Schreiber vs. Schneider: «Wir wollten wissen, wie andere lieben»

Bruno Bötschi

21.9.2020 - 06:56

Steven Schneider streitet länger. Falls es je laut wird, was kaum passiert, kommt das von Sybil Schreiber.
Bild: zVg

Wie funktioniert die Beziehung des öffentlichsten Ehepaars der Schweiz? Die Kolumnisten Sybil Schreiber und Steven Schneider verraten, wie ihre langjährige Partnerschaft lebendig bleibt und erzählen über ihre grösste Krise.

Sybil Schreiber, 56, und ihr Mann Steven Schneider, 55, schreiben seit 20 Jahren jede Woche eine Paar-Kolumne. Das Ehepaar lebt – zusammen mit zwei Töchtern und mehreren Haustieren – im aargauischen Zurzach. Schreiber-Schneider haben als Beziehungs-Seismografen während der letzten zwei Jahrzehnte schon manche Erschütterung in diesem hin und wieder fragilen Alltags-Gebilde aufgezeichnet.

Für ihr neuestes Projekt schreiben Schreiber-Schneider nicht «nur» über ihre eigene Ehe, sondern sie sprachen mit vielen Menschen über deren Liebesleben. Sie sprachen mit Frauen und Männern von 9 bis 93 Jahren und machten daraus ein Buch: «Schreiber vs. Schneider – Nun sag', wie hast Du's mit der Liebe?» ist ab heute im Buchhandel erhältlich.

Bleibt die Frage: Wie halten es eigentlich Schreiber-Schneider mit ihrer Liebe?

«Bluewin» befragte das Ehepaar getrennt. Die Idee zu dem Fragebogen haben wir übrigens der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» entnommen, dort werden für die Serie «Getrennt befragt» regelmässig Paare befragt.

Sybil Schreiber und  Steven Schneider, warum haben Sie sich zum ersten Mal geküsst?

Sybil Schreiber: Nun, warum küsst man einander? Weil ich bis in die Zehenspitzen verliebt war.

Steven Schneider: Es war mir ein riesiges Bedürfnis!

Seit welchem Tag sind Sie beide «zusammen»?

Sie: Also ich bin länger mit ihm zusammen, als er mit mir. Bei mir war's an einem Skiwochenende in Brigels, wie er vor mir wedelte, unser Tempo dasselbe war, wir im Lift die Schneeberge bestaunten – ab da war ich mit ihm zusammen. Aber ein Datum weiss ich nicht.

Zum Autor: Bruno Bötschi

«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus-Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.

Er: Keine Ahnung. Unser Zusammenkommen dauerte lange und war verworren. Ich weiss nur, dass Sybil unser Zusammensein etwa sechs Monate früher als ich datiert.

War es Liebe auf den ersten Blick?

Sie: Nein, die Liebe kam erst nach unzähligen ersten, zweiten, dritten Blicken.

Er: Nein. Die Liebe kam eineinhalb Jahre nach dem ersten Blick.

Was hat Ihnen am anderen gefallen?

Sie: Seine Phantasie, sein Humor, seine Offenheit.

Er: Von Anfang an die Freundlichkeit, die Aufmerksamkeit, der Humor.

Was weniger?

Sie: Die Adiletten.

Er: Ich war ziemlich Fan.

Wofür sind Sie Ihrer/m Partner/in besonders dankbar?

Sie: Er hat daran geglaubt, dass ich als selbstständige Journalistin weiterkomme. Ohne ihn wäre ich wohl noch immer Redaktorin beim Tages-Anzeiger.

Er: Liebe, Vertrauen, Glauben, Zusammenhalt, Kinder.

Sybil Schreiber sagt, die Liebe kam erst nach unzähligen ersten, zweiten, dritten Blicken. Steven Schneider sagt, die Liebe kam eineinhalb Jahre nach dem ersten Blick.
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Haben Sie Dinge gemacht, die andere Paare nicht tun?

Sie: Ich will gar nicht wissen, was andere Paare tun. Aber was wir tun: Wir schenken uns Kraft. Und das wünsche ich jedem Paar.

Er: Begonnen, eine Paarkolumne zu schreiben.

Gibt es Dinge, die andere Paare von Ihnen lernen können?

Sie: Es widerstrebt mir, anderen Tipps zu geben. Aber was eine Zutat für unser Glück ist: echtes Interesse am anderen.

Er: Besser zu schreiben – in unseren Schreibkursen im Geschichtenhaus Hirschli.

Seit 20 Jahren schreiben Sie wöchentlich eine gemeinsame Paarkolumne in der «Coop-Zeitung». Wirklich wahr, dass Sie deshalb noch keine Paartherapie machen mussten?

