Das Virus in den Altersheimen vermeiden – um welchen Preis?

Von Daniela Kuhn

15.12.2020

Jeannine Schälin mit einem Bild von ihrer Mutter.
Bild: Privat

Im Frühling 2020 zwang die erste Corona-Welle Tausende von Seniorinnen und Senioren in der Schweiz in die Isolation. Ihrem Leiden will das Buch «Eingesperrt, ausgeschlossen» eine Stimme geben.

Journalistin Daniela Kuhn durfte ihre Mutter, 84, während des Lockdowns im vergangenen Frühling im Heim nicht besuchen. Sie wollte wissen, wie andere die Zeit des Ein- und Ausgesperrtseins erlebt haben.

Was passiert, wenn mündige Personen ungefragt in einer Weise geschützt werden, die ihrem Alltag das nimmt, was ihn lebenswert macht?

17 Heimbewohner*Innen und Angehörige*Innen gaben ihr Antwort: die ehemalige Pflegefachfrau, die im Altersheim denunziert wurde, nachdem sie ausserhalb der erlaubten Zone beim Giessen des Ginkgo-Bäumchens ertappt wurde; der im Altersheim im Maggiatal eingesperrte ehemalige Wirt, der gerne wieder seinen beiden freiwilligen Jobs nachgehen würde; die Tochter, die verzweifelte, weil ihre demente Mutter am Telefon immer wieder zu ihr sagte: «Ich bin so allein!»

Das Buch «Eingesperrt, ausgeschlossen» bietet Lesern*Innen, die Ähnliches erlebt haben, eine Art Echo, in dem sie Aspekte ihrer eigenen Geschichte wiederfinden. Menschen, die keine ähnlichen Erfahrungen gemacht haben, wird anhand der persönlichen Geschichten bewusst, wie problematisch das Ausgeh- und Besuchsverbot in Heimen war.

«blue News» publiziert exklusiv das Porträt über Jeannine Schälin. Es handelt sich hier um einen originalen Textauszug aus dem Buch «Eingesperrt, ausgeschlossen». Deshalb erfolgten keine Anpassungen gemäss «blue News»-Regeln.


Jeannine Schälin, Rotkreuz ZG, 24. Juli 2020

Das Altersheim in Basel, in dem Jeannine Schälins Mutter seit 2007 lebt, verzeichnete sehr früh, also noch vor dem Lockdown, eine Ansteckung mit dem Coronavirus.

«Dass damals Panik aufgekommen ist und das Heim geschlossen wurde, habe ich verstanden», sagt Jeannine Schälin. Wir sitzen in ihrer grossen Wohnküche am Esstisch, am Kühlschrank hängen Fotos der Enkel. Einer von ihnen hatte bereits kurz vor dem Lockdown zu ihr gesagt: «Du darfst eigentlich gar nicht hier sein, du bist Risiko!»

Jeannine Schälin lacht: «Ja, mit meinen 67 Jahren hätte ich nicht hinausgehen dürfen. Mein Mann und ich gingen aber immer einkaufen, wir waren auch oft in der Natur unterwegs. Schwergefallen ist uns vor allem, unsere Enkel nicht mehr sehen zu dürfen.»

Dass der Frühling 2020 sie dennoch ihre ganze Kraft gekostet hat, daraus macht Jeannine Schälin keinen Hehl. Tag für Tag hat ihre 91-jährige Mutter am Telefon geweint, sie hat nicht verstehen können, warum ihre Tochter sie nicht mehr besuchen kommt.

Bis im November vor einem Jahr war Marie-Thérèse Schälin-Rivard noch weitgehend selbstständig gewesen, am Morgen machte sie ihr Bett zurecht, und sie konnte mit Begleitung einkaufen gehen. Eines Nachts stürzte sie und erlitt wohl auch einen kleinen Hirnschlag. Ihr Gedächtnis begann nachzulassen. Wichtiges konnte sie sich aber merken. Im Februar hatte sie ihrer Tochter am Telefon mitgeteilt: «Stell dir vor: Sie hän d’Fasnacht abgsait!»

