Traurige Bilanz

Seit 50 Jahren herrscht die Assad-Familie über Syrien

AP/tsha

12.11.2020 - 18:00

Baschar al-Assad regiert Syrien mit harter Hand (Archivbild).
Bild: Keystone

Die Werkzeuge der Regierungen von Hafis al-Assad und seinem Sohn Baschar sind die gleichen: Nein zu Kompromissen, Ja zu Unterdrückung und brutalem Blutvergiessen. Für europäische Staaten war Baschars Verbleib an der Macht dennoch das kleinere Übel.

Am 13. November 1970 startete ein junger Luftwaffenoffizier aus der hügeligen Küstenlandschaft in Syrien einen Putsch. Es war der jüngste in einer Reihe von Machtübernahmen durch das Militär seit der Unabhängigkeit des Landes von Frankreich 1946. Dass es der letzte sein würde, schien unwahrscheinlich. Doch 50 Jahre später herrscht die Familie von Hafis al-Assad weiter über Syrien.

Sein Sohn Baschar hat zweifelsohne noch immer die Macht – obwohl in Syrien seit fast zehn Jahren ein Bürgerkrieg tobt, bei dem eine halbe Million Menschen getötet und die Hälfte der Bevölkerung zu Vertriebenen wurde, die Wirtschaft im Ruin versank und die Regierung über ganze Landesteile die Kontrolle verloren hat.

Die Hälfte seiner bisherigen Regierungszeit hat der jüngere Assad im Krieg verbracht. Die Werkzeuge seiner Herrschaft sind die seines Vaters: Kompromisse werden abgelehnt, stattdessen kommt es zu Unterdrückung und Blutvergiessen.



«Es kann keinen Zweifel geben, dass 50 Jahre Assad-Familienherrschaft, die gnadenlos, brutal und selbstzerstörerisch gewesen ist, das Land zu etwas gemacht hat, das nur als gebrochen, gescheitert und fast vergessen beschrieben werden kann», sagte der wissenschaftliche Mitarbeiter Neil Quilliam im Nahost- und Nordafrikaprogramm der Denkfabrik Chatham House.

«Ein gnadenloser, aber brillanter Mann»

Nach seiner Machtübernahme 1970 festigte Hafis al-Assad seine Stellung. Er gab Mitgliedern seiner alawitischen Glaubensgemeinschaft, einer Minderheit im mehrheitlich sunnitischen Syrien, wichtige Positionen. Assad richtete einen Ein-Parteien-Polizeistaat im Stil der Sowjetunion ein. Er hatte die absolute Macht. Unter Assad wurde Syrien zu einer einflussreichen Macht im Nahen Osten.

Unter Hafis al-Assad (das Bild zeigt ihn 1977 in Genf) wurde Syrien zum Ein-Parteien-Polizeistaat.
Bild: Keystone

Im Irak-Krieg gegen den Iran 1981 stellte sich Assad auf die Seite der Iraner. Anders als die gesamte restliche arabische Welt, die den irakischen Diktator Saddam Hussein unterstützte. Assad schlug sich zudem auf die Seite der US-geführten Koalition zur Befreiung von Kuwait, nachdem Saddam dort 1990 einmarschiert war. Dadurch verbesserte Assad seine Stellung bei den Amerikanern.



«Er war ein gnadenloser, aber brillanter Mann, der einst ein gesamtes Dorf als Lektion für seine Gegner auslöschte», schrieb der frühere US-Präsident Bill Clinton in seinen Memoiren «My Life». Clinton hatte Assad mehrere Male getroffen. Er bezog sich auf das Massaker 1982 in Hama, wo Sicherheitskräfte Tausende Menschen töteten, um gegen einen Aufstand der Muslimbruderschaft vorzugehen.

«Ein Schlüsselelement des Überlebens des Assad-Regimes ist gewesen: Kein Kompromiss im Inland, die geopolitischen Verlagerungen regional und global ausnutzen» und des Weiteren länger als der Feind durchhalten, sagt Sam Dagher, ein Autor eines Buchs über die Assads.

Baschar al-Assad: Vom Augenarzt zum Despoten

Diese Strategien nutzte auch Baschar al-Assad nach dem Tod seines Vaters 2000. Im Gegensatz zu seinem Vater vergab er aber Kritikern zufolge wiederholt Chancen und ging zu weit.

Der in Grossbritannien als Augenarzt ausgebildete Baschar wurde zuerst als Reformer und Modernisierer aufgefasst. Er öffnete das Land und liess politische Debatten zu. Schnell zeigte er danach aber wieder die eiserne Faust. Baschar war gegen die von den USA angeführte Invasion des Irak 2003. Er machte sich Sorgen, als nächstes dran zu sein – und erlaubte es ausländischen Kämpfern, aus Syrien in den Irak einzudringen. Das befeuerte einen Aufstand gegen die US-Besatzung und brachte die Amerikaner gegen ihn auf.



Wie sein Vater beförderte auch Baschar al-Assad seine Familie, um seine Macht zu schützen. Sie wurde von vielen Syrern als noch mehr am Vermögen orientiert gesehen. Für die Assads ergab sich die grösste Herausforderung aus den Aufständen des Arabischen Frühlings. Syrien wurde davon im März 2011 erfasst.

Chemiewaffen gegen das eigene Volk

Gegen die zunächst friedlichen Proteste schickte er Sicherheitskräfte. Bald darauf wuchsen die Proteste zu einem bewaffneten Aufstand an, der von der Türkei, den USA und den arabischen Golfstaaten unterstützt wurde. Assads Militär zersplitterte sich.

Kurz vor dem Zusammenbruch seines Militärs holte Assad Kräfte aus Russland und dem Iran ins Land. Städte wurde dem Erdboden gleichgemacht, Assad wurde der Einsatz von Chemiewaffen gegen sein eigenes Volk vorgeworfen. Ihm wurde zur Last gelegt, Gegner massenweise getötet oder inhaftiert zu haben. Millionen Syrer flohen nach Europa oder noch weiter.

Seit Jahren herrscht in Syrien ein blutiger Bürgerkrieg.
Bild: Keystone

Assad stellte den Bürgerkrieg als Wahl zwischen seiner Herrschaft und islamistischen Extremisten dar, zu denen auch die Terrorgruppe Islamischer Staat gehörte. Viele Syrer und auch europäische Staaten waren davon überzeugt, dass Assads Regierung letztlich das kleinere Übel sei. Die militärische Bedrohung gegen sich hat er praktisch ausgelöscht. Es gilt als nahezu sicher, dass er die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr gewinnen wird.

Das Vermächtnis von Hafis al-Assad hätte womöglich sehr anders ausgesehen, hätte er nicht Baschar zu seinem Nachfolger gemacht, sagte Experte Quilliam. Nun aber werde Baschars Vermächtnis das seines Vaters überschatten und es synonym machen mit Grausamkeit, der absichtlichen Zerstörung eines Landes und der Brutalisierung eines Volkes.

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