Rapper Gimma: «Ich habe schon vieles verkackt»

Gil Bieler

11.10.2020 - 18:00

«Es ist ein positives Buch!»: Gian-Marco Schmid will den Leserinnen und Lesern Mut machen.
Bild:  zVg/Livia Mauerhofer 

Ein Buch übers Scheitern – das kann sich eigentlich nur Gian-Marco Schmid alias Gimma ausdenken. Der Autor und Rapper spricht über die Idee dahinter, seine Sonderstellung als Schriftsteller, Fehler und das Trinken.

Bekannt wurde der Bündner Gian-Marco Schmid vor allem als Musiker unter seinem Künstlernamen Gimma. Seit seinem 2015 erschienenen, vielbeachteten Debütroman «Hinter dera Maska isches Dunkel» tritt er auch als Schriftsteller in Erscheinung.

Mit «blue News» sprach er über sein bereits viertes Werk – «Z'Buach vum #Scheitara», in dem es – Nomen est Omen – um Fehltritte aller Art geht.

Transparenz: Weil sich die Gesprächspartner, beides Bündner, seit Jahren kennen, wird das Interview in Du-Form geführt. 

Gimma, was qualifiziert dich denn überhaupt, uns über das Scheitern aufzuklären?

Mein erstes Buch ‹Hinter dera Maska isches dunkel› beschreibt meine Qualifikation ja recht gut. Mein Leben war lange Zeit eine einzige Scheiterverkettung. Wobei das bei den meisten Leuten genauso aussieht, das muss man auch sagen. Das Scheitern blüht allen Menschen. Ich habe mich mit diesen Dingen einfach auch einmal auseinandergesetzt, gehe auch nicht sehr zimperlich mit mir selbst ins Gericht. Wenn ich etwas verkackt habe, dann habe ich das auch so kundgetan. Und ich habe auch vieles schon verkackt. Das alles machte es leicht für mich, ein Buch darüber zu schreiben.

Die schwierigen Umstände deiner Kindheit hast du ja im Erstling aufbereitet. Was war denn dein letzter richtiger Fehltritt?

Ui, das kann ich leider nicht öffentlich sagen, höchstens off the record. Aber zusammengefasst geht es darum, dass ich einen Job verloren habe wegen einer problematischen Aussage, die ich in einem Zeitungsinterview gemacht habe. (lacht) Aber ich merke gerade, vielleicht ist der Buchtitel etwas irreführend.

Das neue Buch
zVg

Mit «Z’Buach vum #Scheitera» legt Gian-Marco Schmid alias Gimma sein viertes Buch vor. Es erscheint am 28. Oktober beim Markenkern-Verlag, kann aber bereits auf Gimmasworld.ch vorbestellt werden.

Inwiefern denn?

Es geht nicht darum, das Scheitern zu zelebrieren, sondern darum, was danach kommt, was man daraus macht. Das Buch soll einem dabei helfen, sich überhaupt einmal Gedanken über das Scheitern zu machen. Wenn man dann in seinem Leben einen Tiefpunkt erreicht, soll man ein Werkzeug zur Hand zu haben, um zu verarbeiten zu können und wieder auf die Beine zu kommen. Es ist im Grunde ein positives Buch. Aber davor geht es schon sehr, sehr, sehr tief runter.

In der Pressemitteilung zum Buch ist von einer Verhaftung in diesem Jahr die Rede. Was hat es denn damit auf sich?

Oh nein, auch dazu sollte ich wohl noch nicht allzu viel sagen. (lacht) Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich offener darüber reden.

Ein Buch übers Scheitern – wie bist du auf das Thema gekommen?

Schuld ist Cigi, ein befreundeter Rapper und mein ehemaliger Lehrmeister aus Chur. Nachdem er das ‹Maske›-Buch gelesen hatte, meinte er: ‹Das ist die Geschichte, wie du aufgewachsen bist, die kenne ich. Aber viel interessanter wäre es doch zu wissen, wieso du nach all dem überhaupt noch lebst.›

In diesem Moment dachte ich mir: Das wäre doch ein Thema! Ich wollte den ‹Maske›-Faden ohnehin in irgendeiner Form weiterspinnen. Also trug ich diese Idee einige Zeit mit mir herum, und da ich mich in den letzten Jahren vermehrt mit der Philosophie der Stoiker befasst habe, kam am Ende nun dieser Ratgeber heraus.

Das Konzept, Krisen als Chance zu nutzen, ist ja nicht neu. Wieso braucht es da auch noch einen Ratgeber von dir?

