Sparen Versicherer auf dem Buckel von psychisch Erkrankten?

Jennifer Furer

23.6.2020 - 11:09

Depressionen, Burn-out, Panikattacken: Im Kampf gegen psychische Erkrankungen geht ein Schweizer Versicherer neue Wege. Der oberste Psychiater zeigt sich zuversichtlich – aber nicht nur.

Lara fühlt sich schlapp, müde, ausgelaugt. Sie mag nicht mehr. Alltägliche Aufgaben fallen ihr zunehmend schwer. Lara denkt, das sei eine schlechte Phase, die schon wieder vorbeigehen wird und keiner Behandlung bedarf. Was Lara nicht weiss: Die Ursache für ihren Zustand liegt viel tiefer. Sie leidet an einer Depression.

Laut dem Bundesamt für Statistik sind Depressionen die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung in der Schweiz. Neun Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Depressionen sind behandelbar, doch längst nicht alle erkennen die Krankheit und holen sich Hilfe. Das ist fatal: Leichte Depressionen können sich so zu einer schweren depressiven Episode entwickeln – was in Suizidversuchen oder Suizid enden kann.

Wie bei Lara kommt es häufig vor, dass sich Erkrankte nicht in Behandlung begeben. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Nebst subjektiven Hürden, wie etwa einem fehlenden Krankheits-Eingeständnis, stellt auch die Suche nach einer Psychiaterin oder einem Psychologen eine Schwierigkeit dar.

Hier setzt der Telemedizin-Anbieter Medgate an. Wie «Bluewin» in Erfahrung bringen konnte, bietet er neu zusammen mit der Krankenversicherung Sanitas eine psychiatrische Sprechstunde per Video an. Vorerst können ausgewählte Kundinnen und Kunden von Sanitas das Angebot nutzen – noch kostenlos. Darin enthalten sind sowohl einmalige Erstabklärungen wie auch ein unterstützendes Programm mit mehreren Terminen.

Medgate-Sprecherin Céline Klauser sagt, dass es in der Schweiz an niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern mangle. «Gleichzeitig besteht ein hoher Bedarf an psychiatrischen Betreuungsmöglichkeiten.» Die Folge: Es könne zu langen Wartezeiten vor einem Ersttermin kommen.

«Mit unserer psychiatrischen Sprechstunde per Video wollen wir diesen Umständen entgegenwirken und Patienten einen einfachen, niederschwelligen und schnell verfügbaren Zugang zu psychiatrischer Betreuung ermöglichen», sagt Klauser. Patientinnen und Patienten könnten die Sprechstunde aus einer ihnen vertrauten Umgebung heraus wahrnehmen und bräuchten beispielsweise ihr Zuhause nicht zu verlassen.

Doch wie genau funktioniert das Angebot? «In einem ersten Schritt findet eine ärztliche Vortriage statt, bei der geklärt wird, ob eine psychiatrische Sprechstunde per Video überhaupt sinnvoll ist», führt Klauser aus. «Im nächsten Schritt wird dann, auf Basis einer Ersteinschätzung mit dem Medgate-Psychiater, das weitere Vorgehen besprochen.» Um den Datenschutz und das Arztgeheimnis zu gewährleisten, werde die Kommunikation verschlüsselt.

Medgate-Sprecherin Klauser sagt, dass der Fokus des neu geschaffenen Angebots vor allem auf Menschen mit leichteren Depressionen oder einem subjektiv empfundenen Burn-out liege. «Wobei Erkrankungen so vielfältig sein können, dass es kaum möglich und auch nicht sinnvoll ist, hier zu stark an gewissen Krankheitsbildern festzuhalten.»

Fest steht aber: Suizidgefährdete Personen sind nicht für das Programm geeignet. «Je nach Situation sind hier umgehende Massnahmen gefordert», sagt Klauser. Auch drogen- und alkoholabhängige Patienten kämen nicht für eine Videoberatung infrage. «Diese benötigen eine Betreuung vor Ort, allenfalls sogar eine stationäre Einweisung.»

Mit dem neuen, niederschwelligen Angebot wolle man den Patienten Hilfe anbieten, bevor ihre Erkrankung ein Ausmass erreiche, das dann nur noch bei einem niedergelassenen Psychiater oder sogar stationär behandelt werden könne. «Wobei es nicht nur darum geht, psychische Erkrankungen zu erkennen, sondern den Patienten direkt zu helfen, beispielsweise durch eine Kurzzeit-Psychotherapie», ergänzt Klauser.

