«Ich bin ja draussen»

Von Fabian Tschamper

20.11.2021

Walter Stuerm, der sogenannte
Im Untersuchungsgefängnis Brig sitzt Walter Stürm auf einer Zellenpritsche. Das Foto stammt vom 27. März 1993.
Bild: Keystone

Der Schweizer «Ausbrecherkönig» Walter Stürm flüchtete in 20 Jahren aus acht Gefängnissen: Ein rechtliches und mediales Spektakel, das in den 1990ern tragisch endet.

Von Fabian Tschamper

20.11.2021

Rund sein halbes Leben hat Walter Stürm im Gefängnis verbracht. Der Sohn einer Industriellenfamilie aus Goldach SG beschäftigte die Justiz seit seinem 20. Lebensjahr. Seine Liebe zu schnellen Autos hatte den gelernten Karosseriespengler auf die schiefe Bahn gebracht: Einen Lotus-Sportwagen finanzierte er durch den Verkauf gestohlener Autos.

Im Kriminalmuseum der St. Galler Kantonspolizei ist heute noch ein gefälschtes Nummernschild von Stürm zu sehen. Das Corpus delicti stammt aus dem Jahr 1963.

Der Berufsverbrecher beging hunderte Straftaten – hauptsächlich Einbrüche, grösstenteils gewaltfrei. Die Schweiz war damals noch ein Paradies für Diebe: Läden und Liegenschaften waren kaum mit Videoüberwachung oder Alarmanlagen ausgestattet.

Walter Stürm änderte sein Aussehen oft und gern, um den Behörden zu entkommen.
Bild: Keystone

Stürm fälschte Pässe, Führerscheine und Fahrzeugausweise, änderte sein Aussehen, seine Identitäten und Autos und tauchte immer wieder im Ausland unter.

Haben ihn seine illegalen Machenschaften gestört? Nein. Er tat es wieder und wieder.

Achtmal büxte Stürm aus Gefängnissen aus oder kehrte nach Hafturlauben nicht zurück. Letztmals war er 1995 nicht nach Bochuz im Kanton Waadt zurückgekehrt.

Besondere Bekanntheit erreichte er durch seinen Ausbruch aus der Strafanstalt Regensdorf im April 1981. Damals hinterliess er in seiner Zelle einen Zettel mit der berühmt gewordenen Bemerkung «Bin beim Ostereier suchen, Stürm». Für den «Blick» war Stürm der «Ausbrecherkönig».

Immer wieder wehrte er sich mit Beschwerden gegen die Haftbedingungen. Von linken Kreisen war er wider Willen zu einer Symbolfigur hochstilisiert worden. Es kam zu Demonstrationen gegen die Isolationshaft.

«Erholungsurlaube» von der Resozialisierung

Weil er in die Sicherheitsabteilung verlegt wurde, trat Stürm am 11. März 1987 erstmals in einen Hungerstreik, den er erst nach etwas mehr als 100 Tagen wieder abbrach. Auch im Berner Inselspital hinterliess er seine Spuren: Dank seiner Beharrlichkeit wurde in der Bewachungsstation ein Spazierhof für die Gefangenen gebaut.

Gegen 500 Personen haben am 30. Mai 1987 in Zuerich an einer Solidaritaetskundgebung fuer den in der Strafanstalt Regensdorf inhaftierten
Gegen 500 Personen nehmen am 30. Mai 1987 in Zürich an einer Solidaritätskundgebung für den in der Strafanstalt Regensdorf inhaftierten Stürm teil und fordern die Abschaffung der Einzelhaft.
KEYSTONE

Im März 1993 besuchte ihn ein TV-Reporter in Brig in der Einzelhaft. Er lehne sich weiter gegen Autoritäten auf, sagte Stürm. Ein Anwalt, der sich mit dem Gericht arrangiere, habe keinen Wert für ihn. Er habe nur ein einziges Mal eine Pistole benutzt. Seine Schuld sei aber nicht bewiesen. «In Freiheit würde ich am liebsten alte Autos renovieren», sagte Walter Stürm, der 23 Stunden am Tag eingesperrt war.

Seine Anwältin, Barbara Hug, sprach damals davon, dass es ihm gesundheitlich nicht gutgehe. Die rund sechs Jahre, die Stürm in Einzelhaft verbracht hatte, gingen nicht spurlos an ihm vorbei. Seine Ausbrüche waren nur «Erholungsurlaube» von der Resozialisierung, sagte Stürm im August 1998 in einem Radiointerview.

Tod in Gefangenschaft – mit Absicht?

Die Überraschung war gross, als er im März 1999 zusammen mit dem aus der Strafanstalt Realta ausgebrochenen Hugo Portmann als mutmasslicher Bankräuber verhaftet wurde. Sechs Monate sass er im Thurgauer Kantonalgefängnis Frauenfeld in Untersuchungshaft und verweigerte jede Aussage.

Walter Stuerm steht am 20. Dezember 1995 vor dem Appellationsgericht in Colmar, Frankreich. Umgeben von Sicherheitskraeften wird er von seiner Schweizer Rechtsanwaeltin Barbara Hug begruesst. (KEYSTONE/Michael Kupferschmidt)
Walter Stürm steht am 20. Dezember 1995 vor dem Appellationsgericht in Colmar, Frankreich. Umgeben von Sicherheitskräften wird er von seiner Schweizer Rechtsanwältin Barbara Hug begrüsst.
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Seine Entlassung war vom Bundesgericht wegen Fluchtgefahr abgelehnt worden.

Am 13. September reagierte er nicht, als ihm das Frühstück gebracht wurde. Deshalb schlossen die Polizeibeamten die Zelle auf und fanden ihn tot vor. Er hatte sich mit einem Kehrrichtsack, der regulär in der Zelle auflag, erstickt.

Stürms Persönlichkeit, sein Wesen, lässt sich gut mit einem seiner Zitate umschreiben: «Als ich früher einmal durch St. Gallen fuhr, las ich dort auf einer Mauer ‹Freiheit für Walter Stürm›, und wahrheitsliebend, wie ich nun halt mal bin, bin ich sofort zum nächsten Farbengeschäft gefahren, habe einen Spray gekauft und dann unter die Mauerinschrift gesprayt: ‹I bi jo dusse.›»


«Stürm – Bis wir tot sind oder frei» läuft ab 25. November in allen blue Cinema Kinos. Die Schweizer Schauspieler Marie Leuenberger und Joel Basman verkörpern dabei Walter Stürm und dessen Anwältin Barbara Hug.