25 Jahre nach dem Genozid bleibt Srebrenica Europas offene Wunde

Gregor Mayer, dpa/tjb

11.7.2020 - 18:00

Viele der Opfer des Massakers von Srebrenica wurden inzwischen ordentlich bestattet – doch auf der Seite der Täter fehlt es auch 25 Jahre später an Einsicht.
Bild: Keystone/AP/Amel Emric

Es war das schlimmste einzelne Kriegsverbrechen in Europa seit 1945. Die Hauptdrahtzieher des Massakers von Srebrenica wurden vom Haager UNO-Tribunal verurteilt. Doch wie steht es mit der Schuldeinsicht der Täter?

Als die Truppen des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic am 11. Juli 1995 in die ostbosnische Muslim-Enklave Srebrenica einrückten, fielen kaum Schüsse. Die Männer in dem zur UNO-Schutzzone erklärten Gebiet hatten kaum Waffen. Die niederländischen UNO-Truppen, die sogenannten Blauhelme, in ihrer Basis Potocari am Ortseingang von Srebrenica forderten Luftunterstützung der NATO an. Sie kam nicht – abgesehen von der symbolischen Bombardierung eines einzigen Panzers der Eroberer.

Dem sichtlich vor Angst schlotternden Oberst Thomas Karremans, Kommandeur des UNO-Bataillons («Dutchbat»), diktierte General Mladic die Bedingungen seiner Kapitulation – vor den laufenden Kameras des serbischen Fernsehens. Die Blauhelme assistierten bei der Deportation von 23'000 Frauen und Kindern, ehe sie bei freiem Geleit abziehen durften.

Ratko Mladic (lilnks) zwang den niederländischen UNO-Kommandant Thomas Karremans (zweiter von rechts) zur Kapitulation und warf seine Truppen aus der Stadt, ehe der Völkermord begann.
Bild: Keystone/AP

Zugleich begann am 11. Juli 1995, im vierten und letzten Jahr des Bosnienkriegs, der erste Völkermord auf europäischem Boden seit 1945. Mladic und Radovan Karadzic, der Führer der bosnischen Serben, hatten – unterstützt vom serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic (1941–2006) – ihre Pläne nie verhehlt. Die «Türken», wie sie die Muslime in den ostbosnischen Enklaven verächtlich nannten, standen ihrem Projekt eines «Gross-Serbiens» mit «ethnisch reinen» serbischen Territorien in weiten Teilen des Vielvölkerstaats Bosnien im Wege.

Jagd auf Fliehende

Die 15'000 Männer und männlichen Jugendlichen in der Enklave wussten, welches Schicksal ihnen drohte. Noch am 11. Juli machten sich die meisten von ihnen zu Fuss auf den Weg, um sich durch Berge und Wälder ins 100 Kilometer entfernte Tuzla durchzuschlagen. Jene Männer und Jugendlichen, die zögerten, wurden von Mladic' Truppen gleich in Potocari und Umgebung erschossen.

In den nächsten Tagen eröffnete die Mladic-Armee eine Treibjagd auf den Tross der Fliehenden. Die meisten ergaben sich, wenn sie auf bosnisch-serbische Soldaten stiessen. Sie wurden an den Händen gefesselt und abgeführt. Wenig später wurden sie auf Wiesen, Feldern, in Ställen oder Lagerhallen erschossen. Ihre Leichen verscharrte man in schnell ausgehobenen Massengräbern.

Bis zum heutigen Tag werden Massengräber entdeckt, in denen die Opfer von Srebrenica einst verscharrt wurden – wie hier im Bosnischen Kozluk im Jahr 2015.
Bild: Keystone/AP/Amel Emric

Wochen oder Monate später grub man sie wieder aus, um sie anderswo auf dem Gebiet der bosnischen Serbenrepublik (Republika Srpska) zu vergraben. Die Spuren sollten verwischt werden. Mehr als 8'000 Männer und Jugendliche wurden umgebracht. Heute noch werden Leichen und Leichenteile gefunden. Durch aufwendige DNA-Analysen werden sie den Opfern zugeordnet. Auch am 25. Jahrestag des Verbrechens von Srebrenica wird man wieder sterbliche Überreste von Opfern im Rahmen des Gedenkens in Potocari beisetzen.

