«Die Schweiz kann Corona» – Babysprache ist angesagt

Von Mark Salvisberg

11.5.2021

Bundesrat Alain Berset spricht an einer Medienkonferenz ueber die neusten Entscheide des Bundesrates zur Coronavirus-Pandemie, am Mittwoch 31. Maerz 2021, in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)
Bundesrat Alain Berset machte sich ein sprachliches Unding zu eigen – und liegt damit voll im Trend.
Bild: KEYSTONE

Vermehrt stolpert man über Verben, die in einer kuriosen Beziehung mit ihrem Substantiv stehen: «Laschet kann Kanzler.» Der Sprachpfleger über die zweifelhaften neuen Talente von können, müssen und anderen Modalverben.

Von Mark Salvisberg

11.5.2021

Herr Berset ist nicht der Erste, der dieses pseudohippe Konstrukt verwendet hat. Seine kecke Formulierung «Die Schweiz kann Corona» vom vergangenen Jahr war nicht seiner welschen Herkunft geschuldet. Es handelt sich vielmehr um ein sprachliches Unding aus Deutschland.

Modalverben verändern die Aussage von Tätigkeitswörtern, drücken etwa eine Fähigkeit, Pflicht, Erlaubnis, Absicht, Möglichkeit oder einen Wunsch aus. Sie zählen sehr schnell zum Wortarsenal durchsetzungswilliger Kleinkinder: «Will alleine!» – «Kann ich das?» – «Darf ich?» – «Ich muss Pipi!» Offenbar wird diese Babysprache auch bei Erwachsenen zunehmend als cool empfunden.

Es begann in Deutschland

«Er kann Kanzler», sagte vor rund vierzehn Jahren ein SPD-Fraktionschef über einen Parteigenossen und Anwärter auf das höchste Amt. Und bald schon stand auf SPD-Plakaten: «Yes, he can Kanzler.» Jahre später war es nicht etwa irgendein stilistisch Ahnungsloser, der dies nachplapperte, sondern der sprachlich äusserst beschlagene Altkanzler Helmut Schmidt höchstselbst.

In der Folge mussten auch andere Modalverben (dürfen, sollen, wollen) um ihre standesgemässe Wort-Entourage fürchten. Denn kurz darauf hiess es «X darf Kanzler», «Y soll Kanzler» und schliesslich «Z will Kanzler». O Schreck.

Selbst Germanistik-Koryphäen scheuen vor solch saloppen Konstrukten nicht zurück. Im Gegenteil, da wird analysiert, gewerweisst, ja es sei gar dahingestellt, ob es sich dabei um minderwertiges Deutsch handle.

Bei angestammten Fügungen kein Problem

Niemand stört es, wenn es heisst: Sie kann Russisch (sprechen). Bei dieser Formulierung geht es um eine Fähigkeit, die erlernt und schliesslich beherrscht wird. Dort steht das Nomen, das dem Verb folgt, im Akkusativ, es heisst: Sie kann wen? (Russisch). Ebenso bei folgendem Ausdruck eines Wunsches: Er will Bier (haben).

Bei «Die Schweiz kann Corona» oder «Er kann Kanzler» ist der Akkusativ nicht vorstellbar: Er kann «deutschen» Kanzler? Nein, der Nominativ ist hier Programm.

Weitere ähnliche Fügungen fordern uns heraus, 2005 hiess es beispielsweise, quasi als böses Omen, «Wir sind Papst». Wir sind Weltmeister ginge ja noch, man kann Weltmeister als Plural auffassen. Aber wir und Papst – schräg. Ein Unsinn, oft genug wiederholt von den «richtigen» Leuten, erscheint plötzlich als normal.

«Döf i e chli Schoggi?», fragte ich einst, noch halb ein Baby. – Zuerst solle ich korrekt sprechen, sagte meine Mutter, dann dürfe ich Schoggi ... haben! Heute weiss ich: Ich kann auch anders, ich kann Schoggi!


Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute täglich journalistische Texte bei einer Tageszeitung.

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