Die Vergeltungswaffe der Nazis wird zum Romanstoff

dpa

28.11.2020 - 18:02

Jens Kalaene
Der britische Schriftsteller Robert Harris gilt als einer der bekanntesten Verfasser von historischen Romanen.
Bild: dpa/Jens Kalaene

Auch 75 Jahre nach seinem Ende gibt der Zweite Weltkrieg noch Erzählstoff her. Robert Harris nimmt sich in seinem neuen Roman «Vergeltung» der Raketenwaffen an, mit denen die Nazis den Krieg zuletzt gewinnen wollten.

Tod und Zerstörung kommen ohne Vorwarnung. Erst Sekunden, bevor die Rakete mit ihrer tödlichen Sprengladung aufschlägt, kann sie wahrgenommen werden.

So sollten die «Vergeltungswaffen» wirken, mit denen die Nazis im Jahr 1944 doch noch Grossbritannien dazu bringen wollten, aus dem Bündnis mit den USA auszusteigen. Dann, so hofften die Machthaber, könnte ihr Regime vielleicht den Zweiten Weltkrieg überstehen.

Diese sogenannten Vergeltungswaffen, mit deren Hilfe Südengland vom Kontinent aus beschossen werden konnte und so den Briten den Vorteil ihrer Insellage nahmen, stehen im Mittelpunkt des neuen Romans von Bestsellerautor Robert Harris. Wie schon in seinem Erfolgsroman «Enigma» von 1995 hat der Brite um die historische Entwicklung am Kriegsende eine spannende Geschichte entworfen.

Echte Nazis und fiktive Figuren

Die Romanhandlung dreht sich um zwei Menschen, deren Erlebnisse während mehrerer Tage im November 1944 in abwechselnden Kapiteln erzählt werden, bis die beiden schliesslich aufeinandertreffen. Neben diesen beiden ausgedachten Figuren tauchen auch einige historische Personen als Romanfiguren auf, etwa Raketenpionier Wernher von Braun und SS-Chef Heinrich Himmler.

Rudi Graf ist Raketenwissenschaftler und einer der besten Kenner der Technik, die in den V2-Raketen steckt. Diese werden von gut getarnten mobilen Abschussrampen in der Nähe von Den Haag aus in Richtung London abgeschossen. Graf ist technischer Berater einer Einheit, die längst von der SS kontrolliert wird. Immer wieder kommt es zu Problemen bei den Raketen. Graf soll diese beheben und muss stets befürchten, verhaftet zu werden, wenn ihm das nicht gelingt.

In London wird 1945 eine erbeutete deutsche V2-Rakete auf dem Trafagar Squere aufgestellt. Die ballistische Boden-Boden-Rakete A4 kam im Zweiten Weltkrieg ab 1944 in grosser Zahl zum Einsatz gegen Grossbritannien. Neben der flugzeugaehnlichen Fieseler Fi 103, genannt V1, bezeichnete die NS-Propaganda auch die Rakete A4 als kriegsentscheidende „Wunderwaffe“. Im Oktober 1944 wurde sie von Propagandaminister Joseph Goebbels zur Vergeltungswaffe 2, kurz V2 erklaert. Die V2 ist weltweit die ersten funktionsfaehige Grossrakete mit Fluessigkeitstriebwerk und das erste von Menschen konstruierte Objekt, das die Grenze zum Weltraum durchstoesst. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)
In London wird 1945 eine erbeutete deutsche V2-Rakete auf dem Trafalgar Square aufgestellt. 
Bild: Keystone/Photopress-Archiv

Grafs Gegenspielerin ist Kay Caton-Walsh. Nachdem die junge Frau einen V2-Einschlag in London aus der Nähe miterlebt hat, meldet sich die Luftwaffenangehörige für einen Sondereinsatz. Als Teil einer kleinen Gruppe junger Frauen soll sie die Flugbahnen der Raketen berechnen, sodass klar wird, von wo aus sie abgeschossen worden sind. Sie wird nach Belgien gebracht – von hier sind die deutschen Soldaten gerade erst verdrängt worden – und versucht, unter dramatischen Umständen den deutschen Raketen auf die Spur zu kommen.

Harris setzt die Figur des Rudi Graf ein, um die Geschichte des deutschen Raketenprogramms zu erzählen. Als Schulfreund des legendären Wernher von Braun ist Graf schon als Schüler bei ersten Experimenten mit Raketen dabei. Vor allem gehört er zu der Gruppe von Wissenschaftlern, denen die Nazis ein Forschungszentrum in Peenemünde an der Ostsee bauten. Wernher von Braun glaubte, die Nazis auszutricksen, aber letztlich wurden die Raketen zu tödlichen Waffen und nicht zu Raumfahrzeugen.

Zunehmende Zweifel

Graf leidet sehr unter dem, was aus ihm geworden ist. «Er kam sich selbst wie eine Rakete vor, wie eine Menschenmaschine, auf eine unveränderliche Flugbahn geschickt, ohne Möglichkeit zur Umkehr, unterwegs zu einem vorherbestimmten Punkt.» Graf verzweifelt zusehends an seiner Situation und spielt sogar mit dem Gedanken an Sabotage. Aber immer wieder spielt Wernher von Braun eine bestimmende Rolle in seinem Leben.

Im Vergleich zu Graf bekommt Caton-Walsh eine eher kleine Rolle im Roman. Harris stellt das beklemmende, von allseitigem Misstrauen geprägte Nebeneinander von britischen Soldaten und belgischer Bevölkerung dar, aber die eigentliche Aufgabe, die die britische Soldatin dort erfüllt, bietet nur begrenzten Raum für Dramatik.



Der eigentliche Star des Romans ist aber eindeutig die Rakete selbst. Sie ist «gespenstisch futuristisch, die Sendbotin einer neuen Zeit». Harris nimmt sich viel Zeit, die Raketen zu beschreiben, ihre Funktionsweise zu erläutern und sehr detailliert das Spektakel eines Raketenstarts zu beschreiben.

Lange Zeit laufen die Handlungsstränge um die beiden Hauptfiguren nebeneinander her. Erst ganz zum Schluss treffen die beiden aufeinander, mit überraschenden Folgen.

In «Vergeltung» hat sich Robert Harris eindringlich mit dem Thema technische Innovation und deren moralische Konsequenzen auseinandergesetzt. Dass die «Vergeltungswaffe» der Nazis die technische Grundlage sein würde für die gefeierten Mondraketen der Amerikaner 25 Jahre später, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Problematik.

Bibliografische Angaben: Robert Harris: «Vergeltung». Wilhelm-Heyne-Verlag, 368 Seiten, ca. 34 Franken, ISBN 978-3-453-27209-5.

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