Wenn in Basel die Fasnacht abgesagt wird, ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Und für Marie-Thérèse Schälin begann sie sich gar aufzulösen: Eine offene Wunde am Bein schmerzte, beschleunigte vielleicht sogar die Demenz. Die festen Termine der Aktivierung fielen aus Gründen der hygienischen Sicherheit weg, Frau Friedli, die Freiwillige, mit der sie seit einiger Zeit eine gute Beziehung verband, kam nicht mehr vorbei, und, noch schlimmer, auch die beiden Töchter und die Enkelin, die sie regelmässig mit dem Hund besuchte, blieben aus. Am Telefon morgens und abends konnten sie lediglich zu erklären versuchen, weshalb ihnen keine Besuche mehr möglich waren.

Ihrer Tochter Jeannine erzählte Marie-Thérèse Schälin in dieser Zeit, sie höre Stimmen im Kopf, sie wolle nicht mehr allein im Zimmer sein. Im April sagte sie gar, sie wolle nicht mehr leben. «Sie wiederholte das Tag für Tag», erzählt Jeannine Schälin. Die Worte der Mutter erinnerten sie an ihre eines natürlichen Todes verstorbene Schwester, die im Alter von 49 Jahren eine Alzheimerdiagnose erhalten hatte und einmal beinahe von der Basler Wettstein-Brücke gesprungen war, als sie zusammen unterwegs waren. Ein Velofahrer hatte damals geholfen, sie zurückzuhalten.

Vorsichtshalber wurde Marie-Thérèse Schälins Balkontür abgeschlossen, worüber sie sich heftig beklagte. Jeannine Schälin fragte nach, ob jemand mit ihrer Mutter nach draussen gehen könne. «Meine Schwester und ich haben meine Mutter am Telefon jeweils aufgebaut, aber nach zwei Stunden konnte alles wieder anders aussehen. Manchmal rief sie uns an und sagte: ‹Ich bin so allein!›»



Das Heim habe vor Kurzem einen eleganten und sehr teu­­ren Neubau eingeweiht, fügt Jeannine Schälin an: «Gegen aussen sieht alles perfekt aus, aber an ausge­bildetem Personal wird gespart. Die Mitarbeitenden der Pflege kritisiere ich damit nicht, im Gegenteil, sie tun ihr Möglichstes. Es bräuchte aber ganz offensichtlich mehr. In der Langzeit­pflege stellt sich die gesellschaftspolitische Frage: Welchen Stellenwert sollen alte Menschen haben?»

Ende April durfte Jeannine Schälin ihre Mutter besuchen: im Freien, mit zwei Meter Abstand und Maske. Wie sehr diese Treffen Marie-Thérèse Schälin gefreut haben, sei dahingestellt – sie hört auf einem Ohr gar nichts, auf dem anderen nur sechzig Prozent. Das Schutzkonzept des Heims sah eine halbe Stunde vor, von Montag bis Freitag, zwischen 14 und 16 Uhr. Am Wochenende waren keine Besuche möglich, weil zu wenig Personal da war. «Immerhin», sagt Jeannine Schälin, «immerhin hatten wir meist sonniges Wetter.» Die halbe Stunde bedeutete jeweils vier Stunden Reisezeit. Als sie sich bei der Heimleiterin darüber beschwerte, bekam Jeannine Schälin zu hören, sie sei die einzige Angehörige, die mit diesen Regeln nicht klarkomme.

Marie-Thérèse Schälin ist im französischen Lothringen aufgewachsen. Berührungen und Körperlichkeit waren in ihrer Familie immer selbstverständlich und wichtig. Eine Pflegerin erzählte Jeannine Schälin, ihre Mutter käme manchmal zu ihr mit der Bitte, sie zu umarmen.

