Schweizer Journalisten in China

Peking geht härter gegen Korrespondenten vor

Stefan Michel

28.11.2022

Berichterstatten mit Seitenblick: RTS-Korrespondent Michael Peuker wehrt während der Liveschaltung chinesische Sicherheitskräfte ab. Danach wird er festgehalten und befragt.
Berichterstatten mit Seitenblick: RTS-Korrespondent Michael Peuker wehrt während der Liveschaltung chinesische Sicherheitskräfte ab. Danach wird er festgehalten und befragt.
RTS

Die chinesische Regierung behindert und drangsaliert ausländische Medienschaffende. Trotz Festhalten eines Korrespondenten sehen Schweizer Sender noch keinen Anlass, ihre Mitarbeitenden abzuziehen.

Stefan Michel

28.11.2022

Michael Peuker ist vor laufender Kamera von chinesischen Sicherheitskräften bedrängt worden, während er über die Strassenproteste in Schanghai berichtet hat. Auf Twitter beschreibt er im Detail, was er erlebt hat.

Er schliesst mit der Feststellung, dass der Vorfall nicht gravierend gewesen sei, aber zeige, wie ausländische Journalisten in China behandelt würden: «Behinderungen, Einschüchterungen und Schikanen vor Ort sind alltäglich geworden.» Mehrere Korrespondenten-Stellen seien aufgehoben oder nicht verlängert worden. «China isoliert sich, wird zur Blackbox. Das ist bedauerlich und niemand geht als Sieger aus dieser Situation hervor.»

Der Leiter der RTS-News-Redaktion erklärt: «Wir waren während der ganzen – gelinde gesagt übereifrigen – Polizeikontrolle mit ihm in Kontakt. Michael hat uns dann gleich beruhigt.»

SRF: «Die Repression nimmt zu»

Was Vorfälle wie dieser für Schweizer Medienschaffende in China bedeutet, erklärt Gregor Meier, Leiter News & Aktualität von SRF, auf Anfrage von blue News: «Wie wir am Beispiel des Journalisten von der BBC sehen, ist die Berichterstattung über Proteste im Land mit einem Risiko verbunden. Die Lage kann schnell eskalieren. Mit rigorosen Kontrollen – wie sie der RTS-Kollege erlebt hat – muss jederzeit gerechnet werden.»

Als vergleichsweise kleines Medium stünden die Korrespondent*innen von SRF weniger unter Beobachtung. Er bestätigt, dass die Arbeit der Medienschaffenden in China zunehmend schwierig geworden sei. «Die Regierung wird immer repressiver, mit Aufpassern, Drehgenehmigungen oder Visa, die nicht mehr ausgestellt werden. Die Situation hat sich durch Covid verschärft.»

Wann für einen Korrespondenten der Zeitpunkt gekommen sei, das Land zu verlassen, entscheide die Chefredaktion in Absprache mit den betreffenden Journalist*innen.

RTS-Korrespondent wird direkt nach Liveschaltung festgehalten

«Die Spannung ist wirklich auf dem Höhepunkt hier. Ein Beweis dafür ist, dass ich von drei Polizisten umringt bin, die mich nach dieser Liveschaltung auf den Posten mitnehmen werden.» So beginnt Michael Peuker, Korrespondent des Westschweizer Fernsehens RTS, seine Liveschaltung aus Schanghai, wo er von den Protesten gegen die Null-Covid-Politik der chinesischen Regierung berichtet.

Auch dem erfahrenen Korrespondenten ist die Anspannung anzumerken, während er am Sonntagabend live aus Schanghai von den Strassenprotesten berichtet. Während er zum Publikum spricht, blickt er immer wieder zur Seite und macht abwehrende Handbewegungen in Richtung von Personen ausserhalb des Bildes. 

Unmittelbar danach nehmen die Polizeibeamten dem Journalisten und seinem Kameramann das Aufnahme-Equipment ab und verstauen es in ihrem Auto. Es sei für die Dauer der Ermittlungen beschlagnahmt, habe die offizielle Erklärung dazu gelautet, berichtet das RTS später. 

Wenig später stösst ein Vertreter der lokalen Polizei dazu und diskutiert mit den Beamten. Was folgt, beschreibt RTS als «mehrere Minuten der Verhandlungen». Darauf erhalten die beiden Westschweizer Medienschaffenden ihr Material zurück, ohne dass ein Polizist dieses untersucht habe.

BBC-Korrespondent wird geschlagen und mehrere Stunden festgehalten

Die Nachricht, wonach Michael Peuker für kurze Zeit festgenommen worden sei, geht danach durch die Schweizer Medien. SRF berichtigt seinen eigenen Bericht von der Verhaftung. «Peuker und sein Kameramann wurden nicht festgenommen, sondern lediglich aufgefordert, sich auszuweisen», präzisiert das Schweizer Fernsehen.

Schlechter als Peuker ist es einem Korrespondenten der BBC ergangen. Sicherheitskräfte hätten ihn bei der Festnahme geschlagen und danach mehrere Stunden festgehalten, berichtet der staatliche britische Rundfunk in einer Stellungnahme. An derselben Stelle steht, dass chinesische Behörden im Nachhinein angegeben hätte, die Beamten hätten den Journalisten vor einer Corona-Infektion schützen wollen. Eine Begründung, die die BBC entschieden zurückweist.

Auch die ARD-Korrespondentin berichtet von Behinderungen ihrer journalistischen Arbeit durch die chinesische Polizei. Sie habe noch nie so viele Polizisten gesehen. Dies unterstreicht auch, wie aussergewöhnlich diese Strassenproteste in China sind.

SRF-Korrespondent: «Drangsalierung ist nichts Neues»

Radio-SRF-Korrespondent Samuel Emch hingegen hält fest, er und andere hätten nicht wahrgenommen, dass die chinesische Regierung gezielt Medienschaffende ins Visier genommen habe. Dass sie drangsaliert und bei ihrer Arbeit behindert würden, sei nichts Neues. Physische Gewalt gegen BBC-Korrespondenten hingegen schon.

Zwei Wochen vor dem Vorfall mit Michael Peuker hat RTS darüber berichtet, dass ein kanadischer Radiosender sein Büro in Peking nach 40 Jahren Präsenz schliesse, weil der Korrespondent kein Visum mehr erhalten habe. Viele internationale Medienschaffende hätten China seit 2020 verlassen, so das RTS.

Dem ist anzufügen, dass die Situation ausländischer Medienschaffender in China viel besser ist als jene der einheimischen, die kritisch berichten wollen. Reporter ohne Grenzen schreibt über die Pressefreiheit in China: «Unter Staats- und Parteichef Xi Jinping hat die Kommunistische Partei mithilfe modernster Technologie ihre umfassende Kontrolle über Nachrichten und Informationen weiter ausgebaut. (...) Dutzende (Bürger-)Journalist*innen sind unter teils lebensbedrohlichen Bedingungen inhaftiert.»

Auf der Weltrangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt China auf Platz 175 von 180.