Beat Mumenthaler: «Weiss nicht, ob Roger Federer sich gefallen hat»

Anna Maier

1.5.2019 - 00:00

Der Thuner Fotograf Beat Mumenthaler zeigt nicht nur Roger Federer von seiner persönlichsten Seite. Denn Mumenthalers Blick in die Augen schafft Vertrauen – meistens jedenfalls. Bei Alt-Bundesrat Didier Burkhalter etwa klappte es nicht.

Roger Federer stand schon vor seiner Kamera. Allerdings nicht so, wie Beat Mumenthaler es am liebsten mag: Der zu Porträtierende und er alleine in einem Raum, ein eindringlicher Blick in die Kamera, so, als ob es diese kaum gebe.

Das Ergebnis: Das Foto strahlt eine ungeheure Authentizität aus, gerade so, als sitze die Person direkt vor einem. «Ich möchte eine Verbindung schaffen zwischen dem Porträtierten und dem Betrachter des Bildes. Wann hat man schon die Gelegenheit, jemandem aus so kurzer Distanz in die Augen zu schauen? Viele wenden den Blick meist sofort ab, weil es ihnen unangenehm ist.»

Das «Official Mumenthaler-Portrait», sein Markenzeichen. Schwarzweiss ist es. Und zeigt den Menschen von seiner sehr persönlichen, verletzlichen Seite, ein beruhigender Kontrast zu den geschönten Instagram-Showbildern, die täglich auf uns einprasseln.

Mumenthalers Markenzeichen: Der entwaffnende Blick in die Augen.
Bild: Jean-Pierre Ritler

Mit seinem Gespür für Menschen schafft es der ehemalige Lehrer Mumenthaler meist spielend, sein Gegenüber zu «entmasken», häufig passiert dies nonverbal. Sein offener Augenkontakt verspricht Vertrauen und Zuversicht.

Nur bei einigen funktioniert der Blick-Trick nicht: «Wer unzufrieden ist mit sich selber und nicht daran glaubt, dass sein Gesicht ein schönes sein kann, bei dem braucht es mehr Effort. Was viele in unserer von Perfektion getriebenen Welt kaum glauben können: Auch jemand mit einer grossen Nase oder Narben im Gesicht kann auf Bildern wunderschön aussehen.»

Beifall für Bundesratsfoto

Bei wem es überhaupt nicht funktioniert hat mit dem Einfangen eines «Magic Moments»: Alt-Bundesrat Didier Burkhalter. «Vermutlich hatte er einen schlechten Tag. Aber beim Fotoshooting für das offizielle Bundesratsbild 2017 fragte er nur einsilbig, wie viele Sekunden ich für sein Bild brauchen würde. Es war sofort klar, dass er seine Frage ernst meinte und nur schnell wieder wegwollte.»

Das besagte Bild wurde eifrig besprochen. In den Medien und im Volk. Weil dieses Foto, welches Alt Bundesrätin Doris Leuthard in Auftrag gegeben hatte, an das Album-Cover der britischen Rockband Queen erinnerte und vor allem weit entfernt war vom bisherigen Sujet der aufgereihten Landesregierung.

Dass Mumenthaler vor zehn Jahren, mit Mitte 30, zum professionellen Fotografen wurde und die Menschen seither nicht nur authentisch, sondern auch verletzlich abbildet, hat einen tieferen Hintergrund.

Familiendramen bei Schülern

Mumenthaler zerbrach an seinem früheren Beruf. «Ich sah Dramen, die sich in den Familien meiner Schüler abspielten und musste gleichzeitig diesen Kindern schlechte Noten erteilen für ihre erwartungsgemäss dürftigen schulischen Leistungen. Das System hat hier in meinen Augen völlig versagt. Ich finde, dass die Schule ein grosses Potenzial verpasst, Verantwortung zu übernehmen.»

Eine Erschöpfungsdepression, Auszeit und viele grundsätzliche Gedanken später, sattelte Mumenthaler um, verabschiedete sich von seiner Klasse und widmete sich der wortlosen Kommunikation, der Bildsprache, wuchtig und intensiv. Seine Fotografien sollen etwas aussagen, eine fast schon intime Verbindung herstellen zwischen der fotografierten Person und dem Betrachter.

Hochglanzfotografie interessiert ihn nicht. «Diese Bilderfluten, bis zur Unkenntlichkeit geschönt! Wenn ein Influencer an einem völlig überfüllten Hotspot versucht, sich so abzulichten, als sei er total allein auf weiter Flur. Ich kann's nicht mehr sehen.»

Echtheit vor Hochglanz

Die prominenten Zeitgenossen, die er gern vor der Linse haben würde – «Tina Turner hat ein spannendes Gesicht, Morgan Freeman das perfekte Antlitz» –, sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich am liebsten denjenigen Menschen widmet, die weniger Strahlkraft und Mittel haben, gesehen zu werden.

Sein Lieblingsbild zeigt einen tief in Gedanken versunkenen syrischen Flüchtlingsjungen im Libanon. «Für solche Momente lebe ich. Dadurch kriege ich Energie.»

Die Erschöpfungsdepression liegt zehn Jahre zurück. Heute teilt Mumenthaler seine Energien ein und nimmt nur an, was ihm Freude macht. Und wie war das nun mit dem Bild von Roger Federer? «Ich weiss nicht, ob er sich darauf gefällt. Ich hätte ihn gerne richtig fotografiert, nur er und ich im Raum. Ich hoffe, dass sich mir diese Gelegenheit mal noch bietet.»

Den Menschen so zu zeigen, wie wenn er sich unbeobachtet fühlt, obwohl er direkt in seine Linse sieht, Mumenthalers Stärke. Eine Kunst, die nur funktioniert, wenn grosses Vertrauen da ist von dem, der sich ablichten lässt. Es scheint zu funktionieren.

Meistens jedenfalls.


Das ausführliche Interview mit Beat Mumenthaler lesen Sie hier: KeinHochglanzmagazin.

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Anna Maier ist seit über 20 Jahren als Journalistin tätig und in der Schweiz vor allem durch ihre Tätigkeiten bei Radio und Fernsehen bekannt. Seit Anfang 2018 betreibt sie ihr eigenes Online-Magazin www.keinhochglanzmagazin.com mit Fokus auf Menschen mit aussergewöhnlichen Lebensgeschichten.

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