Lara ist eine erfundene Person, ihr Leiden aber betrifft viele Menschen. Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen: Längst nicht alle psychisch Erkrankten begeben sich in Behandlung. Die Frage ist: Können Psychiaterinnen und Psychiater durch dieses neue Modell tatsächlich entlastet werden? Und ist es ein akkurates Mittel, um Menschen, die psychiatrische Unterstützungen benötigen, zu helfen? Oder handelt es sich nur um ein Mittel, um Gesundheitskosten auf dem Buckel psychisch Erkrankter zu senken?

Pierre Vallon, Präsident der Verbindung psychiatrisch-psychotherapeutischen tätigen Ärzte der Schweiz FMPP, sieht Vor- und Nachteile durch die Videosprechstunde. «Positiv ist, dass die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, dadurch tatsächlich niedriger sein kann», sagt Vallon.

Er ist ebenfalls überzeugt, dass schwerwiegende Krankheitsverläufe durch eine frühzeitige Intervention verhindert werden könnten – auch per Video. Es müsse jetzt aber genau geschaut werden, ob dieses Ziel tatsächlich erreicht werden könne und wie die Nachfrage ausfalle.

Zur Person

Pierre Vallon ist Präsident der Verbindung psychiatrisch-psychotherapeutischen tätigen Ärzte der Schweiz FMPP.

Medgate-Sprecherin Céline Klauser sagt, dass solche Fragen nun in einer Pilotphase evaluiert würden. Und es werde auch mittels einer anonymisierten Befragung versucht, die Meinung der Patienten detaillierter einzuholen.

Sie räumt ein, dass es auch Ziel sei, durch die Videosprechstunde Kosten zu senken. Das komme aber auch den Patienten zugute – «weil wir der Überzeugung sind, dass sich Qualität im Gesundheitswesen auch finanziell auszahlt», so Klauser. Bisher tragen Sanitas und Medgate die Kosten der Videosprechstunden. Laut Klauser ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich künftig auch Patientinnen und Patienten beteiligen müssen.

Das lässt auch Sanitas-Sprecher Christian Kuhn durchblicken. Über die neu eingeführte Online-Sprechstunde sagt er: «Es handelt sich hier um ein Pilotangebot, welches für eine befristete Dauer kostenlos angeboten wird.»

Brauchen Sie Hilfe? Hier können Sie darüber reden:

Dargebotene Hand: Telefon 143 oder www.143.ch
Online-Beratung für Jugendliche mit Suizidgedanken: www.U25-schweiz.ch
Angebot der Pro Juventute: Telefon 147, www.147.ch
Kirchen: www.seelsorge.net

Doch wollen die Menschen auch für ein solches Angebot bezahlen? FMPP-Präsident Valllon zeigt sich diesbezüglich skeptisch. «Es gibt heute schon genug andere solche Angebote.»

Zudem: Die Einführung der Medgate-Videosprechstunde führt laut Vallon nicht zur Entlastung der Psychiaterinnen und Psychologen. Es sei nämlich nicht so, dass es zu wenige gebe, meint Vallon. Im Gegenteil: «Es kann schon sein, dass die Dichte in gewissen Regionen hinsichtlich der Nachfrage zu klein ist und dass es zu Wartefristen kommt.» Das bedeute aber nicht automatisch, dass es zu wenig Ärzte oder Angebote gibt.

Da Psychologinnen und Psychologen bald nicht mehr delegiert, sondern selbstständig mit einer ärztlichen Anordnung arbeiten dürfen, gebe es ohnehin wieder mehr Angebote – und somit auch für Psychiater weitere Konkurrenz. «Bleibt das neu geschaffene Angebot von Medgate jedoch nur subsidiär und hat nicht zum Ziel die Psychiater zu ersetzen, kann es durchaus eine Chance sein.»

Trotzdem sieht Vallon aber auch für Patientinnen und Patienten mit der Einführung der Medgate-Videosprechstunde Risiken. «Sie könnte Leute von der psychiatrischen ambulante Behandlung fernhalten, obwohl sie diese nötig hätten.»

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