Die einen bleiben gelassen, die anderen machen Druck

tafi/Agenturen

14.7.2021

A man wearing a face masks to protect against coronavirus crosses the Champs Elysees avenue in Paris, Monday, July 12, 2021. France's President Emmanuel Macron is hosting a top-level virus security meeting Monday morning and then giving a televised speech Monday evening, the kind of solemn speech he's given at each turning point in France's virus epidemic. (AP Photo/Michel Euler)
In Frankreich wird der Zugang zu Fernzügen, Reisebussen, Restaurants und Cafés ohne einen Test-, Impf- oder Genesungsnachweis künftig verwehrt. Auf den Champs-Élysées darf man sich allerdings noch frei bewegen.
Bild: AP

Wegen der Delta-Variante des Coronavirus häufen sich die Appelle aus der Wissenschaft, vorsichtig zu bleiben. Wie reagieren aber die Regierenden in den Nachbarländern auf die drohende vierte Welle?

tafi/Agenturen

14.7.2021

Die Neuinfektionen steigen überall in Europa, auch in der Schweiz infizieren sich nach wochenlanger Entspannung der Fallzahlen wieder mehr Menschen. Die Zahl der Neuinfektionen verdoppelt sich seit Anfang Juli wöchentlich. Grund ist die dominierende und besonders ansteckende Delta-Variante. Aufgrund dieser Entwicklung rechnet die wissenschaftliche Taskforce des Bundes in ihrer neuesten Lagebeurteilung von Dienstag auch mit einem baldigen Anstieg der Spitaleintritte.

Angesichts der Ausbreitung der Delta-Variante warnen Fachleute immer wieder vor einer vierten Pandemie-Welle. Sie äussern sich skeptisch gegenüber Forderungen nach grossen Lockerungsschritten in der Schweiz, wie sie in mehreren anderen Ländern geplant oder bereits angekündigt sind.

Wie gross sind die Sorgen in Europa? Ein Blick in die Nachbarländer zeigt ein differenziertes Bild.

Deutschland

In Deutschland wird angesichts der Delta-Variante gewarnt (vor einem unsicheren Herbst) und gehofft (auf einen sicheren Herbst). Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gass, erwartet «bei gleicher Inzidenz viel weniger Corona-Patienten in den Kliniken», wie er der «Bild»-Zeitung diktierte. Deswegen sehe er auch den Begriff der «vierten Welle» sehr kritisch. Der schüre unnötig Ängste, die aufgrund der fortschreitenden Impfkampagne fehl am Platz seien.

Derweil erteilten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn dem «französischen Weg» einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen eine Abfuhr. Das ist insofern bemerkenswert, als dass klare Worte sonst recht selten sind in der deutschen Bundesregierung. Man diskutiert lieber und streitet über Zuständigkeiten. Etwa bei der Ausstattung von Schulen mit Luftfiltern.

Risikogebiete nicht mehr ausweisen

Immerhin bei Auslandsreisen scheint etwas zu passieren. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, will Deutschland die Reiseauflagen vereinfachen und ab spätestens 28. Juli die bisherige Ausweisung von einfachen Risikogebieten aufgeben. Der Entwurf einer entsprechenden Verordnung sehe demnach nur noch zwei Kategorien von Risikogebieten vor. Dies wären wie bis anhin Gebiete mit hohen Inzidenzen und gefährlichen Virusvarianten. Die dritte Kategorie, einfache Risikogebiete, würde dagegen laut Agenturmeldung wegfallen. Stattdessen sollen bei der Einreise nach Deutschland ein negativer Corona-Test oder ein Impfnachweis Pflicht werden.

Nach der Rückkehr aus Hochinzidenzgebieten sollen Geimpfte künftig auch nicht mehr in Quarantäne müssen, so die AFP. Für Ungeimpfte gelte bei Rückkehr aber weiter eine Quarantänepflicht.

Auch in einigen Bundesländern wischt man Sorgen beiseite: In Sachsen etwa entfällt am Freitag die Maskenpflicht beim Einkaufen. «Wenn Sie einkaufen gehen, brauchen Sie keine Maske mehr aufsetzen, wenn die Inzidenz unter zehn ist», teilte Petra Köpping, Gesundheitsministerin des Bundeslandes, mit. Da die Sieben-Tage-Inzidenz in allen sächsischen Landkreisen aktuell unter zehn liegt, fällt die Maskenpflicht beim Einkaufen im ganzen Bundesland weg. 



