Tanger in Marokko – die Stadt zwischen den Meeren

Andreas Drouve, dpa

20.9.2020 - 18:00

Tanger ist eine spannende Alternative zum Klassiker Marrakesch. Spannend und authentisch ist das Labyrinth der Altstadtgassen – und die Begegnungen mit den Menschen dort.

Nur Mut! Der Neugier folgen, dem Instinkt und den Gerüchen, sich verlieren und treiben lassen durch das Wirrwarr an Gassen. Das ist die richtige Herangehensweise für Tanger.

Das altstädtische Herz pulsiert einerseits in der Uptown Kasbah und andererseits in der Downtown Medina. Da, wo sich Häuserwürfel asymmetrisch übereinander stapeln, Wäscheleinen von Fenstergitter zu Fenstergitter spannen. Bougainvilleen umkränzen Fassaden, Katzen dösen auf Bänken. Wände tragen Farbschichten von Türkis bis Gelb, während andere kalkweiss in der Sonne reflektieren. Die marokkanische Küstenstadt ist eine Wucht, vor allem für die Sinne.

Plötzlich steht man vor dem Grabbau des Entdeckers und Abenteurers Ibn Battuta, der Mitte des 14. Jahrhunderts lebte. Der Abenteurer – auch als «Marco Polo Marokkos» bezeichnet – stammte von hier. Der Zugang zum Grab ist verschlossen. Plötzlich öffnet sich die Tür und man schaut in die erblindeten Augen eines alten Mannes. Der Wächter gewährt Einblick in den Raum, verlangt aber ein Trinkgeld.

Schmelztiegel und «Tangeritis»

Einer der unbekannteren Söhne Tangers heisst Aziz Begdouri. In der Kasbah hat sich der 50-Jährige den Traum eines Boutique-Hotels erfüllt. «Wir leben hier zwischen zwei Welten», sagt er über seine Heimatstadt, die im nördlichsten Nordafrika an der Grenze zu Europa liegt, an der Schnittstelle zwischen Atlantik und Mittelmeer.

Spannend und authentisch ist das Labyrinth der Altstadtgassen in Tanger.
Bild: Getty Images

Das erklärt die strategische Lage, die lange Geschichte als Hafen- und Handelsstützpunkt, die wechselnde Herrschaft. Begdouri kommt immer wieder auf diesen «Schmelztiegel» zu sprechen, auf diesen «Mix aus Menschen, Kulturen, Architektur und religiösen Hintergründen».

In Tanger, ruft Begdouri ins Gedächtnis, habe Henri Matisse gemalt und Barbara Hutton gelebt, eine Kaufhauserbin und vormals die reichste Frau der Welt. Die Stadt sei traditionell weltoffen und liberal gewesen, die schwulen Schriftsteller Tennessee Williams, William S. Burroughs und Truman Capote kamen nach Tanger.

Ein deutscher Hotelierskollege, Jürgen Leinen, fühlt sich auch dank seiner marokkanischen Frau Farida in der Stadt verwurzelt. Er berichtet schmunzelnd von einer Krankheit, die er «Tangeritis» nennt: «Die kriegt man, wenn man sich von der Magie Tangers verzücken lässt», sagt Leinen. «Vorsicht, einmal mit dem Virus infiziert, muss man immer wieder zurückkommen.» Sein Leben hier sei ruhig und entspannt. Junge Einheimische empfinden das ganz anders.

Der Traum von Europa

Yahya Radi und seine Kumpels Outmane Rammach und Salaheddine Gritit, Studenten und Hobbymusiker, alle um die zwanzig, treffen sich oft auf einer Caféterrasse zu Füssen der Medina. Dann trinken sie Minztee, pusten Rauchwolken in den Abendhimmel und sinnieren über das Leben.

«Nach Europa will doch jeder Marokkaner», sagt Yahya und deutet mit einer Armbewegung in jene Richtung, in der sich die Konturen der Südküste Spaniens abzeichnen. «Klar will ich da auch hin», pflichtet ihm Salaheddine bei. «Aber nicht schwimmend oder auf einem Boot versteckt, sondern ganz legal.»

Der Neugier folgen, dem Instinkt und den Gerüchen, sich verlieren und treiben lassen durch das Wirrwarr an Gassen. Das ist die richtige Herangehensweise für Tanger.
Bild: Getty Images

Zerstreuung und Zuflucht finden die Freunde in der Musik. Sie wollen eine Band gründen und komponieren gemeinsam Lieder auf Englisch. «Damit schaffen wir uns unsere eigene Welt», sagt Outmane. «Aber ohne schlechte Energie, bei uns gibt's nur gute Schwingungen.»

Ein Lob auf den Alltag

Überschwänglich in ihren Beschreibungen Tangers waren seit jeher vor allem die auswärtigen Besucher. US-Literat Paul Bowles (1910–1999) «liebte» diese Stadt, in der er lange Zeit seines Lebens verbrachte. Und der französische Maler Eugène Delacroix (1798–1863) fühlte sich beim Unterwegssein in Tanger wie jemand, «der träumt und der Dinge sieht und Angst hat, dass sie ihm entkommen.»

Es ist der stete Strom an bunten Alltagsbildern, der mitreisst: Freiluftbasare, Strassenhändler mit Eiern, Scheren, Kämmen, Teekannen, Hühnerfutter und gebrauchten Schuhen. Es riecht nach Minze, Gewürzen und Leder. Ein Motorradkarren zwängt sich durch die Enge.

Geschichte und Strand

Artefakte der Geschichte verwahren der museale Bau der Amerikanischen Gesandtschaft und der Palastkomplex Dar al-Makhzen, wo kunstvolle Zedernholzdecken, Innenhöfe und Stuckarabesken begeistern – da geraten die Exponate zu den mediterranen Kulturen zur Nebensache. Ins Jetzt katapultieren die Promenaden am Stadtstrand, der Sporthafen, die restaurierte Kinothek am Platz Grand Zocco.

Am Ende des Besuchs geht es noch einmal in die Altstadt von Tanger, zurück zu Aziz Begdouri: «Wenn ich aufwache, schaue ich raus auf die See, die Strasse von Gibraltar. Das gibt mir Kraft, Energie, Leben.»

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