Late Night USA

Ein jüdischer Weltall-Laser? «Geil! Kann ich mitmachen?»

Von Philipp Dahm

2.2.2021

Kind im Geiste: Der damalige Präsident Donald Trump macht mit Marjorie Taylor Greene am 4. Januar 2020 in Dalton, Georgia, Wahlkampf.
Kind im Geiste: Der damalige Präsident Donald Trump macht mit Marjorie Taylor Greene am 4. Januar 2020 in Dalton, Georgia, Wahlkampf.
KEYSTONE

Sie sitzt seit November in Washington, doch schon wird Marjorie Taylor Greenes Rücktritt gefordert. Ihre QAnon-Spinnereien waren zwar bekannt, doch die sind noch harmlos im Vergleich zum Rest, weiss Late-Night-Host Noah.

Gestatten: Marjorie Taylor Greene. Die Republikanerin aus Georgia sieht sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert, obwohl sie erst im November in Georgia ins Repräsentantenhaus gewählt wurde. Was bei dem bekennenden Fan von Donald Trump das Problem ist? Es ist ähnlich, wie bei ihrem Helden – Greene werden wirre Verschwörungstheorien auf Social Media zum Verhängnis.

Late Night USA – Amerika verstehen
blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

«The Daily Show with Trevor Noah» zeigt gleich zu Beginn der Show entsprechende News-Ausschnitte, in denen unter anderem zu sehen ist, wie Greene einer Menge per Megafon erzählt, die Demokratin Nancy Pelosi sei eine Verräterin. «Das ist ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wird», schwadroniert Greene im Jahr 2019.

Auch Barack Obama und Hillary Clinton hätte die 46-Jährige gern am Galgen gesehen. «Sie mögen viele Sachen nicht, die ich sage oder tue», sagt Greene selbst zu den Vorwürfen. «Es ist eine Hexenjagd.» «Nun, sie mögen nicht, was du sagst», überlegt Trevor Noah daraufhin angestrengt, «weil du ihre Exekution forderst. Sie wollen keine Hexenjagd, sie wollen am Leben bleiben.»

Glaubenssache QAnon

Schon wegen ihres Namens müsse man Marjorie Taylor Greenes Aussagen ernst nehmen, findet der Moderator: «Attentäter haben immer drei Namen: Lee Harvey Oswald, John Wilkes Booth, Neil Patrick Harris ... Der ist ein Killer bei jeder Award-Show.»

Die Attentäter von JFK und Abraham Lincoln hatten drei Namen. So wie Schauspieler Neil Patrick Harris, der mit «How I Met Your Mother» aber höchstens Langeweile töten kann.
Die Attentäter von JFK und Abraham Lincoln hatten drei Namen. So wie Schauspieler Neil Patrick Harris, der mit «How I Met Your Mother» aber höchstens Langeweile töten kann.
Screenshot: YouTube

Wer also ist diese umstrittene US-Politikerin? Greene wurde im 14. Bezirk von Georgia gewählt, grad ausserhalb Atlanta. Und ihre Ansichten seien «grad ausserhalb der Realität», leitet Noah die News-Clips ein, die ab Minute 2:02 folgen. Das Fundament ihrer Überzeugungen sind die Theorien von QAnon, die vermeintlich von einem Whistleblower kommen, der in der Zentrale der Macht sitzt: «Q ist ein Patriot. So viel ist sicher», sagt Greene.

Laut Greene und Q, der Trump nahestehen soll, beten viele Mitglieder der Regierung Moloch alias den Teufel an. Ausserdem sollen sie auch pädophil sein. Doch Greene «ist wohl kaum das erste Kongressmitglied, das an Befremdendes glaubt», verteidigt Noah die Frau. «Immerhin glaubt Ted Cruz, dass ihm dieser Bart steht.»

Osama bin Karen

Doch QAnon sei nicht einfach bloss extrem, sondern wahnhaft: «Wie will man in der Regierung sein und gleichzeitig glauben, dass die Regierung voll von Satan anbetenden Sex-Grüseln ist?» Greenes Horizont beschränkt sich übrigens nicht bloss auf die QAnon-Verschwörungstheorien.

Umstritten: Ted Cruz' Bart.
Umstritten: Ted Cruz' Bart.
Screenshot: YouTube

Wie die Clips ab Minute 3:27 zeigen, behauptete sie 2018, Barack Obama sei ein Muslim, die Clintons steckten hinter dem Attentat auf JFK und bezweifelte den Hergang von 9/11. Dasselbe gilt für das Schulmassaker in Parkland, Florida, das 2018 17 Menschenleben forderte. Ein Video zeigt sogar, wie Greene einen jugendlichen Überlebenden deswegen auf der Strasse angeht, weil der sich für strengere Waffengesetze einsetzt.

