Das am längsten ersehnte und unerwünschteste Comeback aller Zeiten

Von Bruno Bötschi

1.9.2021 - 10:01

Swedish pop group Abba, wearing kimonos, 1976. Left to right: Bjorn Ulvaeus, Agnetha Faltskog, Frida Lyngstad and Benny Andersson. (Photo by RB/Redferns/Getty Images)
Björn Ulvaeus, Agnetha Faltskog, Frida Lyngstad, Benny Andersson, alias Abba, halten für ihre Fans morgen Donnerstag möglicherweise eine Überraschung parat.
Bild: Redferns/Getty Images

Eine mysteriöse Ankündigung hat dieser Tage die Abba-Fans weltweit in Aufregung versetzt. Es könnte das am längsten erwartete Comeback der Musikbranche werden. Leider.

Von Bruno Bötschi

1.9.2021 - 10:01

Morgen Donnerstag zerbricht ein Nimbus, der sich in der Musikgeschichte über die letzten 39 Jahre lang aufgebaut hat. Ein Nimbus, der Teil der Legendenbildung des begnadetsten und erfolgreichsten Popquartetts unserer Zeit war.

Morgen Donnerstag hat Abba, die legendäre schwedische Musikgruppe, für ihre Fans eine grosse Überraschung angekündigt.

Auf Twitter tauchte dieser Tage ein Tweet namens AbbaVoyage auf, der auf eine gleichnamige Website verweist. Dort steht geschrieben: Das Warten ist fast vorbei, das Datum: 2. September 2021.

Aber bevor der Nimbus zerstört wird, blicken wir kurz zurück auf eine unglaublich erfolgreiche Musikkarriere.

Erst einmal ging es bergab

Den weltweiten Durchbruch hatte die aus den beiden Paaren Agnetha und Björn sowie Anni-Frid und Benny bestehende Band beim Eurovision Song Contest 1974 mit «Waterloo». Der Song, der einen Bogen von der Niederlage des französischen Kaisers Napoleon zu einer Liebesgeschichte spannte, wurde für sie zum Triumph.

Danach ging es erst einmal bergab. Abba drohte, was der Mehrzahl der Sieger dieses europäischen Gesangswettbewerbs widerfährt – sie sind One-Hit-Wonder und werden danach schleunigst wieder vergessen.

Warum es 18 Monate später doch noch klappte mit der Weltkarriere?

Schuld sind die Australier – und der Song «Mamma Mia». Das Lied wurde anfänglich nur in Down Under als Single veröffentlicht und erreichte dort am 3. November 1975 Platz eins der Hitparade. Zehn Wochen verharrte der Song ganz vorn und löste am anderen Ende der Welt eine regelrechte «Abbamania» aus.



Aus den acht Studioalben – von «Ring Ring» (1973) bis «The Visitors» (1981) – wurden diverse Nummer-eins-Singles ausgekoppelt: «Waterloo», «S.O.S.», «Mamma Mia», «Fernando», «Dancing Queen», «Money, Money, Money», «Knowing Me, Knowing You», «Super Trouper» und «One Of Us». Die erfolgreichste Platte ist das Best-of «Abba Gold». Insgesamt verkaufte Abba bisher weltweit rund 380 Millionen Alben.

Ankündigung versetzte Fans in Ekstase

Wir schreiben den 24. Dezember 1980. Der Autor dieser Zeilen ist 14 Jahre alt, steht vor dem Weihnachtsbaum und lächelt selig: In den Händen hält er «Super Touper», die neue Platte von Abba. Die Schweden machten Musik, die auch meine Eltern mitsummten.

Wir schreiben den 20. November 2019. Mit drei Freunden besucht der Autor die Geburtstagsfeier eines guten Freundes. Das Thema des Abends: Stars der Jugend. Wir haben uns als Abba verkleidet.

Wir schreiben den 27. April 2018: Abba hat neue Songs angekündigt. Ein Mini-Comeback nach dreieinhalb Jahrzehnten, auf das Fans weltweit lange gehofft hatten. Allein die Ankündigung versetzt die Fans in Ekstase.

