«Die Behörden fahren eine Aushungerungsstrategie»

Julia Käser

18.9.2020 - 13:44

Lesbos Moria
Vor allem für Kinder und Frauen sei die Lage auf Lesbos prekär, sagt die Schweizer Journalistin Katharina Bracher. 
Bild: Keystone

Nach dem Brand des Flüchtlingslagers Moria ist die Situation auf der griechischen Insel immer noch desolat: Behörden halten Helfer fern, um die Geflüchteten in ein neu gebautes Lager zu zwingen, berichtet eine Schweizer Journalistin vor Ort.

Frau Bracher, seit den verheerenden Bränden auf Lesbos ist über eine Woche vergangen. Wie ist die Situation vor Ort? 

Mittlerweile haben zahlreiche Menschen das neue Notlager bezogen – ganz im Sinne der lokalen Behörden. Einige weigern sich aber auch, dorthin zu gehen, und bleiben auf der Strasse. Diese Menschen haben Angst, im provisorischen Zeltlager eingesperrt zu werden. Tatsächlich müssen alle Neuankömmlinge wegen der Coronasituation erst einmal in eine zweiwöchige Quarantäne. Und: In der griechischen Politik gibt es Stimmen, die fordern, dass das neue Camp als Internierungslager fungieren soll. 

Was unternehmen die griechischen Behörden, um die Geflüchteten ins Zeltlager zu bringen?

Zur Person

Katharina Bracher ist eine Schweizer Journalistin und als Redaktorin für die «NZZ am Sonntag» tätig. 

Die Menschen auf der Strasse haben nichts. Die Behörden fahren eine Art Aushungerungsstrategie und lassen nur wenige Aktivistinnen oder NGO-Mitarbeiter in ihre Nähe, die sie mit Wasser und Nahrung, aber auch anderen dringend notwendigen Dingen versorgen können. Zudem werden Flugblätter verteilt, die die Leute auf der Strasse drauf hinweisen, dass sie ihr Recht, Asyl zu ersuchen, verlieren, wenn sie sich nicht ins Zeltlager begeben. Auch ist die Polizei jeden Abend mit Tränengas und Wasserwerfern vor Ort. Dabei handelt es sich wohl um eine Drohung – ich habe nie gesehen, wie die Beamten es eingesetzt haben. 

Geht es den Menschen im neuen Camp besser als denjenigen auf der Strasse?

Anders als auf der Strasse erhalten die Menschen zweimal täglich etwas zu essen. Das Lager befindet sich noch im Aufbau, soll aber Platz für 12'000 Personen bieten – was eine Verbesserung gegenüber dem dreifach überbelegten Moria darstellt. Trotzdem sind die Menschen in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Auch ist die Wasserversorgung noch nicht dauerhaft gelöst. Das wird nun aber angegangen. So baut der Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe ein Wasserversorgungssystem und sanitäre Anlagen.

Zuletzt gab es mehrere Coronafälle auf Lesbos. Was wird getan, um die Verbreitung des Virus einzudämmen?

Nach der Ankunft im Zeltlager werden alle Menschen getestet und müssen zwei Wochen in Quarantäne. Aktuell gibt es rund 40 Erkrankte, die sich in Isolation befinden. Das Ganze ist jedoch ein Witz: Die Isolationszone ist durch Stacheldraht vom restlichen Camp getrennt und die Isolierten sprechen mit den anderen Lagerbewohnern über den Stacheldraht hinweg. Kranke und Gesunde kommen sich also sehr nah. Auch die Hygienemassnahmen können in der Enge nur schwer eingehalten werden. Die Menschen tragen tagelang dieselben Stoffmasken und es gibt keine Möglichkeit, sich regelmässig die Hände zu waschen. 

Die Hygienemassnahmen sind also nach wie vor ein grosses Problem ...

Ja! Das sieht man vor allem den 3'800 Kindern an – viele haben schwere Hauterkrankungen aufgrund der hygienischen Situation und sind gesundheitlich angeschlagen. Binden oder Tampons sind zum Beispiel nirgends vorhanden. Gerade für Kinder und Frauen ist die Lage wirklich prekär. Sie bedürfen eigentlich einen besonderen Schutz – doch das nehmen die griechischen Behörden nicht wahr. Frauen und Mädchen sind besonders gefährdet, vor allem sexuelle Übergriffe durch andere Flüchtende sind häufig.

Wie ist die Stimmung in der lokalen Bevölkerung?

Die Griechinnen und Griechen auf Lesbos haben wenig Verständnis für die Situation, die Nerven liegen blank. Sie wollen, dass die Geflüchteten die Insel verlassen – entweder Richtung Europa oder zurück in ihr Heimatland. Zudem pochen sie darauf, dass Europa seine Mitverantwortung wahrnehmen soll. Man fühlt sich alleingelassen. 

Wie wollen die griechischen Behörden weiter vorgehen?

Die Griechinnen und Griechen gehen davon aus, dass das stark davon abhängt, was die EU in den nächsten Tagen unternimmt. Werden kaum Flüchtlinge und Migranten aufgenommen, kann nicht ausgeschlossen werden, dass das neue Zeltlager tatsächlich zum Internierungslager wird. Medienberichten zufolge plant die griechische Regierung aber offenbar, die Menschen bis Ostern im grossen Stil aufs Festland zu holen. 

Aufruf an den Bundesrat

In einem Aufruf an den Bundesrat vom 16. September fordern über 20 Organisationen die Aufnahme von Frauen und LGBTINQA+-Menschen mit ihren Familien aus Lesbos. «Die Situation barg bereits vor dem Brand des Flüchtlingslagers Moria besonders viele Gefahren für allein flüchtende Frauen und Mütter sowie für intergeschlechtliche, trans-, non-binäre, queere, homo-, bi- und asexuelle Menschen», steht im Aufruf. Ihre Lage setze die Personen massiver (sexualisierter) Gewalt aus – ohne die Chance auf Schutz und Unterstützung. Die Brände hätten ihre Situation nochmals drastisch verschlechtert.

Zurück zur Startseite