«Sterben ist ein Dürfen und kein Müssen»

#Von Bruno Bötschi

23.12.2020

Karin Koch Sager (rechts) arbeitet  in der dritten Generation im familieneigenen Bestattungsunternehmen in Wohlen AG. Ihre Schwester Doris Hochstrasser-Koch ist seit letzten Frühling altershalber aus dem Unternehmen zurückgetreten.
Bild: Frank Baumann

Das Abschiednehmen von Verstorbenen ist wegen der Corona-Pandemie stark eingeschränkt. Bestatterin Karin Koch Sager sagt, wie sie die vergangenen Monate erlebt hat und warum sie sich manchmal absichtlich verzählt.

«Am schlimmsten ist, dass viele ältere Verstorbenen wegen der Corona-Pandemie in den letzten Wochen und Monaten vor dem Tod keinen Besuch im Spital oder dem Altersheim bekommen durften – egal, woran sie gestorben sind.

Wenn man wochenlang nicht mehr zur Grossmutter darf, ist das einfach nur schrecklich. Das Grosi leidet allein, sie verstirbt allein. Das sind Gedanken, die schmerzen. Viele Angehörige machen sich Vorwürfe, weil sie das Gefühl haben, ein Familienmitglied in einer schwierigen Situation allein gelassen zu haben. Sich nicht mehr von den Liebsten verabschieden zu können, tut weh.

Ich bin seit 30 Jahren als Bestatterin im aargauischen Wohlen tätig. Die Reaktionen der Angehörigen auf diese schwierigen Umstände sind die grösste Veränderung, mit der wir in diesem Jahr zurechtkommen mussten. 

Bei der ersten Corona-Welle im vergangenen Frühling bin ich am Anfang richtiggehend erstarrt. Ich wusste nicht, was auf uns zukommt. Ich gebe zu, ich hatte Angst. Gott sei Dank wurde es dann nicht so schlimm wie erwartet.



In unserer Region sind zum Glück nicht überdurchschnittlich viele Menschen gestorben. Mit der zweiten Welle hat sich das verändert. Aktuell haben wir viele Todesfälle, die ältere Menschen betreffen. Ich rede jetzt von Jahrgängen 1928 bis 1940 – viele davon sind coronapositiv.

Aus Erfahrung weiss ich jedoch, dass am Ende eines Jahres in unserer Region die Zahl der Todesfälle meistens ansteigen. Wir haben es zurzeit streng, aber bisher funktionieren wir im Normalbetrieb.

Während meiner Tätigkeit als Bestatterin durfte ich immer wieder erfahren, dass Menschen am Jahresende besser loslassen können. Sie wünschen sich, dass das Leben dem Tod weichen soll. Sterben hat auch viel mit dem Mentalen zu tun. Wir Menschen müssen bereit sein, um die Erde verlassen zu können.

Der Tod gehört zum Leben

Der Tod gehört zum Leben, er ist etwas Natürliches. Sterben ist ein Dürfen und kein Müssen. Viele Menschen haben heute Angst vor dem Sterben. Ja, mir scheint, dass der Tod zurzeit vor allem mit negativen Gefühlen verbunden ist. Damit habe ich Mühe.

Natürlich weiss ich, dass das Coronavirus gefährlich ist und wir uns alle davor schützen müssen. Gleichzeitig denke ich, dass wir nicht in Panik ausbrechen sollten.

Meine Aufgabe als Bestatterin ist es, gerade in solch schwierigen Zeiten wie heute den Angehörigen beizustehen, sie zu begleiten, damit sie sich richtig verabschieden können. Dazu gehört zum Beispiel die Aufbahrung. Wir haben Räume bei uns eingerichtet, wo die Menschen in Ruhe mit dem Verstorbenen zusammen sein können.

Wir bestatten Verstorbene jeglicher Religion oder Glaubens, also auch Atheisten. Es treten ja immer mehr Menschen aus der Kirche aus. Bei den Menschen, die an gar nichts glauben, stelle ich hin und wieder fest, dass sie nach einem Schicksalsschlag verlorener sind als andere. Sie fallen ins Bodenlose, können von nirgendwo Kraft schöpfen. Der Glaube, egal an was, kann einem Menschen in solchen Momenten helfen.

Karin Koch Sager: «Während meiner Tätigkeit als Bestatterin durfte ich immer wieder erfahren, dass Menschen am Jahresende besser loslassen können.»
Bild: zVg

Die Abschiedsfeiern haben sich wegen des Virus in diesem Jahr stark verändert. Sie dürfen nur noch im kleinen Kreis stattfinden und es muss Abstand gehalten werden. Am Grab selber sind, je nach Gemeinde, nur noch die engsten Familienangehörigen erlaubt. Umso wichtiger ist es, dass wir als Bestatter*innen die Menschen gut betreuen.

Wenn Angehörige mir sagen würden, dass sie eine Person zu viel wären für das Begräbnis, würde ich für eine Lösung schauen oder im schlimmsten Fall mich absichtlich verzählen. Ich merke aber auch, dass manche Angehörigen froh sind, dass die Trauerfeier nun in kleinerem Rahmen stattfindet. Sie haben wenig Lust auf dem Friedhof Dutzende Hände zu schütteln.

Sie möchten einfach in Ruhe dem Grosi Adieu sagen.»

Bibliografie: Die Bestatterinnen – gestorben wird immer, Franziska K. Müller, Verlag Wörterseh, 36.90 Fr. 

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