Die Kampfansage

Philipp Dahm/sob

13.8.2020 - 05:55

Kamala Harris, ein Anti-Trump, steht für Verantwortlichkeit und Normen. Schöner Nebeneffekt: Die Ex-Staatsanwältin spricht Farbige, Frauen und die Jugend an. Der US-Wahlkampf geht in die heisse Phase. 

Die Demokraten machen im Kampf ums Weisse Haus gegen US-Präsident Donald Trump die US-Opferzahl in der Coronakrise zum Wahlkampfthema. Der Grund, warum das Virus die USA besonders hart getroffen habe, sei, «weil Trump es von Anfang an nicht ernst genommen hat», sagt die demokratische Anwärterin auf den Vizepräsidenten-Posten, Kamala Harris.

Es war ihr erster gemeinsamer Auftritt in dieser Rolle mit dem designierten demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden.Während sich andere Länder auf die Wissenschaft verlassen hätten, habe Trump «Wunderarzneien» propagiert, die er beim Sender «Fox« gesehen habe.

«Das passiert, wenn wir jemanden wählen, der der Aufgabe einfach nicht gewachsen ist», so Harris. In den USA wurden mehr als fünf Millionen Corona-Erkrankungen registriert – rund ein Viertel der weltweiten Fälle. Mehr als 165'000 Menschen starben.

Heisse Phase beginnt

Mit der Benennung seines «Running Mates» hat Biden die heisse Phase des US-Wahlkampfes eingeläutet. Die Wahl von Harris ist keine Überraschung – höchstens, dass deren Ankündigung so lange auf sich Warten liess: Die kalifornische Senatorin ist die ideale Ergänzung für das demokratische Portfolio im Kampf um das Präsidentenamt, in dem ein 77-Jähriger einen 74-Jährigen herausfordert.

Kamala Harris hat – im Gegensatz zu Joe Biden – mit Donald Trump nichts gemein. Sie ist das Kind eingewanderter Wissenschaftler, Trump wird in eine schrecklich nette Unternehmer-Dynastie hineingeboren. Sie lebt in Kanada und bildet sich an Universitäten, Trump wächst in Queens auf und verbindet Geschäft mit Image, TV-Zeit und seinem Renommee. Und während Trump das wirtschaftliche Erbe seines Vaters übernehmen kann, ackert sich Harris zu Beginn ihrer Karriere durch die Institutionen.

2004 wird sie zur Bezirksstaatsanwältin von San Francisco gewählt: Harris überzeugt durch höhere Aufklärungsraten, gibt sich aber gleichzeitig ein soziales Profil. Sie stärkt den Verbraucherschutz, reformiert das Justizwesen und spricht sich zum Beispiel gegen die Todesstrafe aus. 2010 wird sie als erste Schwarze Generalstaatsanwältin ihrer Heimat Kalifornien. Ihre Karriere endet dort nur deshalb, weil Harris 2018 als kalifornische Abgeordnete in den Senat einzieht.

Energisch bei schweren Verbrechen, ohne das Soziale aus dem Auge zu verlieren: Chefanklägerin Harris präsentiert 2014 einen Drogenfund.
AP

Kamala Harris setzt sich zwischen 2003 und 2016 in fünf Wahlen durch. Donald Trump hingegen ist zwischen 2001 und 2008 noch als demokratischer Wähler registriert, bevor er 2009 zu den Republikanern wechselt. Erst im Juni 2015 bekundet der New Yorker erstmals offiziell, ein politisches Amt anzustreben: Das Ergebnis des Präsidentschaftsrennens von 2016 ist bekannt.

Kavanaugh im Kreuzverhör

Als Senatorin sorgt Harris für Furore: Ihr früherer Job als Staatsanwältin zahlt sich aus, wenn es darum geht, den politischen Gegner festzunageln. Die Juristin macht landesweit von sich reden, als sie Brett Kavanaugh ins Kreuzverhör nimmt, bevor der als oberster Richter bestätigt wird. Sie macht Mit-Politikern in Ausschüssen Dampf, wenn die sich mit faulen Ausreden aus der Verantwortung winden wollen.

Soziales Image: Harris macht sich seit jeher für Gleichberechtigung und den Schutz von Minderheiten stark.
Bild: Keystone

Die Ex-Anklägerin steht für Recht und Ordnung. Für Normen, deren Einhaltung seit Amtsantritt Trumps eine neue Priorität bekommen hat. Auf der einen Seite der US-Präsident, der das Recht regelmässig dehnt und die Verfassung umdeutet – und auf der anderen Harris, die hart gegen schwere Straftaten vorgeht, aber durchsetzt, dass Jugendliche nicht automatisch ins Gefängnis kommen, wenn sie zum ersten Mal mit Drogen erwischt werden.

Wenn Joe Biden im November gewinnt, wäre Harris die erste schwarze Vizepräsidentin. Ihre Nominierung schwächt Trump in zwei Wählergruppen, in der der 74-Jährige ohnehin schon alt aussieht: bei Frauen und bei Schwarzen.

Modell für die Zukunft

Doch der vielleicht grösste Vorteil für die Demokraten ist das Alter der Politikerin: Kamala Harris ist erst 55 Jahre alt. Sie könnte Biden einen Schub bei den jungen Wählern geben – und stünde als Libero bereit, falls ein 78-Jähriger ins Weisse Haus einzöge und seine Amtszeit nicht vollendete. Kurzum: Harris ist ein Politmodell mit Zukunft.

Harris ist seit Januar 2017 Senatorin.
Bild: Keystone

Dass das Weisse Haus nach ihrer Nominierung alles daran setzt, Harris als linke Beifahrerin Bidens zu verkaufen, zeigt, dass es Trumps Wahlkampfteam an Konzept fehlt. So ein Schachzug wäre allenfalls bei einer Elisabeth Warren oder einem Bernie Sanders aufgegangen, doch er funktioniert nicht bei der Staatsanwältin mit Herz.

Es spricht für sich, dass Trumps Team nun versucht, Kapital aus einem Streit zu schlagen, den Harris und Biden im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur ausgetragen haben: An einer eigenen Antwort auf die «Kampfansage» Kamala Harris muss das Oval Office offenbar erst noch arbeiten.

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