Der Autor (Zweiter von links) trat vor zwei Jahren mit Freunden bei einer Geburtstagsparty als Abba auf.
Bild: zVg

Wir schreiben den 1. September 2021: Der Autor sitzt am Handy, scrollt durch TikTok und stellt fest: Viele Videos haben etwas mit Abba zu tun. 

Dafür gibt es drei Gründe:

1. Die Band stellt ihren gesamten Musikkatalog auf TikTok zur Verfügung. 2. Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad, Björn Ulvaeus und Benny Andersson starten ihren eigenen Kanal. 3. Die Schweden sind die meistgesuchte Band auf TikTok.

Sie sind gar nie richtig zurückgetreten

Die Popularität von Abba ist also auch 39 Jahre nach deren Auflösung scheinbar ungebrochen.

Eine Auszeit nehmen – davon sprach das Quartett, als es 1982 das Ende ihrer Zusammenarbeit verkündete. 39 Jahre später warten die Fans noch immer darauf, dass Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid wieder gemeinsam auf der Bühne stehen.

@broseph_murray

Dancing Queen Challenge💃 Play some Abba and record your mam’s reaction 😂 ##dancingqueenchallenge

♬ original sound - Joseph Murray

Und dann endlich der Hoffnungsschimmer in der vergangenen Woche: AbbaVoyage. 

Die BBC zitiert gleichentags aus einem Interview mit Abba-Co-Gründer Björn Ulvaeus, der über die Pläne spricht, Abba mit einer Hologramm-Show als eine Art von digitalen Avataren zurück auf die Bühne zu bringen. Diese Ankündigung ist aber nicht neu. Diese Pläne wurden zuletzt wegen der Corona-Pandemie immer wieder verschoben.

Der Nimbus ist gebrochen

Während es um Agnetha und Anni-Frid inzwischen weitgehend ruhig geworden ist, mischen Björn und Benny weiterhin in der Musikindustrie mit. Mit «Chess» brachten die beiden 1986 ein Musical im Londoner West End zur Aufführung, das wohl vor allem mit dem Song «One Night in Bangkok» in Erinnerung geblieben ist.

Im Jahr 1999 folgte das erfolgreiche Musical «Mamma Mia!», an dessen Entstehung die beiden beteiligt waren und das zur Grundlage für den gleichnamigen Film und dessen Fortsetzung wurde.

Die schwedische Popgruppe Abba bei einem Auftritt in der deutschen Fernsehshow «Am laufenden Band».
Eine Auszeit nehmen – davon sprach Abba, als sie 1982 das Ende ihrer Zusammenarbeit verkündete. 39 Jahre später warten die Fans noch immer darauf, dass das Quartett wieder gemeinsam auf der Bühne steht.
Bild: Schilling/dpa

Dass die vier Musiker*innen, die inzwischen alle über 70 sind, für AbbaVoyage wieder auf die Bühne zurückkehren könnten, glaubt kaum jemand.

Hoffnungen auf neue Musik dürfen sich die Fans jedoch machen. Schon vor drei Jahren kündigte die Band an, neue Lieder zu veröffentlichen. Zuerst war nur von zwei Songs mit den Titeln «I Still Have Faith In You» und «Don't Shut Me Down» die Rede. Nun sollen es sogar fünf werden, die noch in diesem Jahr erscheinen sollen, wie Ulvaeus im BBC-Interview bestätigte.

Es habe sich angefühlt wie damals im Aufnahmestudio und sie hätten viel Spass gehabt, schwärmte er. Dass die Songs nicht schon längst veröffentlicht wurden, dürfte wohl ebenfalls der Pandemie geschuldet sein. Die Londoner «The Times» spekulierte, es könne sogar ein ganzes Album werden.

Wie fielen die Reaktionen auf das langersehnte Fast-Comeback aus? Euphorisch bis durchzogen. «Ist Abba etwa das Kleingeld ausgegangen?», frotzelte etwa Boy George auf Twitter, als vor drei Jahren die neuen Songs zum ersten Mal angekündigt wurden. 

Egal, was morgen kommt: Der Nimbus, dass Abba nie mehr zurückkehren wird, ist dann ein für alle Mal gebrochen.

Und das ist schade. Irgendwie.

Von Bruno Bötschi