Peter Stamm blickt ins Leben von Schweizer Normalos

Marco Krefting, dpa

22.11.2020 - 14:02

Peter Stamm konzentriert sich in seinen neuen Erzählungen auf das Wesentliche.
Bild: Keystone

Sie sind unscheinbar, meist einsam, leben irgendwo in der Schweiz – und doch erleben sie eine Geschichte, die erzählt werden will. Diesen Figuren widmet der Ostschweizer Schriftsteller Peter Stamm sein neues Buch. 

Ein Lehrling, ein Ehemann, eine Angestellte, eine Polizistin: Die Figuren in Peter Stamms neuem Band «Wenn es dunkel wird» haben allesamt eines gemeinsam. Sie fallen nicht gross auf, sie sind austauschbar.

Wie sie heissen, ist im Grunde genauso egal wie die Orte, an denen ihre Geschichten spielen. Das ist zwar meist in der Schweiz, aber letztlich auch nur eine Randnotiz.

Wichtig ist, was sie erleben. Das Schicksal, das ihnen widerfährt. Mal in einem Zeitraum von wenigen Stunden, mal über Monate hinweg. Letztlich aber sind es Momentaufnahmen aus einem Leben von Allerweltsleuten, die so kaum ein zweiter erleben wird. Der eine plant einen Banküberfall, der andere kommt seiner vermeintlich fremdgehenden Frau auf die Schliche, die nächste taucht splitterfasernackt auf einer Party auf, die vierte wird in nahezu mystischem Umfeld von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Aufs Wesentliche reduziert

Jeweils 15 bis 20 Seiten lang sind die insgesamt elf Erzählungen, in denen Stamm ins Leben seiner Protagonisten blickt. Kurzweilig geschrieben, aufs Wesentliche fokussiert. Der Leser erfährt nicht mehr als nötig über die handelnden Personen, den Hintergrund ihrer Geschichte, auch die Folgen bleiben meist seiner Fantasie überlassen.

Es ist ein bisschen so, als rausche man kurz vorbei, bekomme ein paar Fetzen mit und müsse dann weiter. Oder als sei die Folge einer TV-Serie – teils mit Cliffhanger – vorbei, aber es gibt keinen nächsten Teil. Wie es weitergeht, kann man sich selbst aufmalen.



Menschen, die allein sind, interessierten ihn mehr als jene, die mit anderen zusammen sind, sagte Stamm im Podcast des Bayerischen Rundfunks über die Auswahl seiner Protagonisten. «Man ist durchlässiger, man ist offener, man hat einen Mangel in gewissem Sinne.»

Der Mensch erkenne sich am ehesten, wenn er sich in anderen spiegle. «Wenn ich allein bin, bin ich eigentlich keine Person», so Stamm. Hinzu komme eine Zeit von Ängsten, Irrationalem, schlechtem Gewissen. Es sei eine komische Zeit, aber auch eine spannende.

Glaubwürdige Geschichten

So ungewöhnlich manch Schicksal klingt, das seine Figuren teilen, Stamm schildert die Geschichten doch glaubwürdig. Da ist der Mann, dessen Familie ihn auf dem Weg in die Winterferien an einer Raststätte stehenlässt und der eine berührende Begegnung macht. Da ist die junge Lehrlingstochter, die sich durch den Blutspende-Appell ihres Chefs mit dem kauzigsten Bürogspänli anfreundet. Und da ist der Ehemann, der sich in den Mail-Wechsel zwischen seiner Frau und dem Nebenbuhler einklinkt.

So ähnlich sind die meisten Inhalte: definitiv nicht alltägliche Phänomene, aber auch keine völlig unvorstellbaren, nie da gewesenen Vorkommnisse.

Dadurch dass der Autor für die Texte die Sichtweisen wechselt – mal die Perspektive einer Frau, mal eines Mannes –, dürfte für jeden etwas dabei sein. Auffallend ist Stamms vollständiger Verzicht auf Anführungszeichen, die bei Wortwechseln das Lesen manchmal etwas verkomplizieren. Doch wer für einige Augenblicke die Leben anderer beobachten will, kommt hier auf seine Kosten.

Bibliografie: «Wenn es dunkel wird», Peter Stamm, S. Fischer-Verlage, 192 Seiten, ca. Fr. 29.90

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