Afghanen packen ihre Koffer und hoffen auf Chance zur Ausreise

Von Bernat Armangue und Lee Keath, AP

15.10.2021 - 06:05

epa09520265 Taliban forces check people on a roadside checkpoint in Kabul, Afghanistan, 12 October 2021. Due to humanitarian and socio-economic crisis, the EU promised 1 billion euros in emergency aid to Afghanistan during the G20 virtual summit on 12 October 2021. EPA/STRINGER
Ein Taliban-Kämpfer kontrolliert in Kabul zwei Männer auf einem Motorrad.
KEYSTONE

Zwei Monate nach der Taliban-Machtübernahme sitzen viele Afghanen auf gepackten Sachen, verzweifelt bemüht, ein Auslandsvisum zu erhalten. Ihre Gründe sind unterschiedlich, ihr Wunsch ist gleich: Sie wollen weg.

Von Bernat Armangue und Lee Keath, AP

15.10.2021 - 06:05

Als ihr Flugzeug nach Islamabad startklar war, ergriff Somaja die Hand ihres Mannes Ali, lehnte ihren Kopf zurück und schloss die Augen. Seit Wochen hatte ihre Anspannung immer mehr zugenommen – und nun, endlich, wurde es Wirklichkeit: Sie waren dabei, ihre Heimat Afghanistan zu verlassen. 

Das Paar hatte das versucht, seit die radikalislamischen Taliban am 15. August die Macht übernahmen. Ali ist Journalist, Somaja eine Bauingenieurin, die an UN-Entwicklungsprojekten mitgearbeitet hat. Sie sorgten sich, wie die Taliban Leute mit solchen Jobs behandeln würden. Beide gehören der überwiegend schiitischen Hasara-Minderheit an, die die sunnitischen Militanten fürchtet.

Aber am wichtigsten: Somaja ist im fünften Monat schwanger, mit einem Mädchen, das Negar heissen soll. «Ich werde meiner Tochter nicht erlauben, einen Fuss in Afghanistan zu setzen, wenn die Taliban am Ruder sind», sagte Somaja im Flugzeug der Nachrichtenagentur AP. Wie andere, die das Land verlassen haben oder es versuchen, haben die Eheleute darum gebeten, zu ihrem Schutz nur ihre Vornamen zu veröffentlichen.

Sie wollen einfach weg

Fast alle in der afghanischen Hauptstadt Kabul, die man fragt, was sie jetzt, mit den Taliban an der Macht, wollen, geben die gleiche Antwort: Sie wollen weg. Und das gilt für Menschen auf jeder Ebene der Gesellschaft, auf dem örtlichen Markt, in einem Friseurladen, an der Kabuler Universität, in einem Lager für Vertriebene. In einem Restaurant listet ein Kellner die Länder auf, in denen er sich um ein Visum bemüht hat. 

Einige sagen, dass ihr Leben in Gefahr sei, wegen Verbindungen zur  vertriebenen Regierung oder zu westlichen Organisationen. Andere fürchten, dass sie ihre Lebensweise unter den Hardline-Taliban, berüchtigt für ihre harsche Auslegung islamischer Gesetze, Restriktionen für Frauen und Bürgerrechte nicht fortsetzen können. Und manche sind nicht so stark beunruhigt wegen der Taliban an sich, sondern besorgt, dass die schon zusammenbrechende Wirtschaft unter ihnen völlig abstürzen könnte.

In den hektischen Tagen zwischen der Taliban-Machtergreifung am 15. August und dem Abzug der letzten US-Soldaten Ende des Monats sind Zehntausende Menschen von den USA und ihren Verbündeten aus Afghanistan ausgeflogen worden. Viele, die ebenfalls wegwollen, blieben zurück und haben Mühe, einen Weg zu finden. Manche besitzen kein Geld zum Reisen, andere keinen Pass, und die afghanischen Passstellen sind erst seit Kurzem wieder geöffnet.

Eine verzweifelte Generation

Der Exodus nimmt dem Land viele seiner jungen Leute, die gehofft hatten, beim Aufbau ihrer Heimat zu helfen. «Ich wurde mit einem Traum aufgezogen, dass ich hart studiere und jemand bin, und dass ich zurück in dieses Land kommen und helfen würde», sagt Popal, ein 27-jähriger Ingenieur. «Dieser plötzliche Kollaps hat jeden Traum zerstört.»

Als Popal fünf Jahre alt war, schickte ihn sein Vater zu Verwandten in Grossbritannien, um ihm eine gute Ausbildung zu sichern. Als Student verdiente er sich nebenbei Geld mit einfachen Jobs und schickte es nach Hause zu seiner Familie. Er erhielt schliesslich die britische Staatsbürgerschaft und arbeitete im Nuklear-Sektor.

Ein paar Wochen vor der Taliban-Machtübernahme kehrte Popal nach Afghanistan zurück, in der Hoffnung, seine Familie aus dem Land holen zu können – neben seinen Eltern Schwestern, die in Kabul Medizin studiert haben. Die vergangen Wochen waren turbulent. Das Haus der Familie in Logar wurde von den Taliban zerstört – deshalb, so glaubt sie, weil sie sich weigerten, Verwandten, die Verbindungen zu den Militanten haben, Informationen zu geben. Die Familie zog nach Kabul um, eine von den Schwestern aber wird seit Wochen vermisst. Wie Popal der AP sagte, befürchtet die Familie einen Zusammenhang mit Warnungen seitens von Verwandten, dass es Folgen haben könnte, wenn die Töchter nicht am Studium gehindert würden.

Popal steht seit Wochen im Kontakt mit britischen Beamten, im Bemühen, Ausreisen zu arrangieren. Aber man habe ihm gesagt, dass er seine Eltern und Geschwister nicht nach Grossbritannien mitbringen könne. Er selbst ist auf dem Rückweg dorthin, vom Iran aus, in den er Anfang Oktober gelangte. Von Grossbritannien aus will er weiter daran arbeiten, seine Familie aus Afghanistan zu holen. 

Der Weg über Pakistan

Auch ein früherer Berater eines Ministers in der von den Taliban vertriebenen Regierung, der anonym bleiben möchte, sagt, dass er einen Weg aus seiner Heimat sucht. Seine Entscheidung fiel nach Jahren des Durchhaltens inmitten zunehmender Gewalt. 2016 überlebte er einen Selbstmordanschlag, der einen Protestmarsch in Kabul traf und bei dem 90 Menschen starben. Im selben Jahr verlor er Freunde bei einer Attacke auf die American University of Afghanistan mit insgesamt 13 Toten. Zurzeit hält er sich versteckt, wartet auf eine Gelegenheit zu entkommen.

Die American University, eine private Einrichtung in Kabul, arrangiert Flüge für viele ihrer Studenten. Eine Gruppe von ihnen traf kürzlich auf dem Flughafen im pakistanischen Islamabad ein, die jungen Leute werden von dort aus zum Studium an Schwesterschulen in Zentralasien weiterreisen. Aber ihre Familien konnten nicht mitkommen.

Für die Studentin Meena ist es das erste Mal, dass sie ohne ihre Angehörigen ist. «Ich kenne meine Zukunft nicht. Ich hatte eine Menge Träume, aber jetzt weiss ich nicht», sagt die 21-Jährige und fängt an zu weinen.     

Von Bernat Armangue und Lee Keath, AP