«Selbstbewusstsein kann man trainieren wie einen Muskel»

Julia Wagner

25.9.2020 - 07:00

Selbstbewusstsein
«Wer erfolgreich sein will, muss sich als Marke positionieren», sagt Autorin Tijen Onaran.
Bild: Getty Images

Nur wer laut ist und gut in Sachen Eigenmarketing, kommt im Job voran? Stimmt leider. Tijen Onaran erklärt in ihrem neuen Buch, wie jeder Mensch Personal Branding betreiben kann – egal ob Krankenschwester oder CEO.

Frau Onaran, Personal Branding klingt nach Influencer. Sie schreiben in Ihrem Buch ‹Nur wer sichtbar ist, findet auch statt›, aber, dass dies jeder von uns brauchen würde. Ist das nicht etwas übertrieben für jemanden, der angestellt ist?

Das höre ich häufiger. Personal Branding löst bei ganz vielen Menschen Hautausschlag aus, weil sie sehr schnell an die Vermarktungsmaschinerie von grossen Brands denken. Und sich dann fragen, als Mensch bin ich doch keine Marke? Aber das Credo des Buches lautet ja: Positioniere dich, bevor es andere für dich tun.

Ein praktisches Beispiel: Ich gehe auf eine Party und der Gastgeber stellt mich auf eine Art und Weise vor, bei der ich finde, dass die beschriebenen Talente oder Charakteristika eigentlich gar nicht zu mir passen. Meine Eigenwahrnehmung klafft weit mit der Fremdwahrnehmung auseinander. Das liegt offensichtlich daran, dass ich vorher nicht gut genug kommuniziert habe, wie ich mich darstellen will, und was mich ausmacht. Das gilt auch in einem beruflichen Kontext.

Warum sollte sich etwa eine Krankenschwester im Job positionieren?

Wir werden alle an einen Punkt in unserer beruflichen Laufbahn kommen, wo wir uns verhandeln müssen, zum Beispiel unser Gehalt. Oder wir müssen einen Job suchen und sind darauf angewiesen, dass einen Leute kennen und auch schon wissen, worin wir wirklich gut sind und vielleicht auch worin nicht. Gerade in Krisenzeiten ist das Thema Positionierung wichtig.

Zur Person: Tijen Onaran
Tijen Onaran
Bild: Urban Zintel

Tijen Onaran ist Gründerin von Global Digital Women, einem digitalen Netzwerk, das sich für mehr Sichtbarkeit und Empowerment für Frauen einsetzt. Vom Manager Magazin wurde sie zu den 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft gewählt. Gerade erst sass sie in der Jury des FemBizSwiss Award 2020.

Was bedeutet es für Sie, im Job sichtbar zu sein?

Das hängt stark davon ab, was das Ziel in meiner Positionierung ist. Wenn ich weiss, dass ich meine Karriere im Unternehmen fortsetzen will, dann ist es wichtig, den Fokus auf die interne oder branchenspezifische Positionierung zu legen. Das fängt an mit 1:1 Treffen mit Kollegen, wo ich beim Mittagessen eben nicht nur über die Familie spreche, sondern auch über meine Projekte.

Was ist gut gelaufen, was habe ich auf die Beine gestellt, woran war ich beteiligt? Ich kann mich auch bei internen Veranstaltungen sichtbar machen. Das können Newsletter sein oder das Intranet. Der nächste Schritt wäre zu überlegen, ob nicht auch eine externe Öffentlichkeit spannend für mich wäre. Könnte ich zum Beispiel jemand sein, der dem Beruf auf Instagram ein anderes Image verleiht?

Hört sich nach einem extra Stück Arbeit an, die ich dann auch noch nach meiner Arbeit erledige …

Ich würde es vor allem als beste Arbeit in mich selbst definieren. Es ist eine ziemlich romantische Vorstellung, dass meine Leistung von allen gesehen wird. Es ist schon so, dass ich darüber reden muss. Das muss nicht unbedingt sein, dass ich auf Social Media irgendwelche Selfies dazu poste. Ich kann mir etwa überlegen, wer die drei Menschen sein könnten, die mich auf dem Zettel haben sollten und wie ich an sie rankomme oder mit wem ich mich vernetzen muss, damit sie mich auf dem Zettel haben.

Sollte man in jedem Job seinen USP haben?

Ja, aber mein Markenkern muss gar kein fachliches Thema sein. Ich muss nicht unbedingt über Gesundheitsthemen sprechen, wenn ich in der Pflegebranche bin. Es kann auch ein Talent oder eine Fähigkeit sein. Vielleicht bin ich ein Organisationsgenie oder ich bin gut darin, Leute zu vernetzen. Das sind lauter Talente, die jeden Job überdauern. Wenn ich etwas gut kann, muss ich mich so positionieren, dass genügend Leute das auch mitbekommen. Und das mache ich, in dem ich darüber erzähle. So gesehen ist also eine Positionierung für jeden spannend. Talente und Fähigkeiten sind ja unabhängig vom Hierarchielevel und davon, ob ich Akademiker bin oder nicht, Berufsanfänger oder der Top-CEO eines grossen Unternehmens.

Neues Buch von Tijen Onaran.
Das neue Buch von Tijen Onaran heisst «Nur wer sichtbar ist, findet auch statt».
Bild: zVg

In Ihrem Buch empfehlen Sie, sich auch mal selbst für einen Job vorzuschlagen. Vielen fehlt dafür aber das Selbstbewusstsein …

Selbstbewusstsein kann man trainieren wie einen Muskel. Wer sich schwertut, sich selbst vorzuschlagen, sollte liebe Kolleginnen und Kollegen fragen, ob sie nicht mal eine Beschreibung über einen verfassen könnten. Wie würden sie eine Empfehlung für einen Job formulieren? Sich das durchzulesen und auch anzunehmen, ist etwas ganz Tolles. Ihr Gegenüber wird Dinge in Ihnen sehen, die Sie selbst noch gar nicht gesehen haben.

Wie wichtig finden Sie im Berufsleben Mentoren?

Extrem wichtig. Ich habe mir selbst meine Mentoren gesucht und nie darauf gewartet, dass ein Mentor auf einem Schimmel dahergeritten kommt. Ich habe immer geguckt, wer Vorbilder für mich sind und welche Menschen mich inspirieren. Das muss jetzt auch nicht unbedingt jemand sein, der in der Hierarchie übergeordnet ist.

Mentoring kann auch auf Gegenseitigkeit beruhen. Gerade auf Social Media kann ich Menschen treffen, die ausserhalb meines Netzwerkes und Wirkungskreises sind. Ich muss nur den Mut haben, sie anzuschreiben. Das kann ich nur jedem raten, es lohnt sich.

Die Langfassung des Interviews mit Tijen Onaran erschien zuerst im Medwing Magazin.


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