Russen ergeben sich per Telefon

«Ich werde keine Ukrainer töten, ich will am Leben bleiben»

tafi

1.12.2022

Leben an der Front in der Ukraine: Kein Wasser, kein Strom, dafür Minen

Leben an der Front in der Ukraine: Kein Wasser, kein Strom, dafür Minen

Im Dorf Dowgenke an der Front im Osten der Ukraine sind alle Häuser zerstört oder beschädigt. Die wenigen Menschen, die hier noch ausharren, haben weder Strom noch Gas oder fliessendes Wasser. Viele klingen resigniert.

01.12.2022

Verzweiflung an der Hotline: Russische Soldaten können sich per Telefon oder Chat-Nachricht ergeben. Das Angebot der Ukraine wird schon genutzt, bevor es an die Front geht.

tafi

1.12.2022

«Ich möchte leben» – so heisst ein Angebot der Ukraine an russische Soldaten: Bei einer Kapitulationshotline können sie sich ergeben und die dafür nötigen Schritte vereinbaren. Kiews Angebot funktioniert per Telefon oder Messenger-App – und wird offenbar rege genutzt, wie eine Recherche der BBC zeigt.

Der BBC zufolge hätten sich bereits mehr als 3500 Angehörige der russischen Armee und ihre Familien gemeldet. Nach der Mobilisierung Hunderttausender russischer Männer durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin und der Befreiung der Stadt Cherson seien jeweils deutliche Zunahmen zu verzeichnen.

Laut der offiziellen Website der Aktion garantiert Kiew eine Inhaftierung in Übereinstimmung mit dem Genfer Abkommen über die Behandlung von Kriegsgefangenen, ärztliche Betreuung, drei Mahlzeiten am Tag. Und die Gewissheit, keinen Ukrainer töten zu müssen.

Soldaten schleichen sich weg, um zu telefonieren

Davor nämlich haben viele der Männer Angst, die sich an die Hotline wenden, berichtet ein BBC-Reporter, der Zugang zu Aufnahmen einiger Kapitulationsgespräche bekommen hat. Im ukrainischen Hauptquartier für den Umgang mit Kriegsgefangenen, wie viele andere Orte im Land immer wieder von Stromausfällen betroffen, erzählt eine Mitarbeiterin, was sie bei ihrer täglichen Arbeit erlebt. Um ihre Sicherheit zu gewährleisten, bleibt diese Frau anonym und wird Switlana genannt.

Abends sei am meisten los, sagt Switlana. Die Soldaten hätten dann mehr Freizeit und könnten sich davonschleichen, um zu telefonieren. «Zuallererst hören wir eine Stimme, meist eine männliche», erklärt sie. «Sie ist oft teils verzweifelt, teils frustriert, weil die Menschen nicht ganz verstehen, wie die Hotline funktioniert oder ob es sich nur um ein abgekartetes Spiel handelt.»

Russische Soldaten können auf einer Hotline schon kapitulieren, bevor sie an der Front in der Ukraine ankommen. (Archivbild)
Russische Soldaten können auf einer Hotline schon kapitulieren, bevor sie an der Front in der Ukraine ankommen. (Archivbild)
Uncredited/AP/dpa

Russen sind um ihr Leben besorgt

Einige andere wollen sich schon vor der Einberufung absichern, wie Chat-Nachrichten zeigen. Darin heisst es etwa: «Ich komme aus Moskau. Ich habe noch keinen Einberufungsbescheid erhalten, aber es gab Versuche, ihn mir zu übergeben. Haben Sie einen Rat für mich, was ich tun soll? Ich werde keine Ukrainer töten. Ich will am Leben bleiben.»

Zwar würden sich auch einige russische Soldaten melden, um sie zu provozieren: Aber Switlana ist überzeugt, dass nicht alle von ihnen die Behauptungen des Kremls glauben, die Ukraine werde von Nazis regiert. «Wir können nicht über ein ganzes Land urteilen», sagt sie. Die meisten russischen Soldaten «sind um ihr Leben besorgt». Wie ein Mann, der auf der besetzten Krim lebte und zum Kampf gegen seine eigene Familie und sein Land mobilisiert worden war.

Gefangenenaustausch soll Stimmung in Russland aufhellen

Mit dem Projekt habe man vor allem die Menschen ansprechen wollen, die von der Teilmobilisierung betroffen sind, erklärt Projektleiter Witalij Matwijenko. «Diese Menschen können nicht nur nicht kämpfen, sondern müssen auch als Kanonenfutter herhalten.»

Wer sich freiwillig ergibt, bleibt am Leben, sagt Matwijenko. Während die Männer ihr Leben retten, profitiert die Ukraine davon, dass die russischen Kriegsgefangenen bei künftigen Tauschaktionen als Währung verwendet werden. Wie die Denkfabrik «Institute for the Study of War» (ISW) festgestellt hat, forciert der Kreml zurzeit den Austausch von Kriegsgefangenen, um die Stimmung in Russland zu besänftigen.