«Nichts von dem, was sie uns erzählt haben, ist geschehen»

Von Philipp Dahm

16.2.2021

Depleted shelves are seen in a Sainsbury's supermarket at the Forestside shopping centre in Belfast, Monday, Jan. 11, 2021. The U.K.âÄ™s biggest supermarket chains warned Wednesday, Jan. 13 that food supplies in Northern Ireland face disruption because of new checks imposed by BritainâÄ™s departure from the European Union. After photos emerged showing empty shelves, the chief executives of Tesco, Sainsbury's, Asda, Iceland, Co-Op and Marks & Spencer wrote to the government saying there would be âÄœsignificant disruptionâĝ unless urgent action was taken to fix an âÄœunworkableâĝ system. (David Young/PA via AP)
Nachschub gestört: Leere Regale in einem Laden in Belfast in Nordirland am 11. Januar.
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Was nach dem Brexit in Grossbritannien passiert, gleicht einem schlechten ökonomischen Lehrstück. Die Folgen für das Land sind gewaltig und milliardenschwer. Ein Schicksal, das auch der Schweiz hätte blühen können.

Die Schweiz ist kein EU-Mitglied, aber gleichwohl in deren enormen Markt eingebettet. Was wäre passiert, wenn das Stimmvolk am 26. November 2006 die Kohäsionsmilliarde abgelehnt hätte, die zusammen mit den damals ausgehandelten EU-Verträgen die Grundlage dieses Konstrukts ist?

Wohin die Reise dann gegangen wäre, lässt sich am Beispiel des Brexits erahnen – und in Grossbritannien herrscht nach dem ersten Jubel über die vermeintlich neue Souveränität nun Katerstimmung – auch bei vielen Befürwortern der Trennung von der EU.

Dazu drei Beispiele, denen eine Sache gemein ist: Bürger, die für den Brexit waren, müssen erkennen, dass sie zu wenig informiert waren – oder zu wenig informiert worden sind.

Beispiel 1: Die desillusionierte Hörerin

Da wäre jene Radio-Hörerin, die sich bei der BBC gemeldet hat und sich wundert, dass «nichts von dem, was sie uns erzählt haben, geschehen ist. Wo ist das Geld fürs Gesundheitssystem? Wo werden Illegale ausgeschafft? Wo sind die neuen Jobs? Alles, was ich sehe, sind leere Regale in den Läden und dass mein Schwiegersohn seinen Job verliert.»

Und da wäre noch Roger Daltry: Der Frontmann von The Who wird im März 2019 bei «Sky News» auf den Brexit und die möglichen Folgen für Künstler angesprochen.

«Was hat das mit dem Rock-Business zu tun?», fragt er den Reporter. «Wie werden sie durch Europa touren?«, fragt der zurück. Daltrey entgegnet: «Ach, Gottchen! Als wären wir nicht schon vor der Scheiss-EU durch Europa getourt. Hör doch auf! Wer von einer fucking Mafia beherrscht werden will, soll da unterschreiben. Es ist, als würde einen die FIFA regieren.»

Beispiel 2: Der trotzige Rockstar

Nun fallen Daltreys Worte auf ihn zurück, nachdem der 76-Jährige einen Aufruf mitunterschrieben hat, der Visa-Freiheit für britische Künstler fordert. Das Vorhaben, das auch Musiker wie Elton John oder Liam Gallagher unterstützen, brandmarkt dabei die Regierung um Premier Boris Johnson für ihr «schändliches Versagen» in der Angelegenheit.

Dass Daltrys Sinneswandel Kritiker auf den Plan ruft, war absehbar. Der verteidigt sich nun, indem er den Schwarzen Peter weiterschiebt: «Ich bin froh, frei von Brüssel zu sein, nicht von Europa», rechtfertigt er sich nun im «New Musical Express». «Ich hätte gern die Reform gehabt, die wir vor dem Referendum vorgeschlagen haben, aber die wurde vom damaligen EU-Präsidenten abgelehnt.»

Das Problem: Für jedes EU-Land müssen Bands neue Anträge ausfüllen. Stark gestiegene Kosten für die Visa schmälern gleichzeitig die Erträge einer Tour. «Die Schweiz grenzt an fünf EU-Länder und der Handel verläuft reibungslos», schimpft Daltry. «Warum nicht bei uns?»

Beispiel 3: Der ernüchterte Fischer

Und dann wäre da noch der Fisch-Händler aus Bixham, einem bildschönen, verschlafenen Städtchen am Ärmelkanal. «Würde ich für den Austritt stimmen, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte?», wiederholt Ian Perkes die Frage. «Nun, natürlich nicht. Ich denke, ich und viele andere haben wohl einen Fehler gemacht.»

Perkes hat damals den Brexit gewählt. «Ich dachte, es gebe eine bessere Zukunft für mich, meine Kinder und Kindeskinder. Dass wir unabhängig werden. Dass wir unsere eigenen Fischgründe haben. Dass Europa uns braucht. Die Realität ist: Es ist ein absoluter Albtraum.»

Er habe sich wohl vom Trubel mitreissen lassen. Der Brexit-Bus von Rechtsaussen Nigel Farage oder das Versprechen, wöchentlich 350 Millionen Pfund einzusparen. Stattdessen der Absturz: «Ich verkaufe seit 44 Jahren Fisch, und [mein Geschäft] wurde fast über Nacht zerstört.» «Sehr enttäuscht» sei er nun: «Ich sehe in diesem Moment kein Licht mehr am Ende des Tunnels.»

