Babypanik: «Die Verunsicherung der Frauen hat vehement zugenommen»

Von Sulamith Ehrensperger

12.11.2020

Letztes Jahr kamen in der Schweiz 86'172 Kinder auf die Welt. Die Verteilung der Lebendgeburten nach dem Alter der Mutter hat sich laut dem Bundesamt für Statistik in den vergangenen drei Jahrzehnten stark verändert.  Der Anteil der 35-jährigen oder älteren Mütter nimmt weiter zu.
Bild: Getty Images

Mit 35 Jahren gehe die Fruchtbarkeit massiv zurück, wird den Frauen gepredigt. Zunehmend geraten nun junge Frauen in «Babypanik». Über die Angst, keine Kinder haben zu können – das Gespräch mit Franziska Wirz, Mitbegründerin der Telefon- und Onlineberatung «appella».

Frau Wirz, Ihre Beratungsstelle informiert und berät Frauen unabhängig und unentgeltlich im Bereich der reproduktiven Gesundheit. Beobachten Sie, dass diese ‹Babypanik› zugenommen hat?

Wir beraten seit 26 Jahren und sehen, wie die Verunsicherung der Frauen vehement zugenommen hat. Immer mehr Frauen, darunter auch sehr junge, haben das Gefühl, dass viele andere Paare Schwierigkeiten mit Kinderkriegen haben. Sie beginnen an sich selber zu zweifeln, sie hinterfragen sich. Manche verhüten erst seit vier Monaten nicht mehr, haben ganz genau nach Berechnung ihres Eisprungs Geschlechtsverkehr und fragen sich: Was stimmt bei mir nicht, dass ich nicht schwanger bin? Wir beobachten, dass viele Frauen das nötige Vertrauen in ihren Körper verloren haben.

Warum diese Verunsicherung?

Frauen werden ständig mit Aussagen konfrontiert, die diese Fruchtbarkeitspanik schüren, etwa ‹die biologische Uhr tickt›, ‹Abwarten ist riskant› oder ‹es grenzt an ein Wunder, wenn Sie auf natürliche Weise schwanger würden›. Das finde ich sehr traurig. Immer und immer wieder werden den Frauen Zahlen aus der Fortpflanzungsmedizin vor Augen gehalten: ‹Ist eine Frau 20 Jahre alt, beträgt die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Monats schwanger zu werden 20 Prozent. Bei der 40-jährigen Frau sinkt die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten einer Schwangerschaft auf weniger als zehn Prozent pro Monat.› Solche Aussagen verunsichern und sollten immer hinterfragt werden.

Zur Person: Franziska Wirz
Porträt Franziska Wirz vom Beratungstelefon appella für Frauen
zVg

Franziska Wirz ist Mitbegründerin und Stellenleiterin der «appella»-Telefon- und Onlineberatung. Diese hat am internationalen Frauentag 1994 ihren Betrieb aufgenommen. «appella» ist als unabhängiger und konfessionell neutraler Verein konstituiert.

Das heisst, die Fruchtbarkeit nimmt zwar ab, aber trotz dieses Fakts wird die grosse Mehrheit der Frauen über 35 auf natürlichem Weg schwanger?

Kürzlich wurde bekannt, dass die oft kolportierte Zahl, dass jede dritte Frau über 35 binnen einem Jahr nicht schwanger wird, aus den französischen Geburtseinträgen zwischen 1670 und 1830 stammt. Ich habe eine Bekannte, die mit 48 Jahren spontan schwanger geworden ist. Die Fruchtbarkeit nimmt nicht mit 35 Jahren plötzlich ab, sie nimmt langsam ab, und der Eizellenvorrat wie auch die Qualität der Eizellen sind von Frau zu Frau verschieden. Von uns her hat die ganze Vermarktung der Fortpflanzungsmedizin bei Frauen wie Paaren Spuren hinterlassen.

Können Sie beschreiben, wie sich betroffene Frauen fühlen?

Es sind Versagensängste, dass der Körper nicht das bringt, was man sich von ihm wünscht und von ihm erwartet. Die Frauen haben Angst, dass sie kein Kind zur Welt bringen können. Manchmal lastet auch ein Druck aus dem Umfeld auf den Frauen, etwa wenn die Schwiegermutter ständig betont, dass sie gerne Grossmutter würde oder wann denn das zweite Baby kommt.

Demnach schürt unsere Gesellschaft diese ‹Babypanik›?

