Brand- und Rohrbomben – der Beinahe-Coup der Yeehawdisten

Philipp Dahm

12.1.2021 - 17:12

Stephen Colbert schaut bei Donald Trump genau hin.
Screenshot: YouTube

Am Mittwoch hätten Explosionen die Polizei vom Kapitol ablenken sollen – und auch Molotow-Cocktails wurden sichergestellt: Die «Dummkopf-Dschihadisten» wollten den Staatsstreich, glaubt Stephen Colbert.

«Als ich die Ereignisse vergangenen Mittwoch gesehen habe, war ich aufgeregt wie noch nie», steigt Stephen Colbert in seiner «Late Show» fadengerade ins Geschehen ein. «Viele Leute haben mich gefragt: ‹Aber was ist mit 9/11, Stephen?› Ja, das war der schrecklichste Tag in Amerikas Geschichte.» Colbert wird laut: «Aber ich möchte festhalten: Es hat damals niemand den Terroristen zugejubelt! Niemand hat so getan, als wären sie keine Terroristen!»

Late Night USA – Amerika verstehen
blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Der Late-Night-Host erklärt seine Wortwahl so: «Dieser Angriff war viel schlimmer, als es auf den ersten Blick schien. Die Terroristen, die das Kapitol gestürmt haben, waren nicht bloss irgendwelche Radaubrüder auf einer Diät aus Lügen, Fake-Nuss und Monster Energy-Drink – das war ein koordinierter und geplanter Versuch, die gewählten Vertreter unserer Nation zu terrorisieren, wenn nicht zu töten.»

Colbert belegt seine These: Der mittlerweile zurückgetretene Chef der Capitol Police sagte der «Washington Post»: «Sie kamen mit Helmen, Gasmasken, Schildern, Pfefferspray, Feuerwerk, Kletterausrüstungen – Kletterausrüstungen! – Sprengstoff, Eisenrohren, Baseballschlägern.» Ein weiteres Detail, das in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz gekommen ist, sind die Rohrbomben.

Diese Sprengsätze wurden am Mittwoch an den Zentralen beider Parteien in Washington entdeckt und entschärft. Der scheidende Polizeichef glaubt, die Explosionen sollten ein Ablenkungsmanöver sein, um seine Leute vom Kapitol wegzulocken. «Eine professionelle Taktik für den Aufstand, durchgeführt von Inlandsterroristen auf ihrem Dummkopf-Dschihad – es sind Yeehawdisten!»

«Ihr liegt falsch»

Die Show spielt ab Minute 2:34 Bilder vom Mittwoch ein, auf denen die Menge einen Polizisten mal in einer Tür zerquetscht und mal einen Beamten eine Treppe herunterschleift und mit Fahnenstangen verprügelt, während sie «USA, USA» skandiert. «Es ist hart herunterzubrechen, woran diese Idioten glauben», sagt Colbert. «Black Lives Matter? Oh, nein. Blue Lives Matter? Ja, aber nur, wenn wir sie nicht gerade mit der Landesfahne zu ermorden versuchen.»

Störer schlagen vor dem Kapitol am 6. Januar einen Polizisten mit Fahnenstangen zusammen.
Screenshot: YouTube

Der 56-Jährige berichtet weiter, die Behörden hätten am Mittwoch zudem einen Mann festgenommen, der elf Molotow-Cocktails bei sich trug. «Wenn es noch irgendjemanden gibt, der diese Leute nicht Terroristen nennen will, sollte das in Betracht ziehen: Ihr liegt falsch», poltert Colbert.

Heute wird wohl das mittlerweile zweite Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump eingeleitet. «Einige sagen: ‹Warum der Aufwand? Er ist nur noch neun Tage im Amt.› Denen antworte ich: Er hat noch neun Tage im Amt! In neun Tagen kann man viel erreichen: Man kann eine ganze Welt erschaffen und sich dann noch ein dreitägiges Wochenende nehmen.»

Flirten mit Faschismus

Dass der Vizepräsident Trump wegen Unzurechnungsfähigkeit des Amtes enthebe, sei unwahrscheinlich, wundert sich Colbert. Immerhin haben die Störer am Kapitol auch «Hängt Mike Pence» gerufen. «CNN» berichtet übrigens, der Vize behalte sich einen solchen Schritt vor, falls der Präsident «noch unstabiler» werde.

Auch Kevin McCarthy ist nachsichtig mit dem New Yorker: Der Vertreter der Republikaner im Repräsentantenhaus sagte der «Washington Post»: «Den Präsidenten abzusetzen, würde unser Land nur noch weiter entzweien.» Doch bevor es eine Aussöhnung geben kann, müsse es erst Reue geben, kontert Colbert. «Was Kev begreifen muss: Wenn man lange genug mit Faschismus flirtet, wacht man auf und ist verheiratet und hat zwei Kinder: Adolf und Benito.»

Roy Blunt (links) hat das «ruhende Joker-Face», findet Colbert.
Screenshot: YouTube

Unter diesen Vorzeichen ist es kaum verwunderlich, dass sich Roy Blunt bloss Häme von Colbert zuzieht: Der republikanische Senator aus Missouri sagte in «The Nation Face», er glaube, dass sich Trump jetzt zurückhalte, da er sich «die Finger verbrannt» habe – zu sehen ab Minute 7:40.

«Seid da: Es wird wild!»

«Der Präsident ist nicht gerade bekannt dafür, dass er nicht Sachen anfasst, die er nicht anfassen sollte», meint der Gastgeber. Trump habe die Menge nicht nur aufgewiegelt, sondern sei auch «tief in die Planung involviert» gewesen, habe seine Anhänger via Twitter nach Washington gerufen und versprochen: «Seid da: Es wird wild!»

Sine Verbannung von Twitter habe den Präsidenten übrigens an die Decke gehen lassen, weiss «Politico». Auch die Ausweich-Accounts, die der 74-Jährige bemüht hat, wurden gesperrt. Andere Kanäle sind dem Twitter-Beispiel gefolgt: Der Dienst Parler ist sogar ganz aus den App-Stores verschwunden. «Das ist wie Twitter, aber ausschliesslich mit Trollen», erklärt Colbert.

Donald Trump Jr. wittert darin eine Verschwörung – zu sehen in dem Clip ab Minute 10:47. »Glaubt irgendjemand, dass das Zufall ist, dass Apple Parler aus dem Store nimmt, nachdem Twitter den Präsidenten verbannt hat?» «Nein», antwortet Colbert bissig. «Niemand glaubt [das]. Es ist kein Zufall, sondern eine Konsequenz. Ich weiss, dass es für dich schwer zu verstehen ist, weil du noch nie Konsequenzen zu sehen bekommen hast.»

Zurück zur Startseite