Expertin über Russlands Krieg

Je gefährlicher für Putin, desto gefährlicher für die Welt

Andrea Moser

26.9.2022

Hunderte Festnahmen bei Protesten gegen Mobilmachung in Russland

Hunderte Festnahmen bei Protesten gegen Mobilmachung in Russland

Bei Protesten gegen die Mobilmachung in Russland sind laut einer Menschenrechtsorganisation am Samstag erneut zahlreiche Demonstranten festgenommen worden.

25.09.2022

Proteste, Verhaftungen und lange Staus an den Grenzen: Seit der Kreml die Teilmobilmachung angeordnet hat, eskaliert die Situation. Expertin Liana Fix sagt: Solange Putin an der Macht ist, gibt es keinen Frieden. 

Andrea Moser

26.9.2022

Menschen liegen auf dem Boden, umringt von einer Horde bewaffneter Polizisten. Einige bluten, andere halten schützend die Arme über den Kopf. Bilder wie diese gibt es momentan haufenweise aus Russland. Während sich vor einem halben Jahr kilometerlange Staus an der Grenze der Ukraine bildeten, wollen nun Tausende Menschen Russland verlassen. 

Seit der Ankündigung der Teilmobilmachung am Mittwoch eskaliert die Situation im Land. 300'000 Reservisten sollen in die russische Armee eingezogen werden. Zugleich hatte Präsident Wladimir Putin die Gesetze gegen Kriegsdienstverweigerer verschärft. Viele Familien in Russland sind in heller Panik, ihre Angehörigen in dem Krieg zu verlieren. Tausende Menschen protestieren. Der Staat greift durch. Es kommt zu Tausenden Verhaftungen. 

Mit der Teilmobilmachung beginne jetzt die bisher gefährlichste Phase des Krieges, sagt Russland-Expertin Liana Fix im «Spiegel». Die Teilmobilisierung sei das Eingeständnis, dass Putin den Krieg verloren hätte, wenn er jetzt nicht gehandelt hätte. «Es ist ein Schritt aus einer Position der Schwäche heraus.» Dieser Schritt werde noch sehr viele Probleme nach sich ziehen, ist sich Fix sicher. Die Moral der Truppen sei alles andere als auf dem Höhepunkt.

Demoralisierte Soldaten ohne Perspektive 

Russland habe die Verträge der Soldaten, die bereits in der Ukraine sind, auf unbestimmte Zeit verlängert. Männer, die ursprünglich nur drei oder sechs Monate in der Ukraine dienen sollten, wissen nicht, wann sie nach Hause dürfen. «Wenn man plötzlich keine Perspektive mehr hat, je wieder aus diesem Krieg herauszukommen, ist das natürlich absolut demoralisierend», sagt Fix. Dazu komme, dass neue, unerfahrene Truppen die Moral eher verschlechtern als verbessern. 

Sie sind direkt von Putins Teilmobilisierung betroffen: Rekruten steigen am 25. September in den Bus, der sie in die Ukraine bringt.
Sie sind direkt von Putins Teilmobilisierung betroffen: Rekruten steigen am 25. September in den Bus, der sie in die Ukraine bringt.
KEYSTONE/AP Photo, File

Einfach mehr Soldaten in den Krieg zu schicken, werde Russlands Probleme nicht lösen, im Gegenteil: «Putin wird Mühe haben, die Soldaten selbst mit so grundlegenden Dinge wie winterfester Kleidung auszustatten.» Die Qualität der russischen Soldaten entspreche weder von der Ausbildung noch vom Equipment jener der Ukrainer. Fix glaubt auch nicht, dass die Männer, die mit der Teilmobilisierung einrücken müssen, ein ausreichendes Training erhalten. Es fehle an Offizieren, die Trainings durchführen können, da diese in der Ukraine sind. Ausserdem stehe die russische Armee unter enormem Zeitdruck. 

Eine Mutter steht weinend vor einem Bus, der Rekruten in den Krieg in der Ukraine bringt. Ihr Sohn, der im Bus sitzt, wird eingezogen.
Eine Mutter steht weinend vor einem Bus, der Rekruten in den Krieg in der Ukraine bringt. Ihr Sohn, der im Bus sitzt, wird eingezogen.
KEYSTONE/AP Photo

Die Luft für Putin wird dünner 

Unter enormem Druck steht auch Präsident Putin selbst. Er schickte seine Armee in der Annahme in die Ukraine, der Krieg sei schnell gewonnen und vorbei. Die Teilmobilisierung sei deshalb auch nie eingeplant gewesen, sagt Fix. Allerdings habe es Druck auf Putin aus zwei Richtungen gegeben. Zum einen von Nationalisten, Rechten und Rechtsradikalen. Viele hatten gefordert, dass Russland mehr in den Krieg investieren müsse. Zum anderen dürfe Putin vor seinem Volk keine Schwäche zeigen und müsse Erfolge vorweisen. Erfolge, die ihm momentan fehlen.

Russische Polizisten gehen in St. Petersburg auf Menschen los, die am 21. September an einer unbewilligten Demonstration teilnehmen.
Russische Polizisten gehen in St. Petersburg auf Menschen los, die am 21. September an einer unbewilligten Demonstration teilnehmen.
KEYSTONE/EPA/ANATOLY MALTSEV

Dass die Situation in Russland derart eskaliert, überrascht Expertin Fix jedoch. Putin habe in der Vergangenheit unter Druck oft nach einem Mittelweg gesucht. Aber: «Die Teilmobilmachung ist ein überraschend klarer Schritt.» Es deute darauf hin, dass die Gefahr, den Krieg zu verlieren, in Moskau als sehr real betrachtet werde. Putin sei bereit, enorme innenpolitische Risiken einzugehen, um das Blatt zu wenden. «Für viele Menschen in der Ukraine, aber auch in Russland, ist diese Entwicklung eine Tragödie.»

Zwei junge Frauen werden von Polizisten in Moskau abgeführt. Sie haben am 21. September an einer Protestaktion gegen Putins Krieg gegen die Ukraine teilgenommen.
Zwei junge Frauen werden von Polizisten in Moskau abgeführt. Sie haben am 21. September an einer Protestaktion gegen Putins Krieg gegen die Ukraine teilgenommen.
KEYSTONE/EPA/MAXIM SHIPENKOV

Krieg wird Russland und die Ukraine in Instabilität stürzen

Für Fix ist klar: Mit Putin wird es keinen Frieden geben. Jedenfalls nicht, solange Moskau, egal ob unter Putin oder einem ähnlichen Nachfolger, diese Politik betreibt. Ausserdem könne Putin nicht mehr zurück. Er müsste schon unter enormen innenpolitischen Druck geraten. «Ein Zurück im Sinne von ernsthaften Verhandlungen mit der Ukraine oder gar einem Rückzug aus der Ukraine sehe ich im Moment nicht.»

Auch ein Szenario für ein eindeutiges Ende gebe es nicht. Fix glaubt nicht, dass eine Partei auf dem Schlachtfeld verliert und die Niederlage eingesteht. «Der Krieg wird vielmehr zu einer dauerhaften Instabilität führen. Sowohl in der Ukraine als auch in Russland.»

Der Schein trügt: Kremlchef Wladimir Putin steht mächtig unter Druck.
Der Schein trügt: Kremlchef Wladimir Putin steht mächtig unter Druck.
KEYSTONE/EPA/ILYA PITALEV/SPUTNIK/KREMLIN POOL MANDATORY CREDIT