, du schreibst ein Buch über Frauen? Na, das muss ja ganz schön dick werden.» Die Ärztin kommt am Telefon spürbar in Fahrt: «Das nervt mich, denn die Hirnforschung hat gezeigt, dass Frauen nicht komplizierter sind.»



Übrigens auch nicht während ihrer Periode. «Hat sie ihre Tage, oder warum ist die so zickig?» ist laut Müller wissenschaftlich betrachtet eine falsche Aussage. In einer Analyse aller bisherigen Studien mit über 4'000 Frauen konnte kein Zusammenhang zwischen der Stimmung von Frauen und dem Monatszyklus nachgewiesen werden.

Viel stärker hing ihre Laune vom Stress, dem sozialen Umfeld und der Gesundheit ab. Müllers zusammengetragene Wissen macht Frauen also noch schlagfertiger.

Ein Buch, damit Frauen sich besser selbst verstehen. Lena Müller präsentiert medizinische und psychologische Fakten verständlich und humorvoll.
Bild: mvgverlag

Bibliografie: «Versteh eine die Frauen!» Mythen über Körper und Psyche aufgedeckt von Lena Müller, im mvg Verlag erschienen, ca. 19.90 Franken

Bilder des Tages

Zurück zur Startseite