Terror in Nizza

Möglicher Komplize: Ermittler nehmen 47-Jährigen fest

SDA

30.10.2020 - 10:16

Nach der Messerattacke in Nizza mit drei Toten wollen französische Anti-Terror-Ermittler herausfinden, ob der Tatverdächtige Komplizen hatte – und wie genau der Tunesier nach Frankreich gelangt ist. 

Der brutale Angriff in Nizza vom Donnerstag hält Frankreich weiter in Atem. Präsident Emmanuel Macron will am Freitagvormittag bei einem nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat über das weitere Vorgehen beraten. Der 42-Jährige hatte am Tatort von einem «islamistischen Terroranschlag» gesprochen und den Katholiken Unterstützung zugesichert.

Der von Polizisten schwer verletzte Tatverdächtige kam in ein Spital und schwebt in Lebensgefahr, wie Anti-Terror-Staatsanwalt Jean-François Ricard am Donnerstagabend berichtete.

Weiter haben die Ermittler einen 47-jährigen Mann festgenommen und in Gewahrsam genommen. Er soll am Vorabend der Tat Kontakt mit dem Angreifer gehabt haben, bestätigten Justizkreise der Nachrichtenagentur DPA am Freitag in Paris. Der Verdächtige sei am Donnerstagabend gestellt worden, hiess es weiter.

Höchste Alarmstufe

Frankreich wird seit einigen Wochen wieder schwer von Terrorismus getroffen. Im Land wurde die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Erst Mitte des Monats hatte die brutale Ermordung des Lehrers Samuel Paty im ganzen Land riesiges Entsetzen ausgelöst. Das Motiv des 18-jährigen Angreifers war den Ermittlern zufolge, dass Paty in einer Unterrichtsstunde zum Thema Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Patys Leiche war enthauptet aufgefunden worden.

Schon nach diesem mutmasslich terroristischen Anschlag hatten Macron und die Mitte-Regierung ein hartes Durchgreifen gegen den radikalen Islamismus angekündigt.

Der neuerliche Angriff ereignete sich am Donnerstag gegen 9:00 Uhr in der Kirche Notre-Dame im Zentrum von Nizza. Der mutmassliche Attentäter habe «Allahu akbar» («Gott ist gross» auf Arabisch) gerufen. Einer 60-jährigen Frau sei die Kehle durchgeschnitten worden, Ricard sprach von einer Art Enthauptung. Auch der getötete 55-jährige Küster wurde schwer am Hals verletzt. Ein drittes, schwer verletztes Opfer sei noch geflüchtet. Die 44-Jährige sei dann ausserhalb der Kirche ihren Verletzungen erlegen.



Der Angreifer habe ein Dokument des Italienischen Roten Kreuzes bei sich getragen, das auf einen 1999 geborenen tunesischen Staatsbürger ausgestellt gewesen sei. Er sei im September über die italienische Insel Lampedusa eingereist, sagte Ricard weiter. Am 9. Oktober sei er dann im süditalienischen Bari gewesen.

Italiens Behörden waren nach eigenen Angaben von Tunesien nicht vor dem Gewalttäter gewarnt worden. Aus dem Innenministerium in Rom verlautete, dass der Angreifer als ein 21-jähriger Tunesier identifiziert worden sei. Der Mann sei illegal auf Lampedusa angekommen. Nach italienischen Agenturberichten war er mit anderen Bootsmigranten dort an Land gegangen und im Oktober nach Bari gebracht worden. Dort soll er abgetaucht sein.

Aus Quellen im Innenministerium in Rom hiess es nur, dem Tunesier sei am 9. Oktober ein Ablehnungsdekret für einen Verbleib geschickt worden. Er sei aufgefordert worden, Italien innerhalb von sieben Tagen zu verlassen.

Weltweite Anteilnahme

Die mörderische Attacke löste weltweit Anteilnahme aus. Die Spitzen der EU-Institutionen sicherten Frankreich ihre Solidarität zu. Ganz Europa sei solidarisch mit dem Land, schrieb EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen auf Twitter. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verurteilte die Tat als einen «Akt abscheulicher Gewalt» und betonte: «Der Gewalt und den islamistischen Motiven, die offenbar hinter ihr stehen, müssen wir mit aller Entschiedenheit entgegentreten.»

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (2. v. l.) verschafft sich in Nizza ein Bild der Lage.
Bild: Keystone

Auch Russlands Präsident Wladimir Putin brachte sein «tiefes Mitgefühl» zum Ausdruck. Papst Franziskus bekundete seine Nähe und sein Mitgefühl mit den Trauernden. UN-Generalsekretär António Guterres nannte die Attacke «abscheulich». US-Präsident Trump schrieb auf Twitter, die USA stünden Frankreich «in diesem Kampf» zur Seite.

In Avignon hatte die Polizei am Donnerstag einen Mann getötet, der Passanten mit einer Waffe bedroht haben soll. Es gab Polizeikreisen zufolge allerdings vorerst keine Hinweise auf einen Terrorhintergrund.

Die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete, der Mann habe psychische Probleme gehabt und laut Staatsanwaltschaft wirre Äusserungen gemacht. Die Agentur zitierte Ermittlerkreise, dass der Mann «eine blaue Jacke in der Farbe von Génération Identitaire» getragen habe, einer rechtsextremen Gruppe. Die Staatsanwaltschaft erklärte dem Bericht zufolge, dass sie eine Zugehörigkeit des Mannes «zu einer rechtsextremen Bewegung» weder bestätigen noch dementieren könne. Eine Sprecherin von Génération Identitaire schrieb AFP zufolge auf Twitter, dass der Mann nie bei der Gruppe aktiv gewesen sei, «niemand kennt ihn».

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