Afghanistan steht am Abgrund

Von Veronika Eschbacher, dpa

9.12.2021 - 06:43

epa09625456 Ehsanullah, a father or newborn triplets sons sit next to his babies at his home in Kandahar, Afghanistan, 06 December 2021. Ehsanullahl said he was grateful to Allah for blessing him with three sons. However, he complained poverty made it difficult for him to look after them. The United Nations World Food Program (WFP) urgently called for 2.6 billion USD to address the serious humanitarian crisis in Afghanistan, where the lives of 3.2 million children face hunger and malnutrition.  EPA/STRINGER
Ein Vater von neugeborenen Drillingssöhne sitzt neben seinen Babys in seinem Haus in Kandahar. Einem Kind gibt er die Babyflasche. Mindestens 18,8 Millionen Menschen in Afghanistan sind nach Angaben der UN nicht in der Lage, sich selbst zu ernähren.
Bild: EPA

Vor gut 100 Tagen hat der letzte US-Soldat Afghanistan verlassen. Das Leben hat sich seither für viele Afghaninnen und Afghanen dramatisch verändert.

Von Veronika Eschbacher, dpa

9.12.2021 - 06:43

Die Tage von Samira Safari sind eintönig und schwer geworden. Früher war die zielstrebige Afghanin jeden Tag unterwegs, eilte in Eigenregie mit ihrem Kameramann von einem Interview zum nächsten. Die TV-Reporterin berichtete über fröhliche Erntefeste aus dem Pandschir-Tal oder über blutige Anschläge in Afghanistans Hauptstadt Kabul. In ihrer Freizeit ging sie in Restaurants und traf Freunde. Von ihrem früheren Leben ist der jungen Frau nicht viel geblieben. Heute verbringt Safari die meiste Zeit zu Hause.



Gut 100 Tage ist es her, seit der letzte US-Soldat nach fast 20 Jahren des Krieges in Afghanistan das Land verlassen hat. Das Bild des grün leuchtenden Generalmajors Chris Donahue, aufgenommen wohl durch die Bordkamera zur Überwachung der Heckladerampe, ging um die Welt. Eine Nacht früher als von der US-Regierung angekündigt ging Donahue an Bord der letzten US-Militärfrachtmaschine und besiegelte das Ende des internationalen Einsatzes in Afghanistan. Die Taliban hatten nach ihrer militärischen Blitzkampagne bereits zwei Wochen davor als letzte Grossstadt im Land noch Kabul eingenommen – ohne einen einzigen Schuss. Die Ereignisse waren eine Zäsur für alle Afghaninnen und Afghanen.

In this image made through a night vision scope and provided by U.S. Central Command, Maj. Gen. Chris Donahue, commander of the U.S. Army 82nd Airborne Division, XVIII Airborne Corps, boards a C-17 cargo plane at the Hamid Karzai International Airport in Kabul, Afghanistan, Monday, Aug. 30, 2021, as the final American service member to depart Afghanistan. (U.S. Central Command via AP)
In diesem Bild, das durch ein Nachtsichtgerät aufgenommen und vom US-Zentralkommando zur Verfügung gestellt wurde, verlässt Generalmajor Chris Donahue am 30. August 2021 als letzter US-Soldat Afghanistan.
Bild: AP

Als der letzte US-Soldat das Land verlassen hatte, bekam Safari grosse Sorgen. «Viele dachten, das Land wird sofort in den nächsten blutigen Krieg stürzen», sagt sie. Diese Befürchtung sei nicht eingetreten. Aber vor allem Frauen hätten viel verloren, seit die internationalen Truppen aus dem Land sind. «Ich war heute bei meinem früheren Arbeitgeber, und bis auf eine Sekretärin sind alle Frauen weg.»

Frauen zunehmend schutzlos

Lokale Medien berichten über steigende Zahlen an Depressionen bei Mädchen und Frauen, die nicht mehr arbeiten oder die Schule besuchen können. Auch Safari erzählt, ihr fehle heute jede Motivation. Die Taliban hätten Journalistinnen nicht ausdrücklich verboten, zu arbeiten – sie bleibe dennoch zu Hause. Sie habe Angst, von einfachen Taliban-Polizisten auf der Strasse dafür angehalten zu werden, dass sie mit einem Kameramann unterwegs sei – einem fremden Mann nicht aus ihrer Familie. Und ohnehin könne sie heute nicht mehr wie früher frei berichten. Sie müsse sich letztlich selbst zensieren.

