Geburtenrate sinkt

Den Chinesen ist die Lust aufs Kinderkriegen vergangen

dpa/gbi

13.2.2021 - 19:16

Vielen chinesischen Paaren sind die Kosten für das Aufziehen eines Kindes zu hoch. Im Bild: ein Paar in Wuhan. 
Vielen chinesischen Paaren sind die Kosten für das Aufziehen eines Kindes zu hoch. Im Bild: ein Paar in Wuhan. 
Symbolbild: Keystone/AP Photo/Ng Han Guan

Die Ein-Kind-Politik gilt seit Jahren nicht mehr, dennoch fällt die Zahl der Geburten in China weiter. Das hat Folgen: Die Gesellschaft überaltert – und wirtschaftlich an den USA  vorbeizuziehen, wird so unmöglich. 

Die Zahl der Geburten in China ist im vergangenen Jahr auf einen «alarmierenden» Tiefstand gefallen. Im Vergleich Vorjahr seien 15 Prozent weniger Neugeborene gemeldet worden, berichtete das Ministerium für öffentliche Sicherheit in Peking diese Woche. Die Zahl fiel von 11,79 Millionen auf 10,04 Millionen.

Diese Zahlen mögen aus Schweizer Sicht nach viel klingen – doch chinesische Experten warnten am Mittwoch vor einer Überalterung der Bevölkerung, die noch deutlich schneller als erwartet voranschreite. Diese Entwicklung dürfte nicht zuletzt das Wachstum der zweitgrössten Volkswirtschaft dämpfen.

Ein neuer Tiefstwert

Die jährliche Geburtenrate hatte nach Angaben des Statistikamtes bereits 2019 den niedrigsten Stand seit Gründung der Volksrepublik 1949 erreicht. Als Gründe wurden die hohen Kosten für Bildung und Wohnungen in China genannt. Auch geht die Zahl der Eheschliessungen zurück, während die Scheidungsrate in China hoch ist. Viele Paare warten auch mit der Heirat ab und gründen erst später eine Familie.

Dabei war 2016 die Ein-Kind-Politik aufgehoben worden, die seit 1979 gegolten hatte. Dies führte jedoch nur im ersten Jahr zu einem leichten Anstieg der Geburten, seither ist die Zahl jedes Jahr gefallen. Das genaue Ausmass des Rückgangs wird sich im April offenbaren, wenn das Statistikamt – mit Verzögerung – die Geburtenzahlen für 2020 vorlegen will. Experten wiesen darauf hin, dass die jetzt berichtete Zahl der beantragten Wohnortregistrierungen (Hukou) nicht alle Geburten abbildet, da viele Babys nicht angemeldet werden.

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Doch der Trend ist klar: «Niemand will noch Kinder haben», sagte der Familienplanungsexperte Yi Fuxian von der Universität von Wisconsin in den USA. Die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik habe «das Fruchtbarkeitskonzept der Menschen verändert». «Die Menschen haben sich daran gewöhnt, nur ein Kind zu haben», sagte der bekannte Autor. «Das Konzept ist tief verwurzelt und nur schwer zu ändern.»

Auch seien die Ausgaben, um Kinder in China grosszuziehen, höher als selbst in fortschrittlicheren Wirtschaftsnationen wie Taiwan oder Südkorea. «Auf der einen Seite ist die Scheidungsrate in China hoch, auf der anderen Seite gehen die Trauungen zurück», sagt Yi Fuxian. «Das ist sehr beunruhigend.»

Jeder fünfte Chinese ist über 60

Professor Mu Guangzong vom Institut für Bevölkerungsforschung an der Universität Peking sieht ganz ähnliche Gründe: «Die niedrige Geburtenrate hat ein alarmierendes Ausmass erreicht, aber es ist keine Überraschung», sagte er der «Global Times».

Die Experten warnen vor den wirtschaftlichen Folgen der Überalterung. «Wenn die Zahl der Arbeitskräfte geringer wird, beginnt der Niedergang der Wirtschaft», sagte Yi Fuxian. Chinas Wachstum werde abflachen. Nach Schätzungen wird der Zuwachs in China in den Jahren 2030 bis 2035 langsamer ausfallen als in den USA. «Es wird unmöglich, die USA als grösste Volkswirtschaft abzulösen.» Weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter müssten immer mehr Ältere versorgen. Heute ist schon jeder fünfte Chinese über 60 Jahre alt.

Inwieweit sich die Corona-Pandemie auf den Rückgang der Geburten auswirkt, ist noch unklar. Ein Babyboom durch die wochenlangen Ausgangssperren für Millionen ist auf jeden Fall ausgeblieben. China hat das Virus seit dem Sommer zwar weitgehend im Griff, doch könnten die allgemeinen Unsicherheiten die Bereitschaft gedämpft haben, jetzt Kinder in die Welt zu setzen. Ungeklärt blieb auch, ob die Pandemie besonders in der ersten Hälfte des Jahres vielleicht auch zu Verzögerungen bei der Wohnortanmeldung von Babys geführt hat.



Der starke Rückgang spiegelt sich allerdings in bereits vorliegenden Geburtenzahlen aus Metropolen wie Guangzhou, Yinchuan, Wenzhou und Weifang wider, die nach Presseberichten ein Minus von 9 bis 26 Prozent zeigen. Auch sprach die Zeitung «Global Times», die vom kommunistischen Parteiorgan «Volkszeitung» herausgegeben wird, von einer «Warnschwelle», die mit nur noch zehn Millionen gemeldeten Neugeborenen unterschritten worden sei.

Zusätzlich hat sich das Ungleichgewicht zwischen Jungen und Mädchen weiter verschlechtert. Da männliche Nachkommen in China bevorzugt werden, weil Töchter in andere Familien heiraten, werden heute statistisch 117 Jungen auf 100 Mädchen geboren, wie das Magazin «Yicai» aus einer jüngsten Studie berichtete. Obwohl geschlechterspezifische Abtreibungen in China eigentlich nicht erlaubt sind, hat sich das Verhältnis stetig verschlimmert.

Dieses Ungleichgewicht führt auch dazu, dass viele Millionen Männer keine Frau finden – und damit keinen Nachwuchs zeugen.

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dpa/gbi