Naja, brauchen … was braucht die Welt schon wirklich? Ich glaube aber, dass ich dank meines Wissens übers Scheitern, meines mir selber schicksalshaft antrainierten Wissens, den Leuten authentische Hilfe anbieten kann. Einfach indem ich es anhand meines Beispiels erkläre. Schon die Reaktionen auf ‹Maske› zeigen mir, dass die Leute ein Bedürfnis haben, sich mit den dunkleren Seiten des Lebens auseinanderzusetzen, und dazu bietet dieses neue Buch einen guten Einstieg. Es hilft den Leuten hoffentlich auch schon, wenn sie sehen: ‹Hey, dieser Gimma war noch tiefer unten als ich, und trotzdem ist er happy.›

Bei ‹Maske› hattest du damals betont, alles darin sei semi-biografisch. Und diesmal?

Da spielt das nicht so eine Rolle. Es hat wiederum viel Persönliches drin, aber ich beziehe auch andere Dinge ein. Es ist sicherlich nicht so Ich-fixiert. Es hat schon mehr Aspekte drin, die weit weg von mir sind. Und wer weiss, vielleicht kann ich mich in künftigen Büchern dann auch einmal ganz von meiner Person lösen, aber im Moment ist es halt immer noch die beste Geschichte, die ich zu erzählen habe. Also prügle ich diesen Hund noch etwas durchs Dorf.

« Rückblickend hätte ich das Buch gar nicht herausbringen sollen»

Nach vier Büchern und unzähligen Musikalben: Hast du überhaupt noch Geschichten zu erzählen? Du bist ja erst 40.

Aber sicher. Jetzt gerade arbeite ich die Geschichte einer Pornoproduktion mit Bonnie Rotten auf, in die ich involviert war, dann gab es noch eine Fussballreise in den Irak mit der FA Raetia … ich habe also ziemlich viel abgefahrene Sachen erlebt.

Was auffällt: Du schreibst wieder auf Mundart. Dein zweites Buch ‹40› war noch auf Hochdeutsch verfasst …

Das mit ‹40› war auch so etwas, das ich richtig vermasselt habe. Mir und Gion Mathias Cavelty war da etwas Falsches versprochen worden, dass das der Eintritt in den Büchermarkt in Deutschland sein könnte. Was dann aber anders kam. Rückblickend hätte ich das Buch also gar nicht herausbringen sollen. Auch die Texte in meiner Musik schreibe ich ja immer auf Mundart, von daher war für mich klar, dass ich nicht nochmals auf Hochdeutsch schreibe.

«Superschwiizer»: Gimma erklärt die Lyrics zu einem seiner bekanntesten Songs.

YouTube

Hat denn Mundart auch den besseren Sound?

Ich bin vor allem der einzige, der in dieser Sprache schreibt! Das ist ein echtes Privileg! Das geht so weit, dass ich das Schriftbild dieser Sprache prägen kann. Ich bin deswegen auch schon mit einer Dialekt-Lektorin aneinandergeraten. Zum Beispiel schreibe ich ein langes ‹i› mit Doppel-i. Aber irgendwo gibt es wohl eine Regel, dass man ein langes ‹i› als ‹y› schreibt. Aber wenn ich doch von ‹Superschwiizer› schreibe, dann kann man daraus ja keinen ‹Superschwyzer› machen, oder? Fazit: Die eigene Sprache zu haben ist schon uh huara lässig.

Naja, Arno Camenisch hat auch immer Einwürfe auf Dialekt.

Stimmt, was hat er in seinen Büchern? Farruckt und huara … das ist natürlich ein Stilmittel. Das ist herzig, aber ich persönlich finde, das kommt immer etwas puuramässig rüber. (lacht)



Das neue Buch willst du 2021 mit Lesungen an ganz unterschiedlichen Orten vorstellen. Worauf freust du dich da am meisten?

Auf die Lesungen natürlich, aber ich gebe auch Schulungen in Luzern und wahrscheinlich in Bern. Auch sonstige Workshops sind geplant. Lesungen sind einfach toll und ganz anders als ein Konzert, weil man ja nichts auswendig lernen muss. Echt ein easy Job im Vergleich zu einem Konzert als Rapper, wo man 20 Songs auswendig können muss. Aber lesen? Das ist voll geil, auch angetrunken.

Du trinkst doch gar nicht mehr so fleissig?

Also Szenen wie bei einer ‹Maske›-Lesung in Zürich, während der ich eine ganze Flasche Braulio getrunken habe, wird es nicht mehr geben. Ich trinke höchstens noch ein-, zweimal pro Monat, wenn überhaupt. Wenn ich ein Bier trinke, merke ich das körperlich. Ich muss heute echt Bock haben, damit ich trinke – Bock auf Hirnferien.

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