Charmeoffensive mit Hintergedanken: Wie China die Pandemie für sich nutzt

tsha

27.11.2020

Volunteers watch video screens showing Chinese President Xi Jinping delivering an address to the opening ceremony of the China International Import Expo in Shanghai, Wednesday, Nov. 4, 2020. The expo, one of China's largest annual trade fairs, kicks off on Thursday as the ongoing COVID-19 pandemic has largely been controlled within China. (AP Photo/Mark Schiefelbein)
Chinas Staatspräsident Xi Jinping verspricht der Welt einen fairen Zugang zu Impfstoffen gegen das Coronavirus – allerdings nicht ohne Hintergedanken.
Bild: Keystone

Die Welt wartet auf einen Impfstoff gegen das Coronavirus. China will dabei helfen, das Vakzin fair zu verteilen, verfolgt dabei aber handfeste Interessen.

Anfang der 90er-Jahre prägte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Joseph Nye einen Begriff, der bald auch in China die Runde machen sollte: Mit dem Konzept der «soft power» beschrieb Nye, wie Staaten international an Einfluss gewinnen könnten, indem sie etwa durch kulturelle Aktivitäten andere Länder für ihre Sache überzeugen. In China wurde Nyes Grundlagenwerk zum Thema schon zwei Jahre nach seinem Erscheinen übersetzt – zunächst, weil man die angeblichen Machenschaften der USA entlarven wollte.

Längst aber hat China die Idee der «soft power» auch für sich entdeckt. Konfuzius-Institute sollen für die Jahrtausende alte Kultur des Landes begeistern, an Zoos verliehene Pandas schon die ganz Kleinen für das kommunistische Land gewinnen. Auch in der Corona-Pandemie tut China alles, um als Sieger der Herzen dazustehen – obwohl das Virus seinen Ursprung mutmasslich in der chinesischen Stadt Wuhan hatte.

So verkündete der chinesische Staatspräsident und Parteichef Xi Jinping bei einer WHO-Konferenz im Mai, sein Land werde einen Impfstoff gegen das Virus mit der gesamten Welt teilen: «Ein Impfstoff aus China, wenn er dann zugänglich ist, wird ein öffentliches Gut sein», so Xi damals.

Die Philippinen um die Finger gewickelt

Für Jacob Mardell vom Berliner Mercator Institute für China-Studien (Merics) nur ein scheinbar uneigennütziger Schritt. «China propagiert seine Impfstoffe als öffentliches Gut, versucht sich damit als globale Führungsmacht zu positionieren und gleichzeitig eine Koalition von Entwicklungsländern aufzubauen, die China dankbar sind und diese Führungsrolle anerkennen», so Mardell gegenüber «tagesschau.de».

Auch wenn China mittlerweile nicht mehr davon spricht, seinen Impfstoff kostenlos zu verteilen, sondern vielmehr einen «fairen und vernünftigen Preis» verlangen zu wollen: Das Vakzin made in China scheint begehrt zu sein – und manch eine Regierung ihr Verhältnis zu China «überdenken» zu lassen.

So soll sich die philippinische Regierung dazu verpflichtet haben, sich mit Kritik an China zurückzuhalten, wenn das Land im Gegenzug, wie von Peking versprochen, bald Zugang zu dem ersehnten Impfstoff erhält. Die Beziehung zwischen den beiden Ländern hatte sich in den letzten Jahren stark abgekühlt, weil China und die Philippinen uneins sind über Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer. Darüber aber schweigt man derzeit dezent.

«Verantwortungsbewusster Anbieter öffentlicher Güter»

Liu Jinzhen, Chef des staatlichen Arzneimittelherstellers Sinopharm, lässt keinen Zweifel daran, dass sein Land gegebene Versprechen auch einhalten könne. «Wir haben die Kapazitäten, im nächsten Jahr über eine Milliarde Impfstoff-Dosen zu produzieren und damit ein ausreichendes und sicheres Angebot zur Verfügung zu stellen», so Liu.

Auch in Afrika wolle das Land durch die Verteilung von Impfstoffen für ein chinafreundliches Klima sorgen, so Experten. «Länder nutzen die ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente, um ihr globales Image aufzupolieren, und in diesem Fall nutzt China halt die Impfstoffe dafür», sagt Eric Olander, Mitbegründer des Internet-Portals China-Africa-Project, gegenüber «tagesschau.de». Er gibt allerdings auch zu bedenken, dass die Vorbehalte gegen billige Produkte aus China in Afrika gross seien.

Für das Berliner Merics-Institut ist dennoch klar: Xi Jinping, so heisst es in einem am Donnerstag veröffentlichten Briefing der China-Experten, «nutzt den Erfolg im Kampf gegen die Pandemie einmal mehr, um China international als Gegengewicht zum strategischen Rivalen USA zu etablieren». Das Land sei  «selbstbewusster aus der Covid-19-Krise hervorgegangen und präsentiert sich als Verfechter der Globalisierung und als verantwortungsbewusster Anbieter globaler öffentlicher Güter. Dazu gehören Impfstoffe.»

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