Sie: Die haben wir uns durch die Kolumne erspart. Denn es ist durchaus hilfreich, wenn man den Alltagskram schreibend bewältigt. Das kann ich Paaren nur empfehlen. Schreibt einander Briefe!

Er: Wir mussten noch keine Paartherapie machen, weil wir keine Probleme haben. Vielleicht haben wir keine Probleme, weil wir Woche für Woche unseren Alltagskram unter die Lupe nehmen.

Sind Sie auch in anderen Lebensbereichen derart ausdauernd?

Sie: Im Schreiben. Deutsch war mein Lieblingsfach, Journalismus mein Traumberuf und schreiben werde ich immer.

Er: Ich habe mir in all den Jahren meine Leidenschaft für den Rennsport, die ich habe, seit ich sieben bin, nie und von niemandem vermiesen lassen.

Nun haben Sie zusammen auch noch das Buch «Nun sag, wie hast du’s mit der Liebe?» geschrieben. Warum?

Sie: Weil uns die Liebe fasziniert. Weil wir wissen wollten, wie andere lieben, ab wann man liebt, wie die Liebe am Leben bleibt, wenn das Leben geht, wie Liebe gelingt, wenn sie kompliziert wird. Weil wir wissen wollten, wie sich die Liebe im Lauf eines Lebens wandelt. Wir haben mit Liebenden zwischen 9 und 93 Jahren geredet. Es war unglaublich spannend, berührend und überraschend.

Er: Weil wir Lust dazu hatten. Allerdings keine gemeinsame Idee. Bis wir uns einig waren, was für ein Buch wir schreiben wollen, dauerte es. Und zwischendurch wurde die Lust, weils eben so kompliziert war, ein wenig weniger. Doch als der Anfang geschafft war, kam die Lust zurück – mit grosser Wucht.



Wer schreibt schneller?

Sie: Ich bin eine Drauflosschreiberin.

Er: Auf der Tastatur bin ich unschlagbar. Untersucht man das schnell Geschriebene auf Qualität, liegt sie meist vorne.

Wer schreibt besser?

Sie: Da erlaube ich mir kein Urteil. Ich lese seine Texte wahnsinnig gerne, bei meinen eigenen meldet sich immer der innere Kritiker.

Er: Abhängig von der Tages- und der Textform. Wir haben beide unsere Stärken.

Gibt es Dinge, die Sie absolut nicht gemeinsam erledigen können?

Sie: Ein Möbelstück von hier nach dort tragen. Wir haben komplett andere Vorgehensweisen. Wobei meine die richtigere ist.

Er: Schwere Möbel zu zweit umstellen. Nicht, weil die Möbel zu schwer wären, sondern weil es zu schwierig ist für mich, ihre Wege zu gehen. Sie bewegt sich komplett unlogisch, um etwas von A nach B zu bringen.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Sie: Mitten in München in einer grossen Altbauwohnung, der Flur war derart lang, wir konnten dort Rad fahren, unsere Katzen kletterten in den Vorhängen rum, meine Mutter färbte sich die Haare rot und kämpfte für die Emanzipation der Frauen, mein Vater operierte Menschen gesund und wir Kinder durften ziemlich alles machen, was wir wollten. Ich bin total antiautoritär aufgewachsen. Toll, aber manchmal auch etwas alleine und überfordert.

Er: Auf dem Land, bis zum Kindergarten nur italienischsprachig, mit drei Brüdern, in einer Wohnung oberhalb einer Betonelementefabrik. Diese war mein Spielplatz.

Wann spüren Sie diesen Unterschied?

Sie: – (Keine Antwort, Anmerkung der Redaktion)

Er: Wenn es um anstrengende Tätigkeiten geht. Sie will sofort Pause machen, Znüni nehmen, sich hinlegen und erholen, während ich noch nicht einmal richtig warmgelaufen bin.

Sybil Schreiber sagt «ich bin eine Drauflosschreiberi». Steven Schneider sagt «auf der Tastatur bin ich unschlagbar. Untersucht man das schnell Geschriebene auf Qualität, liegt sie meist vorne».
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Wer macht mehr Sport?

Sie: Er.

Er: Siehe vorhergehende Antwort.

Wer macht öfter das Bett?

Sie: Ich.

Er: Sie.

Wer putzt häufiger die Toilette?

Sie: Ich. Stinkt mir!

Er: Sie.

Wer von Ihnen arbeitet lieber?

Sie: Er. Ich bin sehr gerne gemütlich, das kann ich wirklich gut.

Er: Ich. Ich liebe es, Sachverhalte nah entlang von Menschen zu beschreiben.

Wer verdient mehr Geld?

Sie: Da wechseln wir uns ab. Seit immer geht alles auf ein Konto, von dem wir uns denselben Lohn zahlen.

Er: Es gibt nur eine Kasse. Daraus zahlen wir uns den gleichen Lohn.



