Chef vom Tourismusverband: «Die Lage ist sehr ernst»

Jennifer Furer

11.8.2020 - 06:45

Im Glacier Express mit Schutzmaske mit Blick aufs Matterhorn: Schweizerinnen und Schweizer geniessen derzeit die Ferien in der Schweiz. Aber wird das so bleiben?
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Corona hat die Tourismusbranche hart getroffen. Nicolo Paganini, Präsident des Schweizer Tourismusverbands, sagt, was die Städte von Bergregionen lernen können und warum er nichts gegen Ferien im Ausland hat.

Herr Paganini, wo machen Sie dieses Jahr Ferien?

Nachdem ich dieses Jahr die Leitung der Olma Messen abgegeben habe, habe ich mir etwas längere Ferien gegönnt. Ich war drei Wochen im Engadin und drei Nächte in Ascona. Am Wochenende war ich drei Tage mit meiner Studentenverbindung wandern.

Zur Person
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Der 54-jährige Nicolo Paganini ist Präsident des Schweizer Tourismusverbands und politisiert für die CVP im Nationalrat.

Warum bleiben Sie in der Schweiz?

Das war dieses Jahr unabhängig von Corona sowieso geplant gewesen. Ich bin aber kein Dogmatiker. Für Städtereisen etwa reise ich auch gerne ins Ausland in die Ferien. Zu meinem 50. Geburtstag war ich in Kanada.

Wenn Sie jetzt Pläne für Ferien im Ausland gehabt hätten, wären Sie trotz Corona gegangen?

In unsere Nachbarländer wäre ich wohl gegangen, weiter weg aber nicht. Ich hätte Respekt vor der Situation gehabt, dass ich irgendwo stecken geblieben wäre, weil eine Rückreise auf einmal nicht mehr einfach möglich gewesen wäre.

Es wird gesagt, dass Ferien machen in der Schweiz dieses Jahr umso wichtiger ist. Dieses Argument führen Sie aber nicht an. Warum?

Es ist wichtig. Aber man muss es mit dem Nationalismus nicht übertreiben. Ich bin schliesslich auch froh, wenn etwa Deutsche und Italiener in die Schweiz kommen und nicht zwingend in ihren eigenen Ländern bleiben. Ich freue mich, wenn die Leute Ferien in der Schweiz machen, aber ich bin gegen eine moralische Verurteilung, wenn jemand Lust auf Ferien in unseren Nachbarländern hat.

Viele Schweizer sind dieses Jahr im Inland geblieben. Die Rettung für die Schweizer Tourismusbranche?

Es war sehr wichtig, dass Schweizerinnen und Schweizer hier Ferien gemacht haben. Das war nötig. Einige Regionen berichten von erfreulichen Ergebnissen: Im Tessin und in Graubünden sind an manchen Orten Hotels bereits bis Ende August ausgebucht.

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Hat sich der Schweizer Tourismus demnach von der Krise erholt?

Jetzt im Moment ist in gewissen Regionen eine Erholung zu beobachten. Aber nicht überall. Die vielen guten Geschichten sind nur ein Teil der Wahrheit.

Inwiefern?

Wenn man sich beispielsweise die Gastrobranche anschaut, sieht es gar nicht gut aus. Die Juliumsätze bewegen sich insgesamt bei minus 32 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wobei auch in den Bergregionen ein Rückgang von 25 Prozent zu beobachten ist – trotz solidem Freizeittourismus. Man stelle sich vor, die Banken- oder Versicherungsbranche würden solche Zahlen vermelden.

Wie sieht es mit ausländischen Gästen aus? Kamen solche überhaupt in die Schweiz?

Mir sind dazu keine offiziellen Zahlen bekannt. Ich kann nur von meinen Erfahrungen berichten.

Was sagen diese?

Dass es momentan wenig englischsprachige Touristen gibt, Deutsche und französisch sprechende Leute hingegen schon. Mich dünkt, dass auch weniger Italiener in der Schweiz Ferien machen als sonst. Gäste aus Asien oder vom amerikanischen Kontinent sieht man kaum.

Am meisten betroffen vom Schwund ausländischer Touristen sind derzeit wohl die Städte.

Städte stehen vor einem grossen Problem. Der Geschäftstourismus fehlt, weil der internationale Geschäftsverkehr sich praktisch im Stillstand befindet. Genf ist hier wohl am härtesten betroffen, weil dort viele Banken und internationale Organisationen ansässig sind.

Hart getroffen: Der Tourismus in Genf erholt sich bisher kaum.
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Wieso gehen Schweizerinnen und Schweizer nicht gerne in eigenen Städten Ferien machen?

Momentan liegt das wohl an der Jahreszeit. Der Hochsommer ist ja bekanntlich nicht die Zeit, in der Städtereisen boomen. Es ist zu hoffen, dass sich dies in Hinblick auf den Herbst ändert. Es wäre zumindest eine Chance, welche die Städte jetzt ergreifen könnten.

