«Als Traumdoktor kann ich mich aus der Realität abkoppeln und das Kind auch»

Von Sulamith Ehrensperger

19.3.2021

Spitalclown Dr. Ahoi von der Stiftung Theodora
Seit mehr als 20 Jahren erlebt Dr. Ahoi als Traumdoktor die schönsten und auch die traurigsten Momente auf Kinderstationen. 
Bild: Pascal Lauener

Traumdoktoren machen die Spitalwelt für Kinder ein bisschen bunter. Dr. Ahoi ist einer von ihnen. Wie der Doktor mit der Kapitänsmütze mit belastenden Momenten umgeht und warum er Angst vor Stofftieren hat. 

Von Sulamith Ehrensperger

19.3.2021

Dr. Ahoi geht auf eine besondere Visite. Der Spitalclown im Ärztekittel ist einer der Traumdoktoren der Stiftung Theodora. Dr. Ahoi ist liebenswert, ein bisschen tollpatschig und im Herzen ein Schiffskapitän.

Er glaubt fest daran, die Weltmeere umsegelt und alle Seemonster besiegt zu haben, und dass er sämtliche Schatzinseln kenne. Jedenfalls erzählt er das den Kindern. Im Krankenzimmer kommt dann aber alles anders: Die Zaubertricks gelingen ihm nicht, Piraten und Plüschtiere jagen ihm Angst ein. Die Kinder helfen ihm dann jeweils aus der Patsche.

Die Visite der Traumdoktoren mögen die Kinder am liebsten. Die Ärzte mit der kleinen roten Clownnase – die zu Zeiten von Corona auf der Hygienemaske klebt – verkürzen den Kindern die Zeit, beispielsweise nach einer Mandeloperation oder sie besuchen Langzeitpatienten als treue Gefährten, insbesondere auf der Krebsstation.

«Es gibt Schicksale, die mir nahegehen»

Über die Stiftung Theodora
Spitalclown Theodora Stiftung Dr Ahoi klopft an Türe
Pascal Lauener

Die Stiftung Theodora wurde 1993 von den Brüdern André und Jan Poulie im Andenken an ihre Mutter Théodora gegründet. Sie organisiert und finanziert Besuche von professionellen Künstlern – den Traumdoktoren. Ihr Ziel ist, Kindern in Spitälern und Pflegeinstitutionen ein Stück Lebensfreude zu bringen. Die Stiftung finanziert sich durch Spendengelder.

Weniger bekannt ist, dass die Traumdoktoren auch auf der pädiatrischen Intensivstation zu Besuch kommen oder in der Neonatologie – dort, wo niemandem nach Lachen zumute ist. «Es gibt Schicksale, die mir nahegehen», sagt Antonio Morano, besser bekannt als Dr. Ahoi. Etwa auf der Onkologie, wenn er Kinder besucht, die bald sterben müssen. Und solche Begegnungen erlebte er schon zahlreiche.

Besonders erinnert er sich an einen zwölfjährigen Jungen mit Leukämie, den er über ein Jahr lang wöchentlich im Kinderspital St. Gallen besuchte. «Wenn du ein Kind so lange begleitest, erlebst du all seine Phasen – von der allerbesten bis zur allerschlimmsten», erinnert sich Morano.

Sich aus der Spitalrealität abkoppeln 

Die beiden begannen eine Geschichte zu entwickeln: Dr. Ahoi bastelte eine Schatzkarte, plante einen Banküberfall und erzählte, wie er vorgehen würde. Der Junge tat so, als ob er die Polizei anrufen würde. Woraufhin Dr. Ahoi ihm einen Brief aus dem Gefängnis schrieb und den Jungen bat, ihn doch bitte zu befreien. «Es war immer ein Spiel, als Traumdoktor kann ich mich aus dieser Realität abkoppeln und das Kind auch. Wir können uns in dieser Aussenwelt treffen, die nur wir beide kennen.» In dieser Welt verabschiedeten sich die beiden dann auch für immer. Die Leukämie war stärker.

«Es tönt krass, aber ich muss als Traumdoktor eine gesunde Distanz haben», antwortet Morano auf die Frage, wie er mit solchen Schicksalen umgehe. «Wenn ich diese Distanz nicht schaffe, lasse ich all die Erlebnisse in mein Privatleben hinein und funktioniere nicht mehr für mein oberstes Ziel, den Kindern möglichst viel Gutes zu bringen.»


Wegen der Covid-Situation kann Dr. Ahoi die Kinder im Triemli-Spital in Zürich derzeit nicht besuchen, dafür schickt er regelmässig einen Videogruss.

Quelle: Vimeo, Foundation Theodora


Dabei hilft Dr. Ahoi auch die Igeldame Elena, eine Handpuppe mit grossen Augen – sie frisst übrigens am liebsten Tomaten. Zu seinen Hilfsmitteln gehören zudem Musikinstrumente; er spielt Ukulele, Mundharmonika und Didgeridoo. Und die Seifenblasen: «Mit ihnen kann ich in fast allen Situationen das Eis brechen.»

«Ich darf nie meine Kunst an erste Stelle setzen»

Bei seinen Besuchen gehe es aber nicht darum, eine Show abzuziehen, wie man sie von Zirkusclowns kennt. Ein Traumdoktor sei keineswegs dauer-lustig und zücke auch nicht einen Gag nach dem anderen. Im Gegenteil, nichts lässt sich genau vorhersehen oder vorbereiten. «Ich darf nie meine Kunst an erste Stelle setzen, wie ein Zirkusclown das tut.»

Es gehe immer um das Kind, darum einfühlsam zu sein und zu merken, was dieses Kind braucht oder die Situation gerade erlaubt. Nicht immer nimmt Dr. Ahoi das Ruder in die Hand, oft bestimmt der kleine Patient, wohin die Reise geht. «Manchmal möchte ein Kind lieber über Fussball reden oder einfach ein paar Lieder hören.»

Spitalclown Dr Ahoi mit Ukulele in Neonatologie
Dr. Ahoi besucht auf der Neonatologie auch die kleinsten Patienten, spricht mit ihnen oder spielt ihnen auf seiner Ukulele vor.
Bild: Riccardo Goetz

Seit über 20 Jahren ist Morano als Spitalclown unterwegs, seit zehn Jahren auch als Altersheimclown für die Stiftung Lebensfreude. Und dies mit solcher Leidenschaft, dass er seinen gelernten Beruf als Elektroniker an den Nagel gehängt hat. «Eigentlich wäre ich ja gern Captain geworden», verrät Morano, der in Horgen am Zürichsee geboren und aufgewachsen ist. Sein Vater war damals Matrose in der Marine auf Sizilien. Seine Geschichten faszinierten den Jungen, ebenso die Uniformen und die Matrosenmütze, die sein Vater trug.

Diese kindliche Faszination widerspiegelt sich nun in der Figur von Dr. Ahoi: Er nimmt die kranken Kinder mit auf eine Reise und schlägt mit ihnen zusammen Brücken in eine Welt ausserhalb des Spitals und der Krankheit.


Anmerkung der Redaktion: Die Theodora Stiftung feiert vom 20. bis 27. März die «Woche des Glücks». Mitmachen kann, wer sein schönstes Lächeln in den sozialen Netzwerken mit dem #stiftungtheodora teilt. Jeder Beitrag ermöglicht einen Traumdoktor-Besuch für ein Kind. Blue Cinema und die Theodora Stiftung verbindet eine 22-jährige Partnerschaft.