Wie wichtig ist Sexualität für eine langjährige Partnerschaft?

Sie: Mal mehr, mal weniger. Wenn Ihre Frage lauten würde: Wie wichtig ist Körperlichkeit für eine langjährige Partnerschaft? Dann würde ich sagen: enorm wichtig!

Er: Wichtig. Wofür hätten wir sonst einen Körper, der so viel spüren kann? Allerdings geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität. Sollte es von Anfang an gehen.

Welchen Tick Ihrer/s Partner/in lieben Sie?

Sie: Er pfeift. Ich höre ihn also schon von weitem. Es kann aber auch nerven, vor allem, wenn er die Melodie von Robi, Tobie und das Fliewatüüt zwitschert.

Er: Ihr Unvermögen, Witze zu erzählen. Sie zerreisst sich schon lange vor der Pointe vor Lachen. So erfahren die Zuhörerinnen nie, worum es geht, aber es macht gute Laune, sie so fröhlich zu sehen.

Gibt es etwas in Ihrer Partnerschaft, dass Sie seit Jahren versuchen zu ändern, aber keinen Erfolg damit haben?

Sie: Dass er kurz bevor wir Gäste empfangen, noch rasch unter die Dusche hüpft.

Er: Sie ist unpräzis. Wenn sie mir einen Gruss ausrichten soll von einem, sagen wir, Roland Meier, dann richtet sie mir einen Gruss aus von einem Peter Moser. Sie nimmt es in solchen Dingen nie genau.

Welcher Satz Ihrer/s Partner/in treibt Sie zur Weissglut?

Sie: Du packst zu viel ein.

Er: Das ist aber teuer!

Wer streitet länger, wer lauter?

Sie: Er länger, denn er schnappt ein. Laut werden wir nicht. Ich eventuell ein bisschen vehement.

Er: Ich schnappe ein. Falls es je laut wird, was kaum passiert, kommt das von ihr.

Was war die grösste Krise Ihrer Beziehung?

Sie: Dass ich bei meinem ersten Buch nicht vorwärtsgemacht habe, obwohl ich einen Abgabetermin hatte. Da wurde er richtig sauer.

Er: Wir hatten unsere grössten Krise, bevor die Beziehung begann. Dramen, Kummer, Abschiede und so weiter. Seit wir zusammen sind, verläuft unser Leben beziehungstechnisch recht krisenfrei.

Wie haben Sie diese Krise überstanden?

Sie: Steven gab mein unfertiges Manuskript ohne mein Wissen unserem Verleger. An dieser Stelle: Einmal mehr Danke. Ich wäre sonst nie fertig geworden.

Sybil Schreiber und Steven Schneider haben nur eine Kasse. Daraus zahlen sie sich immer den gleichen Lohn.
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Er: Indem wir endlich eine Beziehung eingingen.

Ihr beiden Töchter sind bald 20 und 16 Jahre alt. Wo sehen Sie sich in zwei Jahren, wenn beide volljährig sind?

Sie: Hoffentlich gesund und munter beim Schreiben, Reisen, Kochen, Lachen, Wandern, Träumen und die freie Zeit zu zweit neu entdecken.

Er: In einem leeren Nest. Was man damit machen kann, sehen wir dann.

Mit welchem Gefühl denken Sie an das AHV-Alter?

Sie: Dass man da wahrscheinlich entsetzlich viel Bürokram erledigen muss, um Geld zu bekommen.

Er: Bedauern, dass das Leben so schnell vergeht.

Wie wird es im Altersheim werden?

Sie: Hoffentlich lustig, wobei lieber nicht ins Altersheim, sondern lieber alt daheim.

Er: Hoffentlich wild und lustig. Man braucht auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen und man weiss nie, ob man etwas zum letzten Mal macht. Also Vollgas!

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für Ihre Beziehung, welcher wäre das?

Sie: Immer neugierig auf den anderen sein, gesund bleiben und miteinander übereinander lachen können.

Er: Noch lange nicht ins Altersheim zu müssen.

Welche Frage wollten Sie Ihrem Mann/Ihrer Frau schon lange einmal stellen, haben sich bisher aber nicht getraut?

Sie: Sich trauen hat etwas mit Vertrauen zu tun. Und das habe ich voll und ganz in uns beide. Darum gibt es keine Frage, die ich nicht stellen würde.

Er: Wenn ich mir eine solche Frage nicht im privaten Umfeld zu stellen traue, dann erst recht nicht öffentlich …

Sybil Schreiber und Steven Schneider wurden getrennt befragt. Die beiden Interviews wurden schriftlich geführt.


Bibliografie: Schreiber vs. Schneider – Nun sag', wie hast Du's mit der Liebe?, Salis Verlag, 240 Seiten, ca. Fr. 25.90


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