Die tiefe Wunde bleibt – Abschied von George Floyd

dpa

10.6.2020

Philonise Floyd (l.) und seine Schwester LaTonya Floyd auf der Beerdigung ihres Bruders George Floyd am Dienstag in Houston, Texas.
Philonise Floyd (l.) und seine Schwester LaTonya Floyd auf der Beerdigung ihres Bruders George Floyd am Dienstag in Houston, Texas.
Bild: Keystone/EPA/Godofredo A. Vasquez / Pool

Im Tod wurde George Floyd zum jüngsten Symbol des Rassismus in den USA. Nun nahmen Hunderte Menschen vom Afroamerikaner Abschied. Die tiefe Wunde im Land aber bleibt. Ein politischer Kampf ist auch darum entbrannt, wer sie heilen kann.

Mit flammenden Aufrufen gegen Rassismus und Polizeigewalt haben Angehörige und Ehrengäste bei der Trauerfeier für George Floyd Abschied von dem getöteten Afroamerikaner genommen. Nach der emotionalen Zeremonie in einer Kirche in Houston im US-Bundesstaat Texas, die live übertragen wurde, erfolgte die Beisetzung von Floyd in der Nachbarstadt Pearland im Privaten. Der Sarg wurde auf der letzten Meile in einer weissen Pferdekutsche transportiert. Das Eintreffen des Trauerzugs am Friedhof verfolgten zahlreiche Menschen am Strassenrand.

«Wenn wir dich heute zur Ruhe legen, wird die Bewegung nicht ruhen, bis wir Gerechtigkeit bekommen. Bis wir einen Standard an Gerechtigkeit haben», sagte der prominente Bürgerrechtler Al Sharpton bei der Trauerfeier vor Angehörigen, Freunden und anderen Gästen. «Wir werden weiter kämpfen.» Er forderte, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. «Bis wir wissen, dass der Preis für ein schwarzes Leben derselbe ist wie der Preis für ein weisses Leben, werden wir diese Situationen immer und immer wieder erleben.»

Der designierte demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden rief in einer in der Kirche übertragenen Videobotschaft zur Überwindung von Rassismus auf. Amerika habe keine andere Wahl, als es in Zukunft besser zu machen. «Wir können die Wunden dieser Nation heilen», sagte Biden. Zu viele Schwarze in den USA «wachen auf und wissen, dass sie ihr Leben verlieren können, indem sie einfach ihr Leben leben», beklagte Biden. «Wenn George Floyd Gerechtigkeit erfährt, werden wir wirklich auf unserem Weg zur Rassengerechtigkeit in Amerika sein.»

Der Ex-US-Vizepräsident war am Tag vor der Beisetzung persönlich nach Houston gereist, um Familienangehörige von Floyd zu treffen, darunter dessen sechs Jahre alte Tochter Gianna. Für seine Videobotschaft bekam er von der Trauergemeinde viel Applaus.



Die Abwesenheit des Präsidenten

US-Präsident Donald Trump dagegen adressierte die Beisetzung am Dienstag nicht. Stattdessen griff er einen verletzten Demonstranten per Twitter an. Trump hat Floyds Tod mehrfach verurteilt. Ihm wird aber vorgeworfen, sich nicht klar gegen Rassismus zu positionieren und nicht genug Verständnis für den Zorn über Diskriminierung und Ungerechtigkeit im Land zu zeigen.

Präsent war Trump bei der Trauerfeier dennoch - wenn auch indirekt - dabei. Floyds Nichte Brooke Williams sagte beim Gottesdienst: «Keine Hassverbrechen mehr, bitte. Jemand hat gesagt: «Make America Great Again». Aber wann war Amerika jemals grossartig?» «Amerika wieder grossartig machen» war Trumps zentraler Wahlkampfslogan 2016.

Bürgerrechtler Sharpton erhob Vorwürfe gegen den US-Präsidenten. «Er hat China wegen der Menschenrechte angegriffen», sagte er. «Was ist mit dem Menschenrecht von George Floyd?» Sharpton kritisierte, Trump drohe mit dem Einsatz des Militärs gegen die Proteste infolge von Floyds Tod, «aber er spricht nicht ein Wort über acht Minuten und 46 Sekunden». Solange hatte ein weisser Polizist in Minneapolis sein Knie in den Nacken Floyds gedrückt, der daraufhin gestorben war. «Dein Land wird deinen Namen immer erinnern», sagte Sharpton. «Denn dein Hals war einer, der alle von uns repräsentiert hat, und wie du gelitten hast, stand für unser Leid.»

Der brutale Polizeieinsatz

Floyds Tod bei dem Polizeieinsatz vor mehr als zwei Wochen am 25. Mai hat Massenproteste gegen systematischen Rassismus und Polizeigewalt im ganzen Land und auch weltweit ausgelöst. Die Proteste dauern an. Ein weisser Polizeibeamter hatte sein Knie fast neun Minuten lang in den Nacken des am Boden liegenden Mannes gedrückt - trotz seiner wiederholten Bitten, ihn atmen zu lassen. Der Polizist und drei an dem Einsatz beteiligte Kollegen wurden entlassen, festgenommen und angeklagt. Floyd war wegen des Verdachts, mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben, festgenommen worden.

Bereits am Montag waren Tausende zu Floyds aufgebahrtem Leichnam in die Kirche in Houston geströmt, um Abschied von ihm zu nehmen. Floyd war in der texanischen Metropole aufgewachsen. Auf der Bühne standen während der Trauerfeier zwei Bilder Floyds, die ihn mit Engelsflügeln und einem Heiligenschein zeigten. Ein Künstler malte während der von Gospel-Musik begleiteten Zeremonie ein weiteres Porträt von ihm.

Als der Sarg aus der Kirche getragen wurde, reckten viele der Anwesenden ihre Faust als Zeichen des Kampfes gegen Rassismus in die Höhe. Ausserhalb der Kirche hielt eine Person ein Plakat mit der Aufschrift: «We will breathe» («Wir werden atmen») hoch – in Anlehnung an Floyds Worte vor seinem Tod. Er hatte gesagt: «I can't breathe.»

Der Wunsch nach Reformen

Der Tod Floyds hat nicht nur Massenproteste in aller Welt ausgelöst, sondern auch eine Debatte über Polizeireformen in den USA. Der Bürgermeister von Houston, Sylvester Turner, kündigte bei der Trauerfeier für Floyd ein Verbot von Würgegriffen und andere Massnahmen gegen Polizeigewalt an. «In dieser Stadt werden wir Deeskalation verlangen. In dieser Stadt wird man eine Warnung geben müssen, bevor man schiesst», sagte Turner. «In dieser Stadt hat man die Pflicht, einzuschreiten.»

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