Während Safari an Freiheit eingebüsst hat, hat sie Mohibullah Dschihadjar neu erlangt. Der heute 27-Jährige schloss sich vor zehn Jahren den Taliban an und kämpfte gegen die Amerikaner und die afghanische Regierung. Vor dem Sieg der Islamisten sei es mit seinen langen Haaren und dem langen Bart schwer gewesen, überhaupt aus seinem Heimatbezirk Tscharch in der Provinz Logar hinauszukommen. «Aber heute ist unser Land frei und wir können reisen, wohin wir wollen. Wir sind sehr glücklich, ganz Afghanistan ist nun unser Zuhause», erzählt Dschihadjar am Telefon.

Vor eineinhalb Monaten habe er auch geheiratet. Er sei nun nicht mehr ständig von Operation zu Operation unterwegs, sondern habe eine fixe Dienststelle und auch zwei, drei Tage im Monat frei. In seinem Dorf freuten sich die Menschen, dass der Krieg endlich zu Ende sei. Wermutstropfen bleibe, dass die Nation wirtschaftlich leide und die Taliban-Regierung immer noch nicht anerkannt sei.

Das Land versinkt im Elend

In der Tat hat bisher nicht ein einziges Land der Welt die Taliban-Regierung anerkannt. Westliche Länder fordern eine Regierung, die Vertreter anderer Minderheiten und politischer Gruppen einbindet, und Garantien für Frauenrechte.



Die Formulierung «wirtschaftlich leiden» ist nicht anderes als eine Untertreibung: Sanktionen gegen die Taliban-Regierung und eingefrorene Guthaben der Zentralbank in Milliardenhöhe machen den neuen Machthabern, aber auch Hilfsorganisationen und einfachen Afghanen massiv zu schaffen. Von den früheren Hilfen für die Regierung in Kabul – rund 8,5 Milliarden US-Dollar pro Jahr, womit rund 75 Prozent der Staatsausgaben finanziert wurden – wurde der absolute Grossteil eingestellt – auch aus Sorge, damit das Taliban-Regime zu stützen.

Die Folgen sind teils desaströs: Die Wirtschaft befindet sich in freiem Fall, das Land schlitterte in eine Liquiditätskrise. Fast wöchentlich warnen UN-Agenturen oder Hilfsorganisationen vor einer massiven humanitären Krise, auch angetrieben von einer der schwersten Dürren seit Jahren. Die Zahl Hunger leidender Menschen ist massiv angestiegen. Lokale Medien berichten, immer mehr Kinder würden wegen Unterernährung in Krankenhäuser eingeliefert. Die Gesundheitsversorgung steht vor allem in ländlichen Gebieten wegen fehlender Mittel kurz vor dem Zusammenbruch.

«Wir Afghanen haben diese Chance vertan»

Afghanistan sei eine «wütend machende, menschengemachte Katastrophe», erklärte Dominik Stillhart, Einsatzleiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, kürzlich. Wirtschaftssanktionen, die die Machthaber in Kabul bestrafen sollten, schnitten stattdessen Millionen von Menschen von ihren Überlebensgrundlagen ab.

Die Taliban sagen, sie hätten die Wirtschaftskrise von der Vorgängerregierung geerbt. Die Arbeitslosigkeit sei bereits vor ihrer Machtübernahme gestiegen und die Finanzkrise habe noch unter dem geflüchteten Präsidenten Aschraf Ghani begonnen. Die Menschen sollten anderen Beteuerungen keinen Glauben schenken. Die Islamisten seien vielmehr dabei, die Korruption zu eliminieren. Sie hätten für Sicherheit im ganzen Land gesorgt.



In der Tat bestätigen viele Afghanen, die Sicherheit sei grösser, seit die Taliban an der Macht sind und die internationalen Truppen aus dem Land. Kritiker der Islamisten halten dagegen, anstelle von Terroranschlägen steige nun die Zahl mysteriöser Tötungen. Ehemalige Regierungskräfte und -beamte lebten in ständiger Sorge um ihre Sicherheit. Auch Kleinkriminalität nehme angesichts der steigenden Armut wieder zu, zuletzt aber auch Angriffe, die die Terrormiliz Islamischer Staat für sich reklamierte.

Viele Afghanen sagen, sie wollten den Winter noch abwarten. Wenn sich vor allem die wirtschaftliche Situation dann nicht verbessere, bliebe ihnen nur die Flucht. Der TV-Reporterin Samira Safari reicht eine Verbesserung der ökonomischen Lage alleine nicht. Sie will weg. «Wenn ein Land alle Mittel bekommt und die Regierung nach 20 Jahren trotzdem plötzlich kollabiert, dann wird es sich nie ändern», findet sie. Den Amerikanern, die mit anderen Nato-Ländern zwei Jahrzehnte lang die afghanischen Militärs und Polizisten ausgebildet haben, die dann am Ende aber nicht kämpften, will Safari nicht die Schuld an der jetzigen Situation geben. «Wir Afghanen haben diese Chance vertan.»

Von Veronika Eschbacher, dpa