Wie meinen Sie das?

Sie könnten mit Kampagnen darauf aufmerksam machen, dass sich ein Besuch auch für Einheimische lohnt. So wie es die Bergregionen gemacht haben.

Es scheint, als würde aber auch auf nationaler Ebene durch Ihren Verband der Fokus stark auf Bergregionen gelegt.

Das würde ich so nicht unterschreiben. Der Schweizer Tourismusverband selber macht ja keinerlei Marketing für die eine oder andere Region. Es liegt bei den Städten selbst, auf sich aufmerksam zu machen. Auch die Tourismusorganisationen der Bergregionen haben ihre Kampagnen selbst lanciert. Es gibt keine übergeordnete Steuerung, weshalb auch keine Verlagerung des Fokus notwendig ist.

Können diesen Sommer profitieren: Bergregionen wie das Zermatt VS.
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Bringen nationale Kampagnen überhaupt etwas? Schweizerinnen und Schweizer können den Ausfall von internationalen Gästen kaum kompensieren.

55 Prozent der Hotellogiernächte in der gesamten Schweiz werden von ausländischen Gästen wahrgenommen. Ich denke auch nicht, dass Touristen aus dem Inland dieses Loch stopfen können. Auch in den Bergregionen nicht. Dennoch ist es wichtig für die Betriebe, dass diese in der Phase, wo wenig ausländische Gäste in die Schweiz kommen, weiter Einnahmen generieren.

Wird es zu einer Kündigungswelle kommen?

Ich glaube, dass es zu Kündigungen kommen wird. Über das Ausmass kann man derzeit nichts sagen. Für die Städte mit dem internationalen Genf an der Spitze befürchte ich schlimme Szenarien. Es ist eine Illusion zu denken, dass in ein paar Monaten alles wieder normal sein wird.

Wie kann der Branche geholfen werden?

Am besten geholfen ist, wenn das Business wieder anzieht.

Welche Möglichkeiten haben die Mitarbeitenden in der Tourismusbranche, die eine Kündigung befürchten?

Wenn die Kündigung eintritt, gibt es das Instrumentarium der Arbeitslosenversicherung mit Arbeitslosenentschädigung, aber auch arbeitsmarktlichen Massnahmen wie Umschulungen. Unsere Mitarbeitenden lieben die Arbeit mit Gästen. Aber wenn die Perspektiven im Tourismussektor trüb bleiben, wird bestimmt auch vom Umschulungsangebot Gebrauch gemacht werden.

Steht es also wirklich so schlecht um den Schweizer Tourismus?

Es ist sehr ernst! Aber nur schwarzmalen sollte man jetzt sicher nicht. Es besteht an vielen Orten die Hoffnung, dass die Branche wieder angekurbelt wird. Wenn bald ein Impfstoff oder eine Therapie da ist, wäre auch wieder an eine Normalisierung zu denken.

Muss sich der Schweizer Tourismus neu erfinden und sich von den Einnahmen, die ausländische Gäste bringen, lösen?
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Eine Normalisierung ist demnach nur möglich, wenn das Virus verschwindet?

Ich denke schon. Bereits jetzt wird aus den vorhandenen Möglichkeiten viel gemacht. Damit die Menschen wieder unbeschwert reisen, vor allem auch auf interkontinentaler Ebene, ist aber wohl das Beherrschen des Virus die einzige Lösung.

Es wäre aber auch vorstellbar, dass man langfristig umdenkt und den Schweizer Tourismus unabhängiger von ausländischen Gästen macht.

Es ist zu früh für strategische Wenden. Volkswirtschaftlich gesehen sind die Einnahmen mit ausländischen Gästen ein wichtiger Teil unserer Exportwirtschaft. Im Geschäftstourismus könnte es sein, dass es eine längerfristige Entwicklung hin zu mehr Videokonferenzen gibt und ökologische Gesichtspunkte überwiegen, wenn es darum geht, Meetings und Konferenzen im Ausland durchzuführen. Es kann aber auch in die gegenteilige Richtung gehen.

Wie sähe diese aus?

Es kann sein, dass sich die Leute, nachdem wir das Virus im Griff haben, nach Reisen ins Ausland sehnen. Der Mensch bleibt nach der Krise der Gleiche: Nimmt man ihm etwas weg, will er es dann umso mehr. Gäste aus der ganzen Welt werden gerne wieder in die Schweiz reisen. Umgekehrt glaube ich auch, dass Schweizerinnen und Schweizer dem Bedürfnis, fremde Orte zu entdecken und sich unbeschwert zu bewegen, dann wieder nachkommen werden.

Sie denken also nicht, dass die Entwicklung, Ferien in der Schweiz zu machen, nachhaltig sein wird?

Es gilt die Situation zu beobachten. Insbesondere das Ferienverhalten im Herbst wird mehr Aufschluss über diese Frage geben.

Wieso denken Sie das?