Urteil wegen Völkermord

Das Töten gefangener Gegner stellt ebenso ein Kriegsverbrechen dar wie die systematische Vertreibung von Zivilisten. Das Internationale Jugoslawien-Tribunal in Den Haag hat die Untaten von Srebrenica in mehreren Urteilen als Genozid bewertet. Tatsächlich hatte Mladic die gesamte muslimische Bevölkerung von Srebrenica vertreiben oder ermorden lassen.

In Potocari in Srebrenica erinnert ein Mahnmal an die Opfer des Völkermords.
Bild: Keystone/EPA/Fehim Demir

Im November 2017 verurteilte das Haager UNO-Tribunal den heute 77-Jährigen wegen Srebrenica und anderer Verbrechen in erster Instanz zu lebenslanger Haft. «Sie zählen zu den abscheulichsten, die die Menschheit je gesehen hat», befand Richter Alphonse Orie. Im Herbst steht die Berufungsverhandlung an. Karadzic erhielt im Vorjahr lebenslänglich, sein Urteil ist rechtskräftig.

Wenig Einsicht – bis heute

Im Bosnienkrieg (1992–1995) begingen alle Seiten Kriegsverbrechen. Die serbische Seite ging besonders grausam vor. Ihr Projekt «Gross-Serbien» sah die «ethnische Säuberung» von weiten Gebieten mit hauptsächlich muslimischer, kroatischer oder gemischter Bevölkerung vor. Die Truppen von Mladic und mit ihnen verbündete Freischärlerbanden vertrieben Hunderttausende und töteten Zehntausende Zivilisten. Sie belagerten jahrelang Städte wie Sarajevo und Srebrenica. Tausende Frauen wurden Opfer von Massenvergewaltigungen.

Ratko Mladic befehligte 1995 die Truppen, die den Völkermord in Srebrenica anrichteten. 2017 wurde er dafür vom UNO-Tribunal in Den Haag verurteilt. Seine Berufung ist hängig.
Bild: Keystone/AP Pool/Peter Dejong

25 Jahre später zeigt sich bei den politischen Eliten in Serbien und in der Republika Srpska wenig Schuldeinsicht – trotz der akribisch begründeten Haager Urteile. «Es ist eine Situation der durchgängigen Genozid-Verleugnung», sagt Emir Suljagic, der Direktor des Gedenkzentrums in Potocari, im Skype-Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Die politische Klasse, die akademische Lehre, die Medien, selbst die Serbisch-Orthodoxe Kirche machen da mit. Es ist eine Kultur der Genozid-Verleugnung.»

Weitere Verfahren stottern

Suljagic ist selbst ein Überlebender des Massakers von Srebrenica. Als damals 19-Jähriger war er Dolmetscher bei den Blauhelm-Truppen und durfte mit ihnen die Enklave verlassen. Später studierte er Politikwissenschaften, wurde Journalist und Politiker. Sein auch auf deutsch erschienenes Buch «Srebrenica – Notizen aus der Hölle» zählt zu den eindringlichsten Zeitzeugen-Berichten, die vom Leiden und Sterben der Menschen im belagerten und eroberten Srebrenica künden.

Der EU nimmt es Suljagic übel, dass sie zu Beginn der 2010er-Jahre die internationalen Richter «ohne Not» aus dem bosnischen Justizwesen abzog. Das Haager Tribunal hat seine Tätigkeit inzwischen an einen Nachfolgemechanismus übergeben. Es sollte ohnehin nur die grossen und prominenten Fälle behandeln. Doch Tausende beteiligten sich an Kriegsverbrechen, ihre Schuld sollten bosnische Gerichte verhandeln. «Die Zahl dieser Verfahren ging drastisch zurück», stellt Suljagic fest. «Die, die Schuld auf sich geladen haben, fühlen sich ermutigt und auf der Siegerseite. Ihre Sympathisanten kontrollieren die Justiz.»

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