Warum ich die Natur nun mit anderen Augen sehe

Caroline Fink

15.6.2020 - 07:05

Eintauchen ins Märchen – smaragdene Seen und Tümpel mit Fröschen im Gauli.
Bild: Caroline Fink

Raus, raus in die Natur: Nach wochenlangem Stillstand erlebt Kolumnistin Caroline Fink ihre erste Nach-Corona-Skitour wie eine, die zum ersten Mal im Leben die Wildnis der Alpen erlebt. Erlebnisbericht einer Staunenden.

Es ist die erste Skitour nach dem Stillstand der Welt. Wir fahren auf den Grimselpass, steigen hoch ins Bächlital, sehen abends über der Berghütte Sterne glitzern und am nächsten Morgen vom Gletscher aus die Sonne aufgehen.

Erstmals seit dem «Lockdown» bin ich zufrieden. Wirklich zufrieden. Und als wir die Ski auf die Rucksäcke binden und über die felsige Scharte der Oberen Bächlilicke klettern, bin ich mir sicher: Besser kann diese Tour nicht mehr werden.

Doch dann kommen wir ins Gauli. Jenes Hochtal, das nach dem Zweiten Weltkrieg in den Fokus der internationalen Presse geriet, als ein US-amerikanisches Flugzeug hier auf dem Gletscher bruchlandete. Der Rummel aber dauerte nur wenige Tage. Danach versank das hochalpine Tal wieder in seiner ewigen Ruhe, einst ausgefüllt von der Zunge des Gauligletschers, wo sich heute ein Gletschervorfeld aus Wasser, Sand und Stein ausbreitet.

Kleine Sandstrände und Schneeschollen 

Wir schwingen durch den Sulzschnee talwärts. Erreichen bald die Schneegrenze, binden die Ski wieder auf, steigen zu Fuss durch Geröll weiter bergab und erreichen bald: ein Märchen. Smaragdfarbene Bergseen, rostfarbene Gletscherschliffplatten, Tümpel voller Frösche, kleine Sandstrände am Gaulisee, auf dem Schollen aus Schnee treiben. Und das alles: für uns allein.

Steiniger Weg: Unterhalb der Schneegrenze ist langes Tragen der Ski angesagt.
Bild: Caroline Fink

Ich bleibe immer wieder stehen und blicke um mich. Dabei ist mir, als würde ich zum ersten Mal im Leben die Wildnis der Alpen erleben, gerade so, als würde ihre Urkraft mich durchdringen. Dieses Grünblau des Wassers, den Frieden der Tümpel, den reglosen Himmel, die Gletscher, Felszacken, Schneeberge rund um uns. Grönland, Island, Yukon fallen mir ein – dort habe ich letztmals eine solche Ruhe erlebt.

Die Natur mit neuen Augen sehen

Erst zwei Tage später, wieder zu Hause, werde ich mich daran erinnern, dass Pro Natura wenige Tage vor dem Shutdown just zum Thema «Wildnis» Bilder bei mir bestellt hat. Denn 2020 ist für Pro Natura das Jahr der Wildnis. Eine Kampagne, die genau das zu vermitteln versucht, was wir im Gauli erleben: Die hiesige Natur mit neuen Augen zu sehen. So wird in manchen Bahnhöfen ab kommender Woche – unter anderen – eines meiner Gletscherbilder an Plakatwänden hängen. Dazu die Aufschrift: «Grönland? Nein, in der Schweiz!»

Gletschermilch in Blau: Die Wasser des Gauligletschers rauschen durch das Hochtal.
Bild: Caroline Fink

Woher mein Gletscherbild in der Pro-Natura-Kampagne wirklich stammt, verrate ich hier nicht. Doch wer es entdeckt, wird die Lösung auf der Webseite von Pro Natura finden. Nur so viel sei gesagt: Im Gauli ist es nicht. Auch wenn dieses Hochtal im Berner Oberland für mich fortan eines bleiben wird: der Ort, an dem ich per Tourenski in ein Märchen eintauchte und – nach Wochen in der Stadt – die schönste Wildnis der Alpen erlebte.

Zur Autorin: Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

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