Waffenhändler gegen Basketballerin getauscht

«Einer der gefährlichsten Menschen der Welt»

Von Philipp Dahm

9.12.2022

US-Basketballerin Griner kehrt nach Hause zurück

US-Basketballerin Griner kehrt nach Hause zurück

Bilder des russischen Fernsehens zeigten die Sportlerin an Bord eines Flugzeugs. Der im Gefangenenaustausch gegen sie freigekommene Waffenhändler russische Bout wurde in Moskau von Familie und Reportern empfangen.

09.12.2022

«Gewöhnliche Basketballerin» gegen den «Händler des Todes»: Wer ist der Waffenhändler Wiktor But, den die USA im Tausch gegen Brittney Griner aus dem Gefängnis entlassen haben?

Von Philipp Dahm

9.12.2022

«Wiktor But ist ohne Zweifel einer der gefährlichsten Menschen der Welt», sagt 2010 ein Ermittler, der den Waffenhändler gejagt hat. In diesem Jahr wird But von Thailand an die USA ausgeliefert. «Er ist in Haft», freut sich sein Kollege. «Es ist ein grossartiges Gefühl. Es ist ein absolut grossartiges Gefühl.»

Wiktor But im März 2008 im Gefängnis in Bangkok.
Wiktor But im März 2008 im Gefängnis in Bangkok.
KEYSTONE

Doch nun ist dieser Mann wieder auf freiem Fuss: Die USA haben den «Händler des Todes» gegen Brittney Griner ausgetauscht, die im Februar in Moskau verhaftet worden war, weil sie am Flughafen mit Haschisch-Öl erwischt worden ist. Ein Vergehen, das verglichen mit Buts Verbrechen mehr als verblasst.

2011 wird er in New York zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Waffen an eine terroristische Vereinigung verkaufen wollte. Seinen Beinamen «Händler des Todes» macht er sich aber schon viel früher: Seine Karriere als der wohl berüchtigtste Waffenhändler beginnt in den 90ern. Wie Wiktor Buts Leben davor ausgesehen hat, liegt im Dunkeln.

Start mit drei Antonow-Transportern

Noch nicht mal sein Geburtsdatum gilt als gesichert. Es wird angenommen, dass Wiktor But am 13. Januar 1967 zur Welt kommt. Geboren wird er in Duschanbe in der sowjetischen Teilrepublik Tadschikistan. Er hat einen älteren Bruder namens Sergej. Als Kind ist er Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol.

Laut «Spiegel» absolviert But nach der Schule ein Agenten-Training, bevor er das militärische Fremdspracheninstitut in Moskau besucht. Er lernt Englisch, Französisch, Portugiesisch, Arabisch und Farsi, das im Iran gesprochen wird. In den späten 80ern arbeitet der Russe in Mosambik und Angola als Übersetzer für das Militär. Er verführt die Frau eines russischen Diplomaten – und heiratet Alla 1992.

Den Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er begreift But als Chance: Auf der einen Seite bricht die Wirtschaft zusammen, auf der anderen Seite bieten die Bestände der Armee ein Potenzial, Geld zu verdienen. Für nur 40'000 Dollar pro Stück ersteht er drei Antonow-An-8-Transportflugzeuge und wird Transportunternehmer.

Waffen von Afghanistan bis Sierra Leone

Anfangs habe But «alles» durch die Welt gelogen. «Von Wasserfiltern über gefrorene Poulets und Kühlschränken bis zu Stereoanlagen», sagt Bruder Sergej dem «Spiegel». Doch das wahre Geschäft sind Waffen: Weil die Soldaten kaum noch bezahlt werden, hat der Russe keine Mühe, gegen ein Trinkgeld entsprechende Lager leer zu räumen.

Wiktor But im Juli 2008 auf dem Weg zum Gericht in Bangkok.
Wiktor But im Juli 2008 auf dem Weg zum Gericht in Bangkok.
AFP

So versorgt er etwa den Despoten Charles Taylor in Liberia mit Maschinengewehren und Munition, mit denen Kindersoldaten auf Drogen das Volk terrorisieren. 1995 gründet But in dem afrikanischen Land die Air Cess, kauft weitere sowjetische Flugzeuge an und weitet sein Geschäft nach Angola, Afghanistan, Sierra Leone und die Demokratische Republik Kongo aus.

