Kinderrhetorik – Schimpfwörter und verbotene Sätze sind ein Unterschied

Anja Knabenhans

27.9.2019 - 00:00

Sie lässt ihre Kinder fluchen, das Haus in ein Chaos verwandeln, Tischmanieren nur halbernst nehmen, aber wenn es um Gleichheit geht, gibt sich Kolumnistin Anja Knabenhans unnachgiebig. (Symbolbild)
Bild: Getty Images

Welche Wörter dürfen Kinder benutzen, welche sind tabu? Die Autorin dieser Kolumne hat da spezielle Regeln.

«Verdammter Mist! So eine Scheisse!» Der Vierjährige flucht wie ein Rohrspatz, weil eins seiner Bauvorhaben im Garten nicht funktioniert.

Vermutlich wollte er wieder mal eine eigene Kläranlage bauen, oder eine Outdoor-Waschmaschine – Hauptsache, irgendwas mit Wasser und Dreck. Das Gefluche stört mich nicht, solange es sich gegen tote Gegenstände richtet. Aber dann frage ich, ob er Hilfe braucht. Und höre: «Das ist zu kompliziert für Frauen.»

Ein verbotener Satz. Woher er den hat? Keine Ahnung.

Würde mein Mann solche Worte über die Lippen bringen, brächte ihn das in gehörige Schwierigkeiten. (Er hätte auch gar keine Zeit, solcherlei zu äussern; er muss direkt nach der Arbeit daheim an den Herd.) Die ausserfamiliären Betreuungspersonen sind auch nicht steinzeitlich. Und bei Peppa Wutz ist der Vater ein Dummdrösel, der wenig auf die Reihe kriegt.

Des Buben seltsame Sätze

Immer mal wieder kommen aus dem Mund des Buben seltsame Sätze: «Eine Frau sollte nicht Dirigentin sein.» «Mädchen können nicht so gut klettern.» «Bei der Feuerwehr müssen die Männer steuern.»

Solche Aussagen jagen mir Schauer über den Rücken. Weil ich nicht fassen kann, dass wir uns immer noch damit rumschlagen müssen. Zweitausendneunzehn. Himmelarschundzwirn.



Ich lasse meine Kinder fluchen, das Haus in ein Chaos verwandeln, Tischmanieren nur halbernst nehmen – all sowas ist mir nicht so wichtig.  Aber wenn es um Gleichheit geht, bin ich unnachgiebig. Nicht nur bezüglich Gleichheit der Geschlechter, in allen Belangen. Bisher muss ich allerdings lediglich in Genderfragen eingreifen, andere verbotene Sätze kamen noch nicht aus dem Kindermund.

Ich berichtige jeden Satz, in dem Genderstereotype vorkommen. Lebe vor, dass nicht das Geschlecht über Interessen und Fähigkeiten entscheidet. Suche Kinderbücher nach solchen Kriterien aus. Achte beim Verfassen von Kinderhörspielen auf Ausgewogenheit.

Gleichstellung!

Und ich werde bei den Nationalratswahlen am 20. Oktober so wählen, dass sich die Chancen auf Gleichstellung erhöhen. Die neue Plattform Chance for Equality hilft dabei, indem sie die Themen und Parteipositionen übersichtlich darstellt.

Vermutlich werden auch meine Enkelkinder noch viele Schimpfwörter rausposaunen. Aber hoffentlich keine verbotenen Sätze mehr.

Hier gibt es an jedem Freitagmorgen eine Autoren-Kolumne –abwechselnd zu den Themen Mode, Digitales Leben, Essen und Muttersein. Heute: zum Muttersein.

Anja Knabenhans ist Mutter von zwei Buben. Sie ist Chefin der Schreibmaschinerie und Chief Content Officer der Eltern-Plattform Any Working Mom.

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