Milliardenschwere Scheidung

Drei britische Beispiele – drei Geschichten von Brexit-Verlierern, die einen guten Überblick darüber geben, was die Insel-Monarchie gerade durchleidet. Entgegen der grossspurigen Versprechen der Befürworter entpuppt sich die Trennung von der EU als herber Rückschlag in den verschiedensten Bereichen des Lebens.

Als wäre die Pandemie nicht schon Herausforderung genug, kämpfen kleine und mittlere Unternehmen auch wegen des Brexits ums nackte Überleben. Eine jüngere Umfrage hat ergeben, dass zwei Drittel der Hersteller höhere Kosten zu verkraften haben. 54 Prozent haben jetzt Probleme, ihre Waren in die EU zu exportieren, meldet die Nachrichtenagentur Reuters.

A policeman escorts the driver of a shellfish export truck as he is stopped for an unnecessary journey in London, Monday, Jan. 18, 2021, during a demonstration by British Shellfish exporters to protest Brexit-related red tape they claim is suffocating their business. The drivers were later stopped by police and issued with fines for an 'unnecessary journey' due to the national lockdown to curb the spread of the coronavirus. (AP Photo/Alastair Grant)
Die britischen Fischer sind wütend. Eine Protestaktion am 18. Januar in London.
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Alleine in diesem Quartal kostet der Brexit London 5 Milliarden Pfund. Langfristig wird er den Handel um 10 Prozent senken, so die Prognose. In zwei Jahren werden sich die Kosten auf 40 Milliarden Pfund belaufen. Auch im Vergleich zum geschiedenen Partner verliert London: Während Grossbritannien bis 2022 2,25 Prozent seines Bruttoinlandprodukts einbüssen wird, werden es bei der EU nur 0,5 Prozent sein.

Bürokratische Schranken und neue Verkehrswege

Mit dem Schliessen der Grenzschranken haben sich auch jede Menge bürokratischer Hürden vor britischen Unternehmen aufgetan. So dürfen Muscheln nun gar nicht mehr in die EU exportiert werden, weil keine Einigung über die vorgeschriebene Wasserqualität erzielt worden ist. Krabbenfischer dürfen dagegen zwar ihre Ware ausführen, doch inzwischen verzögern bürokratische Formalien die Auslieferung – ein Fanal für verderbliche Ware.

Deshalb wird mittlerweile beklagt, es sei für Europäer einfacher Lammfleisch aus Neuseeland zu beziehen als aus Wales. Auch der Schweine-Export wird zum Problem, sagt Tony Hale der «New York Times», der gerade 53 Tonnen verrottetes Fleisch in einem niederländischen Hafen verbrennen lassen musste. «Es ist ein neues Spiel, und wir müssen die Regeln lernen», gesteht er. «Wir müssen jedes Dokument zwei- und dreifach prüfen.»

Die bürokratischen Hürden haben dazu geführt, dass alte Verkehrswege komplett zusammenbrechen – zu sehen am Beispiel des Hafens von Holyhead in Wales. Früher haben die Lastwagen von Dublin nach Holyhead übergesetzt, was den Hafen zum zweitgrössten Grossbritanniens werden liess. Von dort ging es dann über die Landbrücke zum nächsten englischen Hafen, um auf den Kontinent überzusetzen.

Boom in Irland und Frankreich

Doch wegen des Papierkrams meiden irische Lastwagen nun den Weg via Wales und England: Von Dublin oder Rosslare und Cork im Süden der Insel fahren die Fähren sie stattdessen direkt in die französischen Häfen von Roscoff, Saint-Malo und Cherbourg sowie Dunkerque alias Dünkirchen. Während es in Holyhead seit Jahresbeginn immer einsamer wird, freuen sich die Hafenbetreiber in Irland und Frankreich über einen regelrechten Boom, weiss die «Financial Times».

Lieber den direkten Umweg, als über die bürokratische Landbrücke: Holyhead in Wales liegt dank des Brexits plötzlich abseits der Verkehrsrouten.
Karte: Google Earth

Und während sich die Situation an der Lastwagen- und Container-Front inzwischen langsam entspannt, versucht Grossbritannien verzweifelt zu verhindern, dass Firmen dem Land den Rücken kehren: Dublin lockt derzeit die meisten Unternehmen an, die London verlassen wollen. Dabei helfen sollen Handelsabkommen, doch das Land, mit dem am meisten Handel getrieben wird und mit dem es entsprechende Verträge gibt, ist bisher die Schweiz.

Und was ist mit jenen Briten, die nicht beruflich vom Brexit betroffen sind? Die wundern sich über saftige Zoll-Zuschläge beim Kauf von EU-Waren, ärgern sich darüber, dass keine Bienen mehr zum Bestäuben aus der EU eingeführt werden dürfen und sehen sich plötzlich Problemen beim Einkauf von Nahrungsmitteln gegenüber.

Fazit: Brexit, wem Brexit gebührt. Aber man möchte sich dieses Szenario doch nur ungern für die Schweiz vorstellen. Man kann von der EU halten, was man will: Der Binnenmarkt ist für die Bürger ein Segen – nicht zuletzt, weil man auch mal auf «die da in Brüssel» schimpfen kann.

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