Auch wenn But seine Beteiligungen hinter Scheinfirmen verschleiert, kann ihm die UNO im Jahr 2000 erstmals Waffenexporte nachweisen. Zwischen Juli 1997 und Oktober 1998 bringt er in 37 Flügen zwischen Burgas in Bulgarien und Lomé in Togo Waffen im Wert von 14 Millionen Dollar nach Afrika, die für angolanische Rebellen bestimmt sind.

Alles aus einer Hand

Für diesen Preis wurden 6300 Panzerabwehr-Raketen, 790 AK-47 Sturmgewehre, 1000 Raketenwerfer, 20'000 Mörser-Granaten und 15 Millionen Schuss Munition geliefert, weiss «Foreign Policy». Die Kunden schätzen, dass von der Ware über den Transport bis zur Finanzierung alles aus einer Hand kommt.

But am 8. Dezember 2008 in seiner Zelle in Bangkok.
But am 8. Dezember 2008 in seiner Zelle in Bangkok.
AFP

Buts Gebaren bleibt dem Westen aber nicht verborgen. Sowohl Belgien, wo er seit 1995 wohnt, wie auch Grossbritannien und die USA sind auf den Russen aufmerksam geworden. Als Brüssel 2002 auf Washingtons Druck hin endlich einen internationalen Haftbefehl ausstellt, ist But längst wieder in Moskau.

Von dort aus gelingt es ihm sogar, die USA auszutricksen: Washington gibt einer seiner Firmen Transportaufträge für Flüge in den Irak, weil nicht bekannt ist, wem die Firma wirklich gehört. Die Vereinigten Staaten erhöhen auch wegen Buts Taliban-Verbindungen den Druck und frieren 2004 seine Konten ein, doch aufspüren lässt sich der Staatsfeind nicht.

Inspiration für Hollywood

Der Russe wird sogar zum Film-Vorbild: 2005 erscheint «Lord of War» («Händler des Todes») mit Nicolas Cage in der Hauptrolle. Weil die US-Behörden keinen Zugriff auf But bekommen, hecken sie 2007 einen Plan aus, um den Waffenhändler zu täuschen: Die Drug Enforcement Agency (DEA) fädelt einen Pseudo-Waffenkauf ein.

Ein Mittelsmann gibt sich als Vertreter der kolumbianischen Farc-Guerilla aus und bestellt 700 Flugabwehr-Raketen, 5000 AK-47 und Munition für 20 Millionen Dollar. Ein geplantes Treffen in Bukarest lässt But in letzter Minute platzen, doch 2008 bekommen die Ermittler in Bangkok eine neue Chance.

Die falschen Käufer betonen, sie wollten mit den Waffen Amerikaner töten und fragen in dem Zusammenhang explizit nach Zielfernrohren. But bekundet zustimmend, auch er werde von den USA gejagt – dann fallen die Masken der Agenten und die Handschellen klicken. Die Auslieferung in die USA zieht sich wegen russischer Interventionen zwei Jahre hin.

Buts Entlassung war erst für 2029 vorgesehen, doch dank des Deals mit Brittney Griner ist der Russe nun wieder in seiner Heimat. Noch im Oktober 2019 hatte Moskau angeboten, 15 inhaftierte Amerikaner gegen But auszutauschen. Dass dafür nun «eine gewöhnliche Basketballerin» ausreicht, erfreut das Land, schreibt der Militärblog «Rybar».

Ein anderer Amerikaner bleibt dagegen in Putins Geiselhaft: Paul Whelan. Der frühere US-Soldat war 2018 festgenommen und wegen angeblicher Spionage verurteilt worden. «Es gab nur die Wahl, Brittney Griner jetzt nach Hause zu holen oder keinen nach Hause zu holen», rechtfertigt ein Offizieller bei CNN das Vorgehen.

Der frühere U.S. Marine Paul Whelan im Juni 2020 im Gericht in Moskau.
Der frühere U.S. Marine Paul Whelan im Juni 2020 im Gericht in Moskau.
AP

Kritik an dem Austausch kommt vor allem von Seiten der Republikaner. «Er ist vielleicht nicht sehr bekannt, aber er ist unschuldig», schreibt der Abgeordnete Adam Kinzinger auf Twitter über Whelan. Buts Freilassung sei ein «Geschenk» für Russlands Präsidenten Wladimir Putin, moniert Kevin McCarthy, der für den Vorsitz des Repräsentantenhauses kandidiert. «Paul Whelan dafür zurückzulassen, ist unverantwortlich.»