Touristen aus dem asiatischen Raum etwa gehen im Herbst unabhängig vom Wetter aufs Jungfraujoch. Sie haben die Reise geplant und führen sie bei jedem Wetter auch durch. Ich denke nicht, dass auch die Schweizerinnen und Schweizer dies so handhaben würden. Und manche reisen vielleicht für die Verlängerung des Sommers in südlichere ausländische Gefilde.

Ferien am Meer, wie hier in Nizza, sind in den Sommerferien bei Schweizern kaum gefragt. Aber wird dies auch in den Herbstferien so bleiben?
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Trotz Corona und den sich immer wieder verändernden Risikoländer-Listen?

Ich glaube, dass hierbei das Wetter eine wichtige Rolle spielen wird. Wenn es in der Schweiz schön bleibt, werden auch mehr Leute ihre Ferien hier verbringen. Aber es wird sicher Menschen geben, die es ins Ausland zieht.

Die Prognosen für den Winter sehen nicht blendend aus. Expertinnen und Experten befürchten eine zweite Welle. Wäre das der Todesstoss für den Schweizer Tourismus?

Nicht für den Tourismus an sich. Aber eine zweite Welle und vor allem ein zweiter Lockdown über viele Wochen wäre der Todesstoss für viele Betriebe. Ganze Strukturen könnten wegbrechen – und der Tourismus wie wir ihn kennen, würde es so nicht mehr geben.

Wie meinen Sie das?

Der Tourismus ist ein Netzwerksektor. Er besteht aus verschiedenen Branchen – wie die Hotellerie, die Gastro, die Bergbahnen, das Camping. Viele unterschiedliche Betriebe beeinflussen sich gegenseitig. Wenn in einem Gebiet die Bergbahnen nicht mehr fahren, wird davon auch das Hotel betroffen sein. Ein zweiter Lockdown wäre verheerend und muss um jeden Preis verhindert werden.

Die Tourismusbranche bekam mehr als 57 Millionen Franken vom Bund zur Unterstützung zugesprochen. Reicht das nicht?

Es wird wohl noch mehr brauchen. Allenfalls weniger für das Marketing, sondern für den Erhalt und die Entwicklung der Strukturen. Im Tourismus sind die Margen tief. Viele Betriebe haben praktisch nichts auf der Seite, um auch nur wenige Monate mit wenig Einnahmen zu überleben. Von Erneuerungsinvestitionen ganz zu schweigen. Der Bund könnte helfen, dass es nicht zu einem katastrophalen Investitionsstau kommt.

Derzeit verzeichnen einige Regionen einen regelrechten Boom. So etwa das Tessin. Einige Tourismusbetriebe haben deshalb bereits ihre Preise erhöht.
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Steht das nicht im Widerspruch zum Fakt, dass einige Tourismusbetriebe ihre Preise diesen Sommer erhöht haben, weil es ihnen so gut läuft.

Dem Tourismus als Ganzes geht es schlecht, davon mögen einige Betriebe momentan ausgenommen sein. Sie konnten die Preise erhöhen, weil die Nachfrage vielleicht in einer bestimmten Destination für einen bestimmten Betrieb für bestimmte Wochen oder Wochenenden stark ist. Das ist aber eine Momentaufnahme. Ich plädiere dafür, langfristig zu denken.

Inwiefern?

Auch wenn es jetzt gut läuft, können Preiserhöhungen bei Gästen falsch ankommen. Wenn diese das Gefühl haben, ausgenutzt zu werden, kommt das nicht gut an. Es ist meiner Meinung nach jetzt nicht die Zeit, um in der Breite Preiserhöhungen zu vollziehen. Es zementiert das Bild, dass die Schweiz teuer ist. Das hält Leute von Ferien hier ab.

Ferien in der Schweiz sind aber auch ohne Preiserhöhungen teuer.

Das liegt an unseren Kosten, etwa bei den Löhnen, den Lebensmitteln oder auch den Landpreisen. Die Löhne im Tourismus sind zwar für Schweizer Verhältnisse nicht hoch, aber es sind trotzdem Schweizer Löhne, die ausbezahlt werden. Billigangebote können unter diesen Umständen nicht erfolgen. Das Ferien- und Freizeiterlebnis in der Schweiz muss so gut sein, dass der Preis gerechtfertigt ist. Wenn jemand aber günstigere Ferien in der Schweiz machen will, bietet sich auch campen oder eine Jugendherberge an.

Dem Schweizer Tourismus wird nicht nur nachgesagt, dass er teuer ist, sondern auch, dass die Gastfreundschaft zu wünschen übriglässt.

Das ist eine Wanderlegende. Sicherlich gibt es Einzelfälle. Nicht jeder kann immer einen guten Tag haben. Wenn dies dann in den Medien hochgespielt wird, entsteht der Eindruck, dass es überall immer so ist. Über positive Gesten wird ja kaum berichtet. Ich erlebe in der Regel top motivierte Mitarbeitende, die den Gästen zu unvergesslichen Ferienerlebnissen verhelfen wollen.

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