Dilemma im Donbass

Er erzwingt einen Erfolg in Sjewjerodonezk, doch für mehr fehlt Putin die Kraft

Von Philipp Dahm

27.5.2022

Heftige Kämpfe im Donbass

Heftige Kämpfe im Donbass

STORY: Russische Angriffe auf die ukrainische Millionenstadt Charkiw im Osten des Landes am Donnerstag. Nach Angaben der örtlichen Behörden kamen dabei mindestens sieben Zivilisten ums Leben, es gab zahlreiche Verwundete. In Charkiw war es zuletzt relativ ruhig geblieben, nachdem die ukrainischen Streitkräffte das Gebiet um die Stadt zurückerorbert und die russischen Truppen zurückgedrängt hatten. Auch das U-Bahn-Netz der Stadt wurde wieder geöffnet. Unterdessen setzten russische Truppen ihre Offensive im Donbass fort. Ein ukrainischer General räumt ein, dass Russland in der Region Luhansk überlegen sei. Die ukrainischen Truppen würden aber alles tun, was möglich sei. Popasna, einst eine Stadt mit 200 00 Einwohnern in der Oblast Luhansk, sah am Donnerstag wie eine Geisterstadt aus. Die ukrainischen Truppen hatten sich am 5. Mai aus der Stadt zurückgezogen, viele Einwohner sind geflohen. Einige – wie Natalia Kovalenko – harren noch in der zerstörten Stadt aus: «Wir sind es leid, Angst zu haben, sehr leid. Natürlich ist es beängstigend, aber nicht so wie früher. Wir hoffen immer noch auf Besserung». Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die russischen Soldaten seien in einigen Teilen des Ostens «zahlenmässig weit überlegen». Nach Einschätzung der ukrainischen Stellen ist auch Kiew nicht sicher vor neuen russischen Attacken.

27.05.2022

Ein Sieg wäre auch ein Propagandaerfolg: Die russische Armee will den letzten Widerstand in Luhansk auslöschen. Warum das gelingen und womit die Ukraine bald blutig kontern könnte.

Von Philipp Dahm

27.5.2022

Es schält sich immer mehr heraus, was Wladimir Putins nächste Ziele in der Ukraine sind: Der russische Präsident will die Oblaste (Regionen) Luhansk und Donezk vollständig in seine Gewalt bringen und möglichst viel von den Gebieten Cherson und Saporischschja an sich reissen.

Übersichtskarte der Ukraine mit Oblaste und allen Städten über 100'000 Einwohner. Gelb schraffiert siehst du die ursprünglichen Gebiete der Bonbass-Separatisten.
Karte: Conmons/Lencer

Im Moment kommt Putins Armee besser voran, nachdem die Kräfte im Donbass gebündelt worden sind: Bis zu 20 Mal mehr Material soll der Kreml im Vergleich zu Kiew herbeigeschafft haben. Der Oblast Luhansk steht vor dem Fall: Neben Lyman halten nur noch in Sjewjerodonezk Verteidiger aus, während die russische Armee jetzt von Norden, Osten und Süden angreift.

Sjewjerodonezk liegt am Fluss Siwerskyj Donez, an dem einerseits die Angreifer gescheitert sind, als ukrainische Artillerie bei einer versuchten Überquerung ein ganzes russisches Bataillon aufgelöst haben soll. Doch andererseits sollen russische Truppen auch Brücken gesprengt haben, um ukrainischen Nachschub über den Fluss nach Sjewjerodonezk selbst zu verunmöglichen.

Sjewjerodonezk und Lyssytschansk vor dem Fall

Nach wie vor versuchen die Generäle des Kreml, die Verteidiger dort und in der Stadt Lyssytschansk auf der anderen Seite des Flusses einzuschliessen, und sie kommen langsam voran. Sie sollen vor Stadt Soledar südwestlich von Lyssytschansk stehen und bedrohen die Strasse T1302, die Sjewjerodonezk mit den Versorgungszentren im Westen verbindet. 

Rot markiert die Kleinstadt Soledar an der T1302. Links oben hinter dem Fluss Siwerskyj Donez liegt Lyman, das seit Tagen von russischer Artillerie bombardiert wird. Rubischne rechts oben ist bereits in russischer Hand.
Karte: Google Earth

Doch an den anderen Fronten kommen die Angreifer kaum voran. Nördlich haben die ukrainischen Truppen sogar die Grenze zu Russland erreicht. Im Süden gibt es um Donzek herum minimale Geländegewinne. Um die Stadt Cherson herum haben die Russen einen Verteidigungspuffer gebildet, rücken aber nicht weiter nach Westen gegen Mykolajiw vor – denn dafür fehlt es einfach an Soldaten.

Das Thema ist für Putin nach wie vor ein Dilemma: Weil er wegen der Heimatfront auf eine Mobilmachung verzichten will, muss der 69-Jährige andere Wege gehen. So hat das Parlament gerade das Höchstalter für die Rekrutierung gekippt: Bisher durften nur Personen zwischen 18 und 40 Jahren dienen. Bei Ausländern betrug das Maximalalter sogar nur 30 Jahre. Der Präsident muss das neue Gesetz noch absegnen, dann tritt es in Kraft.

Angebliche Zwangsrekrutierungen und ein Artillerie-Joker

In Tschetschenien komme es ausserdem zu Zwangsrekrutierungen, melden ukrainische Quellen: Wer sich einer Einberufung von Putins Statthalter Ramsam Kadyrow verweigert, riskiert demnach eine Haft in einem «Geheimgefängnis». Auch gegen Familien der Betroffenen werde vorgegangen, wenn diese sich nicht «freiwillig» meldeten. Um wie viele Personen es geht, wird aus den Berichten, die nicht überprüft werden können, nicht ersichtlich.

Auch in den Separatisten-Republiken werden seit Kriegsausbruch alle wehrfähigen Männer zum Kampf verpflichtet. Doch auch in den gerade erst eroberten ukrainischen Gebieten soll die russische Armee auf der Suche nach Soldaten sein: Die Grundlage dafür bildet ein Dekret, das Putin am 25. Mai unterschrieben hat und das die massenweise Ausgabe russischer Pässe in den Oblasten Cherson und Saporischschja anordnet.

Wegen der zumeist festgefahrenen Fronten setzen beide Seiten derzeit vor allem auf Artillerie – und in dieser Hinsicht gibt es für die Ukraine gute Neuigkeiten: Nach entsprechenden Bitten Kiews wollen die USA laut dem Nachrichtensender CNN Mehrfach-Raketenwerfer mit grosser Reichweite liefern, die bis zu 500 Kilometer weit schiessen können. Die M142 HIMARS kann auch Präzisionsraketen verschiessen, die Versorgungszentren weit im russischen Hinterland ins Ziel nehmen könnten.

A launch truck fires the High Mobility Artillery Rocket System (HIMARS) at its intended target during the African Lion military exercise in Grier Labouihi complex, southern Morocco, Wednesday, June 9, 2021. With more than 7,000 participants from nine nations and NATO, African Lion is U.S. Africa Command's largest exercise. (AP Photo/Mosa'ab Elshamy)
Amerikanische HIMARS-Raketenwerfer beim Manöver in Grier Labouihi im Marokko im Juni 2021.
AP