«Aber wie konnte Osama bin Karen eigentlich gewählt werden?», fragt Noah nachvollziehbar. Seine Antwort: Weil sich gleich neun Republikaner um den Sitz im 14. Bezirk beworben hatten, war die Aufmerksamkeit breit gestreut gewesen. Und vor der Wahl ihre QAnon-Vergangenheit zwar teilweise aufgeflogen, doch von der republikanischen Klientel sei Greene vor allem als Hardcore-Trump-Unterstützerin wahrgenommen worden.

Greenes «Botschaft für die Terroristen der Antifa»

Dass Greene voll auf Linie mit dem Ex-Präsidenten liegt, verraten schon ihre Wahlwerbespots – im Bild ab Minute 5:43. «Amerika ist das beste Land der Welt», poltert sie selbstbewusst vor einem Hummer-Geländewagen in die Kamera, bevor sie von dessen Pritsche aus mit einem Gewehr den Feind ins Visier nimmt: «Wir brauchen Konservative in Washington, die dafür sorgen, dass es auch so bleibt.»

Marjorie Taylor Greene hat Washington im Visier – und dabei vor allem demokratische Politiker.
Marjorie Taylor Greene hat Washington im Visier – und dabei vor allem demokratische Politiker.
Screenshot: YouTube

Die Demokraten seien «keine amerikanische Partei» mehr, bekundet Greene, sondern «die Partei des Sozialismus. Sie wollen unsere Grenzen weit aufreissen. Sie wollen bis kurz vor der Geburt Babys töten und vielleicht sogar danach.»

In einem anderen Clip schaut die Frau grimmig in die Kamera. «Ich habe eine Botschaft für die Terroristen der Antifa», tönt sie und entsichert dabei die Maschinenpistole, die sie im Arm hält: «Haltet euch zur Hölle fern aus Nordwest-Georgia!»

Klassischer Antisemitismus

Dass nun ausgerechnet jene Waffen liebende Nationalistin auch noch rassistische Ansichten hat, mag manchen überraschen. Andere aber vielleicht auch nicht. Ab Minute 6:40 warnt sie vor einer «islamischen Invasion». Die Muslime sollten doch zu Hause bleiben: «Da könnt ihr so viele Frauen oder Ziegen haben, wie ihr wollt.»

Von wegen «zensiert» – Marjorie Taylor Greene am 13. Januar in Washington.
Von wegen «zensiert» – Marjorie Taylor Greene am 13. Januar in Washington.
KEYSTONE

Greene sagt Sachen wie: «Die Gruppe, die in den USA am schlechtesten behandelt wird, sind weisse Männer.» Und sie schreibt, dass die Waldbrände in Kalifornien 2018 durch Laserstrahlen eines Satelliten ausgelöst worden sind, der mit der Rotschild-Familie im Zusammenhang stehe – den Facebook-Eintrag hat sie mittlerweile gelöscht.

«Warte mal, warte mal», meint Noah, «jüdische Weltall-Laser? «Warum sollte man einen Weltall-Laser benutzen, wenn man heimlich einen Wald anzünden will, anstatt einfach ... na ja, Zündhölzer zu benutzen? Und mal ehrlich, Leute: Wenn Ihr antisemitisch seid, ist das eine merkwürdige Art, die Leute von euch überzeugen zu wollen. Denn wenn ich höre, dass jemand sagt, ‹Juden haben einen Weltall-Laser›, denke ich: ‹Geil! Kann ich mitmachen?›»

Blut ist, wenn man trotzdem lacht

Es sei kein Wunder, dass Greene gewählt worden ist, meint der Moderator. Sie sei eine Abgeordnete, die zusammenbringt – egal ob man nun Juden, Muslime, Schwarze oder jene «schmierigen Kanadier» hasst. Und zum Umsturz habe Greene sogar schon aufgerufen, bevor Amerika am 20. November 2020 Trump abgewählt hat, zeigt der Clip ab Minute 8:50.

«Der einzige Weg, auf dem Ihr eure Freiheit zurückbekommt, ist, indem Ihr es Euch mit Blut verdient.»

Und während sich mancher Politiker noch überlegt, wie man Greene wieder aus dem System entfernen kann, versucht diese nun selbst, jemanden zu entfernen: Greene hat ein Impeachment-Verfahren gegen Joe Biden beantragt, der gerade erst sein Amt angetreten hat. «Mal sehen, was da geht», bekundet sie dazu mit einem breiten Grinsen.

Trevor Noah findet das ganz schön schwach. Sie sei nach Washington gekommen, um zu exekutieren – und davon bleibe bloss ein lahmes Impeachment. «Das Repräsentantenhaus macht wohl aus jedem einen Moderaten», stichelt der Late-Night-Host.

Vielleicht sei Greene ja sogar eine verkappte Demokratin, überlegt der 36-Jährige. Und wenn ja, wäre es gut: «Es wäre der einzige Weg, auf dem Republikaner sie für das verdammen würden, was sie getan hat.»

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