Ich finde nicht, dass unsere Gesellschaft diese schürt. Aber es sagt etwas darüber aus, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Es gibt kommerzielle Kinderwunsch-Messen, -Kuren und viele als erfolgversprechend angepriesene Angebote für Frauen und Paare. Hinter dem Angebot der Fortpflanzungsmedizin stecken riesige finanzielle Interessen. Der Kinderwunsch wird vermarktet, teilweise mit Zahlen, die nicht ganz fair sind. Die oft von Kinderwunschkliniken propagierten Schwangerschaftsraten sind bedeutungslos. Was für die Frauen und Paare zählt, ist die sogenannte ‹Baby take Home Rate› oder Lebendgeburten. Diese ist sehr viel niedriger, als suggeriert – sie beträgt laut Statistik 18 Prozent pro Behandlungszyklus. Paare können doch nur eine selbstbestimmte Entscheidung treffen, wenn sie umfassend und interessenunabhängig informiert werden.

Wo besteht aus Ihrer Sicht am meisten Nachholbedarf für Paare, die sich über ihren Kinderwunsch informieren wollen?

Grundsätzlich sind Kinderwunschbehandlungen physisch und psychisch für Frauen eine enorme Belastung. Ich finde, Paare müssen wissen, welche Risiken für sie, aber auch für das ungeborene oder spätere Kind bestehen. Das kommt meiner Meinung nach zu kurz. Man muss wissen, dass betroffene Frauen sehr dünnhäutig sind. Wir bekommen viel zu hören, dass bei reproduktionsmedizinischen Behandlungen oftmals ohne Empathie mit ihnen umgegangen wird. Manche berichten, dass sie ständig von jemand anderem betreut werden, man ihren Namen vergisst oder sie immerzu gefragt werden, ob es geklappt habe. Wir stellen fest, dass es beim Umgang in den Kinderwunschkliniken grosse Unterschiede gibt.

Sie sind seit Anfang bei ‹appella› dabei. Wie hat sich in den letzten drei Jahrzehnten der Umgang von Frauen mit einer ungewollten Kinderlosigkeit verändert?

Früher war es eine Schicksalsfrage, heute glaubt man, dass es keine mehr ist. Man glaubt vielmehr, dass man sich den Kinderwunsch dank der Fortpflanzungsmedizin erfüllen kann. Das geht aber nicht immer auf. Es gibt genug Paare, die alles unternehmen, dann aber leider kinderlos bleiben.



Wie gross ist der Druck, der auf betroffenen Paaren lastet?

Viele, die sich an uns wenden, sind sehr traurig und verzweifelt. Sie hinterfragen sich: Was mache ich falsch? Warum gerade ich? Warum wir? Es ist besonders schwierig, wenn Frauen und Paare sich ganz genau vorstellen, wann dieser Kinderwunsch in Erfüllung gehen soll. Manche haben schon ein Kinderzimmer eingeplant oder von Anfang an Geschlechtsverkehr nach Zeitplan. Es macht es schwierig, wenn man den Kinderwunsch wie ein Projekt angeht, das innerhalb einer bestimmten Frist realisiert werden muss. Manchmal geht es auch einfach darum, eine Partnerschaft nach einem unerfüllten Kinderwunsch zu retten. Wir hatten auch schon Fälle, da hat zwar die künstliche Befruchtung geklappt, aber die Beziehung ist daran zerbrochen.

Wie können Sie Frauen mit ‹Babypanik› unterstützen?

Wir beruhigen sie, stärken ihr Vertrauen in den eigenen Körper, sagen, dass sie sich nicht so unter zeitlichen Stress setzen sollen. ‹appella› vermittelt auch an ausgewählte Fachleute und Fachstellen aus Schul- und Komplementärmedizin, Psychologie und Psychotherapie. Gute Erfahrungen machen wir auch mit den Angeboten von Selbsthilfegruppen. Junge Frauen können sich einfach mal Zeit lassen, aus Liebe und Freude, schauen, was passiert. Wir hören auch immer wieder von Frauen, die wegen ihres Kinderwunsches auf einen neuen Job verzichten oder keine grösseren Reisen mehr planen. Wir raten, sich nicht so aufs Schwangerwerden zu fixieren, sondern das Leben weiterzuleben, sich Gutes tun und die kinderlose Zeit auch noch zu geniessen.

Welche Begegnung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Es ist noch nicht lange her, da war eine Frau bei uns in der Beratung. Ihr wurde von verschiedenen Ärzten gesagt, es grenze an ein Wunder, wenn sie auf natürlichem Wege ein Kind bekommen könne. Wir haben sie beruhigt, ihr gesagt, sie solle sich Zeit lassen und ihr Gespräche angeboten. Später haben wir von ihr eine Geburtsanzeige erhalten. Solche Geschichten erleben wir immer mal wieder.

Serie «Unerfüllter Kinderwunsch»: Der erste Teil, ein Interview mit einem Reproduktionsmediziner, erschien am 30. Oktober bei «blue News». Der zweite Teil über den Leidensdruck (un)freiwillig kinderloser Frauen am 5. November. 

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