Frankreich

In Frankreich ist man wegen vierter Welle besorgter. Nachdem es seit Ende Juni einen kontinuierlichen Anstieg der Neuansteckungen mit dem Coronavirus gegeben hatte, kündige Präsident Emmanuel Macron Anfang der Woche härtere Corona-Regeln an. In mehreren Departements überstieg der Inzidenzwert die 50er-Marke.

Für Macron ist eine Impfung aller Menschen vorerst der einzige Weg zurück zu einem normalen Leben. Er hatte am Montag angekündigt, dass ein Test-, Impf- oder Genesungsnachweis künftig deutlich häufiger notwendig werde. Der Staatschef will damit mehr Menschen zur Impfung bewegen. Macron kündigte ausserdem eine umstrittene Impfpflicht für Gesundheitspersonal an, mit drohendem Arbeitsverbot bei einem Verstoss. Auch für die Gesamtbevölkerung stelle sich die Frage einer verpflichtenden Impfung.

Für Touristinnen und Touristen ohne vollständige Impfung könnten die strengeren Regeln ins Geld gehen. Schon ab 21. Juli ist der Eintritt zu Kulturstätten nicht mehr ohne Nachweis möglich, ab August wird auch der Zugang zu Fernzügen, Reisebussen, Restaurants und Cafés ohne den sogenannten Gesundheitspass verwehrt.

Zwar reicht für den Eintritt ein negativer PCR- oder Antigentest, der auch in Papierform vorgezeigt werden kann. Allerdings darf dieser nicht älter als 48 Stunden sein. Wer sich also ohne vollständige Impfung länger als zwei Tage in Frankreich aufhält, wird künftig wohl in die Tasche greifen müssen, weil PCR- und Antigentests für ausländische Touristen in Frankreich nicht mehr kostenlos sind.

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Italien

Die Corona-Lage in Italien hat sich mit steigenden Impfzahlen in den vergangenen Wochen und Monaten zusehends entspannt. Die Regierung lockerte viele Beschränkungen und beendete die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, solange man den Mindestabstand einhalten kann. Die Gastronomie, Museen und Kinos haben geöffnet. Diskotheken hingegen kämpfen noch mit scharfen Einschränkungen.

Zuletzt aber hat sich der berechnete Sieben-Tage-Inzidenz-Wert auf landesweit durchschnittlich elf Fälle je 100'000 Einwohner erhöht, zuvor waren es neun gewesen. In elf Regionen und autonomen Provinzen stiegen die Fallzahlen in den zurückliegenden sieben Tagen, wie es im wöchentlichen Lagebericht des Gesundheitsministeriums vom Freitag heisst.

Die Nachrichtenagentur Ansa berichtete unter anderem von einem Corona-Ausbruch in Rom. Vermutlich bei einer Musikveranstaltung im Freien vor etwa zehn Tagen hatten sich rund dreissig junge Menschen mit dem Virus infiziert. Die Betroffenen hatten dem Bericht zufolge hohes Fieber und starke Kopfschmerzen.

Die Gesundheitsexperten stellten ausserdem fest, dass sich die Delta-Variante des Coronavirus weiter in Italien ausgebreitet hatte. Sie mahnten, weiter vorsichtig zu sein, um Ausbreitungsherde des Coronavirus zu vermeiden.

Österreich

Gesundheitsexperten in Österreich erwarten die vierte Welle mit ziemlicher Sicherheit. Trotzdem wurden Anfang Juli Abstandsregeln aufgehoben und die Nachtgastronomie sperrte wieder auf. Seitdem ist die Sieben-Tage-Inzidenz von sieben auf zehn gestiegen.

Für den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz ist das kein Problem. Der Regierungschef sieht die Krise an einem Wendepunkt: «Sie wandelt sich von einer akuten gesamtgesellschaftlichen Herausforderung zu einem individuellen medizinischen Problem», sagte er jetzt mehreren Regionalmedien. Durch den Fortschritt bei Impfungen, das Tragen von Masken und Massentests sei die Lage nicht mit der im vorigen Sommer vergleichbar.

Trotz steigender Corona-Infektionen setzt Kurz auf Eigenverantwortung statt auf staatliche Kontrolle. Und begründet seine Haltung mit einem kulinarisch-sportlichen Gleichnis: «Man kann am Tag zehn Schnitzel essen oder mit 140 Kilo die Felswand hinaufklettern, ohne dass der Staat unten steht und das Seil sichert.»

Es gebe in einer liberalen Demokratie das Recht, unvernünftig zu handeln. Dennoch müsse man noch nicht Geimpften klarmachen, dass sie sich früher oder später anstecken würden, sagte der Politiker.