40’000 Mitarbeiter legen die Arbeit nieder

Grösster Verkehrsstreik in Grossbritannien seit 30 Jahren

dpa

21.6.2022 - 20:23

Fahrgäste in einer Halle des Londoner Euston-Bahnhofs. Foto: Alberto Pezzali/AP/dpa
Fahrgäste in einer Halle des Londoner Euston-Bahnhofs. 
Bild: Alberto Pezzali/AP/dpa

Die Mitarbeiter der Bahn fordern höhere Löhne und Arbeitsplatzgarantien, was die Arbeitgeber mit Verweis auf die Pandemie ablehnen. Die Regierung möchte sich am liebsten heraushalten.

dpa

21.6.2022 - 20:23

Zehntausende Mitarbeiter der Bahn haben am Dienstag in Grossbritannien die Arbeit niedergelegt und damit den Zugverkehr weitgehend zum Stillstand gebracht. Rund 40’000 Signalgeber, Bahnhofsangestellte und Rettungskräfte traten in einen 24-stündigen Streik. Es war der grösste Bahnstreik in Grossbritannien seit 30 Jahren. Grund für die Arbeitsniederlegung war ein Streit über Löhne, Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzgarantien. Das Chaos im Bahnverkehr war möglicherweise ein Vorbote für weitere gewerkschaftliche Auseinandersetzungen im Sommer.

Die grossen Bahnhöfe waren am Dienstag weitgehend leer, nur etwa 20 Prozent der Personenzüge sollten fahren. Der Streik behinderte Pendlerinnen und Pendler auf dem Weg zur Arbeit und Schüler, die pünktlich zu ihren Jahresabschlussprüfungen erscheinen wollten. Auch Musikfans auf dem Weg zum Glastonbury Festival, das am Mittwoch im Südwesten von England beginnen sollte, mussten ihre Reisepläne umstellen.

Leere Bahnhöfe – volle Strassen

Die Strassen in London waren voller als üblich, weil Pendler auf eigene Autos und Taxis umstiegen. Wegen des Streiks müssten Restaurants, Cafés und Bars mit weniger Einnahmen rechnen, sagte die Geschäftsführerin des Gaststättenverbands UKHospitality, Kate Nicholls. Nach Angaben der Beratungsfirma Centre for Economics and Business Research könnten die dreitägigen Streiks die Wirtschaft mindestens 91 Millionen Pfund kosten. Der Zugverkehr sollte am Mittwoch wiederaufgenommen werden, aber aufgrund der Störungen wurde erwartet, dass nur etwa 60 Prozent der sonst eingesetzten Bahnen auch fahren würden.

Weil die Auslastung der Bahnen während der Corona-Pandemie stark nachliess, wollen Bahnunternehmen Kosten reduzieren und die Zahl ihrer Arbeitskräfte senken. In Verhandlungen mit einer Gewerkschaft wurde am Montag keine Einigung erzielt, um den Streik zu stoppen. Die Gewerkschaft Rail, Maritime and Transport Union teilte mit, sie nehme das Angebot einer Lohnerhöhung um drei Prozent nicht an. Die Inflation in Grossbritannien liegt deutlich höher, bei derzeit neun Prozent. Die Bahngesellschaften argumentieren jedoch, sie könnten angesichts der aktuellen Fahrgastzahlen nicht mehr anbieten.

Johnson duckt sich weg

Die konservative Regierung unter Premierminister Boris Johnson will sich in den Streit nicht einmischen. Die Gewerkschaft weist darauf hin, dass die Regierung in der stark regulierten Branche eine wichtige Rolle spiele und den Eisenbahnunternehmen mehr Flexibilität einräumen könnte, um erhebliche Lohnerhöhungen anzubieten. Die Regierung warnte, dass starke Erhöhungen eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen würden, die die Inflation noch weiter anheizen könnte. Johnson bezeichnete die Streiks am Dienstag im Kabinett als unnötig. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten sich an einen Tisch setzen und eine Vereinbarung schliessen, sagte er.

Anhaltende landesweite Streiks sind in Grossbritannien heutzutage ungewöhnlich. Die Gewerkschaften rechnen jedoch angesichts steigender Lebenshaltungskosten mit weiteren Arbeitsniederlegungen. Anwältinnen und Anwälte in England und Wales haben für nächste Woche einen Ausstand angekündigt. Lehrergewerkschaften wollen über einen möglichen Streik beraten.

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