«Ich wollte Mutter mit desinfizierten Händen berühren, nicht küssen, ich wollte sie umarmen», erzählt Jeannine Schälin. «Aber das Schutzkonzept beinhaltet keine Aspekte von Beziehung. Vor Corona sass meine Mutter beim Essen mit fünf weiteren Frauen am Tisch, von denen sich eine liebevoll um sie kümmerte. Von einem Tag auf den anderen wurde das Grüppchen auseinandergesetzt, ein weiterer Kontakt fiel weg. Als ich nachfragte, hiess es: ‹Wir müssen!›»

Sollte ihre 91-jährige Mutter am Coronavirus sterben, dann sei das eben so, sagt Jeannine Schälin. «An etwas muss sie sterben, aber bis dann soll ihr Leben würdevoll sein.» Als sie am Fernsehen einen Heimdirektor sah, der voller Stolz ein Hüttli mit Plexiglaswand und Telefoninstallation präsentierte, oder den Sohn, der seinen Vater durch so eine Scheibe fragte: «Weisst du noch, wer ich bin?», war sie entsetzt. Sie habe sich gefragt, wo in dieser ganzen Zeit die Organisationen Pro Senectute oder Curaviva geblieben seien: «Niemand setzte sich ein!»

Franziska Sprecher habe ihr gesagt, aus juristischer Perspektive müsste jemand klagen. «Aber dazu habe ich keine Kraft», sagt Jeannine Schälin. «Man könnte sich höchstens mit anderen zusammentun. Aber wo und gegen wen? Kantone und Bund werfen sich gegenseitig den Ball zu.»

Ende Mai erschien im «Tages-Anzeiger» ein Leserbrief von Jeannine Schälin. Priska Mattiazzo (siehe Seite 57) nahm mit ihr Kontakt auf. Zu sehen, dass es anderen ähnlich geht wie ihr, tat Jeannine Schälin gut. Auch sie hatte zuvor die Erfahrung gemacht, dass manche ihrer Freundinnen ihre Empörung und Verzweiflung nicht nachvollziehen konnten.

Seit Ende Juni darf Jeannine Schälin ihre Mutter täglich von 13 bis 17 Uhr besuchen. Marie-Thérèse Schälin erlebt eine schwierige Phase, denn sie realisiert, wie sehr ihr Gedächtnis abgibt. Sie kann zwar noch lesen, aber es ist ihr nicht mehr möglich, den Textinhalt aufzunehmen. Jeannine Schälin vermutet, die rapide Verschlechterung habe mit der Isolation der letzten Monate zu tun, mit dem damit verbundenen Stress und dem Gefühl der Einsamkeit. «Sie hätte uns gebraucht», sagt die Tochter. «Niemand kann uns diese verlorene Zeit wiedergeben. Uns fehlt etwas.»



Als ehemalige Sozialpädagogin war Jeannine Schälin zuletzt am Marie Meierhofer Institut für das Kind tätig, als Erwachsenenbildnerin, Organisationsberaterin und Supervisorin. Am Institut für Psychotraumatologie in Winterthur sensibilisierte sie beispielsweise Kita-Leiterinnen auf den Umgang mit Kindern, die Kriegssituationen erlebt haben.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war ihre Mutter elf Jahre alt. In den letzten Jahren hat Marie-Thérèse Schälin oft vom Krieg erzählt. Im Altersheim spricht sie mit den Pflegerinnen, die im grenznahen Frankreich leben, gerne Französisch. Ihre Tochter vermutet, dass in den letzten Monaten Erfahrungen aus den Kriegsjahren wieder wach geworden sind.

Sie sei nicht sicher, ob die Gesellschaft die Geschichten, die ich in diesem Buch zusammentrage, hören wolle, hatte Jeannine Schälin während unseres Gesprächs gesagt. Ein Satz, der mir nachgegangen ist.

Bibliografie: Eingesperrt, ausgeschlossen – Besuchs- und Ausgehverbot in Heimen: 17 Bewohner und Angehörige erzählen, Daniela Kuhn, 152 Seiten, Limmat Verlag, 27 Fr.

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