WC-Papier als neues Small-Talk-Thema – was für eine Welt!

Gil Bieler und Tobias Bühlmann

29.3.2020 - 10:33

Das Coronavirus verwandelt einen Gegenstand, an den wir normalerweise keine Gedanken verschwenden, in ein begehrtes Gut. Toilettenpapier ist in aller Munde, wird sogar gehamstert – wie konnte es nur so weit kommen?

In der Aufwärmrunde zur Apokalypse, die wir in der Schweiz gerade drehen, macht kein Gegenstand eine so erstaunliche Karriere durch wie das Toilettenpapier.

Die Rollen sind über Nacht zum begehrten Gut geworden – und die Frage, wo man überhaupt noch Nachschub herkriegt, hat sich als neues Small-Talk-Thema etabliert. Das merken wir schon an der morgendlichen «Bluewin»-Redaktionssitzung via Skype: Irgendjemand kommt fast immer auf das Thema zu sprechen.

Krass. Oder hätten Sie sich vorstellen können, wie viele Gedanken man sich zu WC-Papier machen kann? Einem Gegenstand, der nach Gebrauch innert Sekunden aus unserem Leben scheidet? Doch heute sieht die Sache anders aus. Aus Australien und den USA erreichen uns Bilder von Menschen, die sich um die letzte Packung streiten, und wohl jeder stand mittlerweile schon vor einem leer gefegten Regal in der Migros oder im Coop.



Eine umtriebige Verkäuferin vom Laden um die Ecke tröstet den enttäuschten Kunden gar mit einem Geheimtipp: An einer bestimmten Tankstelle gebe es noch palettenweise WC-Papier, das wisse sie ganz genau. Wenn das so weitergeht, sind wir nur noch einen Schritt von dubiosen Hinterhof-Deals mit völlig überteuertem WC-Papier entfernt. 

Die Psychologie der Hamsterkäufe

Überhaupt, diese Hamsterkäufe: Dass man sich in der allgemeinen Verunsicherung mit Teigwaren und Reis eindeckt, ist ja noch nachvollziehbar. Aber Toilettenpapier? Wie konnte es bloss so weit kommen? Diese Frage müssen derzeit Experten weltweit ergründen.

Psychiater Michael Huppertz wurde im Interview mit «Watson.de» besonders tiefgründig: «Das Toilettenpapier unterscheidet den Menschen vom Tier», sagte er dem Newsportal. Viele Leute hätten nun bereits das schlimmstmögliche Szenario vor Augen und handelten nach der Devise: «Wenn ich mich in Krisenzeiten schon nicht versorgen kann, dann darf zumindest das Klopapier nicht fehlen. Denn da geht es wirklich ans Körperliche, an die Würde.»

Auch der Herdentrieb des Menschen muss als Erklärung herhalten. Im englischsprachigen Raum spricht man von «Fear of missing out» – der Angst, leer auszugehen. «Die Leute denken, wenn diese Person das kauft, wenn mein Nachbar das kauft, dann gibt es dafür gute Gründe und ich brauche das auch», sagte Nitika Garg, Forscherin an der australischen University of New South Wales, zur BBC. Bloss nicht als letzter Depp vor dem leeren Regal stehen, so lautet die Erklärung von Fachleuten.



Dieser Effekt kann auf alles Mögliche zutreffen. Dass nun ausgerechnet Toilettenpapier gehortet werde, habe «etwas Zufälliges», meinte Wirtschaftsprofessor Bruno S. Frey in der «Luzerner Zeitung». «Wenn man dann zu Hause erstmals einen Jahresvorrat WC-Papier hat, merkt man schon, dass das nicht viel bringt.»

Herstellern drohen magere Jahre

Für die Hersteller könnt sich der Run auf Toilettenpapier am Ende übrigens sogar negativ auswirken. Denn eigentlich ist WC-Papier ein unspektakulärer Artikel: Jeder braucht davon ungefähr gleich viel, auch fehlen saisonale Schwankungen – niemand braucht im Winter plötzlich mehr davon. Der Verbrauch in der Schweiz liegt bei etwa 21 Kilogramm pro Hintern und Jahr.

Weil die Nachfrage gewöhnlich so gradlinig verläuft, ist es für die Hersteller von Toilettenpapier auch nicht so einfach, ihre Produktion plötzlich massiv hochzufahren, wie der US-Podcast «Planet Money» feststellte. Und es wäre auch nicht im Interesse der Hersteller.

Denn all jene, die nun daheim einen Vorrat für die nächsten zwei Jahre bunkern, werden in der folgenden Zeit vermutlich kaum noch neues WC-Papier kaufen. Das begehrte Gut ist zwar sehr lange haltbar, braucht aber auch einiges an Platz – auf Dauer werden viele nun also ihre Vorräte abbauen und entsprechend kein neues WC-Papier mehr kaufen. Den Herstellern drohen also für die nächste Zeit sogar Umsatzeinbussen.

Selbst Hollywoodstars sitzen im selben Boot

Das kann man sich heute wohl noch kaum vorstellen, doch andererseits – wer hätte vor ein paar Wochen noch gedacht, dass sich auch die Hollywood-Prominenz Sorgen um den WC-Papiervorrat macht? Schauspieler Woody Harrelson hofft offenbar, er könne aus einer leeren Rolle Nachschub ziehen.

Dieser Instagram-Post von Woody Harrelson dürfte wohl mit einem Augenzwinkern gemeint sein.
Screenshot: Instagram

Glücklich können sich da die Menschen in Indien, Sri Lanka, Thailand und allen anderen Ländern schätzen, bei denen sich WC-Papier gar nie durchsetzen konnte. Sie setzen stattdessen auf Wasser. Zum Abschluss sei dieses Video eines Philippinos empfohlen, der uns im Abendland mit musikalischem Pfiff eine Alternative zum Toilettenpapier anpreist.

Die tröstliche Botschaft, die Herr und Frau Schweizer daraus ziehen können: Was auch noch alles kommen mag, am fehlenden WC-Papier geht eine Gesellschaft nicht zugrunde.

Auf den Philippinen geht es ganz ohne WC-Papier. 

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