Lagebericht Ukraine

Kiew will Mobilmachung mit «Armee von Drohnen» kontern

Von Philipp Dahm

22.9.2022

Ausverkaufte Flüge aus Russland nach Putins Befehl zur Teilmobilmachung

Ausverkaufte Flüge aus Russland nach Putins Befehl zur Teilmobilmachung

Die Anordnung einer Teilmobilmachung durch Präsident Wladimir Putin am Mittwoch hat in Russland einen Run auf Flüge ins Ausland ausgelöst. Direktflüge von Moskau nach Istanbul in der Türkei und Eriwan in Armenien waren am Mittwoch ausverkauft, Ticketpreise stiegen schnell auf das mehrfache eines durchschnittlichen russischen Monatslohns.

22.09.2022

Finnlands Ex-Geheimdienstchef macht die russische Teilmobilmachung keine Angst. Russland warnt derweil Paris vor weiteren Waffenlieferungen an Kiew, und die Ukraine freut sich über neue, mächtige Drohnen.

Von Philipp Dahm

22.9.2022

Die Ankündigung der russischen Teilmobilisierung zeigt Wirkung. Kaum ausgesprochen, sind Flüge aus Russland heraus ausgebucht. Bilder zeigen verstopfte Strassen vor der Grenze zu Finnland.

Im Kaukasus und im Fernen Osten sieht es ähnlich aus: Auch bei der Einreise nach Georgien bilden sich lange Schlangen, wie das unten stehende Foto zeigt. Und selbst vor dem Schlagbaum an der Grenze zur Mongolei gibt es einen Stau.

Anstehen an der Grenze zwischen Russland und Georgien.
Anstehen an der Grenze zwischen Russland und Georgien.
Bild: u/Fr0zenStars

Das sind keine guten Voraussetzungen, um zusätzliche 300'000 Soldaten auszuheben. «Weil Russland keinen Krieg erklärt hat, scheint eine [totale] Mobilisierung nicht möglich zu sein», sagt Pekka Toveri, der frühere Chef von Finnlands militärischen Geheimdienst dem Sender Yle. «Auf der anderen Seite hätten sie auch gar nicht die Ressourcen.» 

Finnlands Ex-Geheimdienstchef hat keine Angst

Theoretisch könnte die Russische Föderation laut Toveri eine Million Reservisten ausheben. In der Praxis erlaube das russische System eine solche Mobilisierung nicht: Es fehle nicht nur an Material, sondern auch an Ausbildungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt würde es die Wirtschaft nicht verkraften, wenn so viele Männer abgezogen würden.

Die Mobilisierung sei für Moskau jedoch unumgänglich, so Toveri. «Sie ist ein Indikator für grosse Verluste und Engpässe», analysiert der 61-Jährige. «Durch eine Teilmobilisierung können aus der Reserve Panzer-Besatzungen, Infanteristen und Artilleristen herausgepickt werden.»

Dennoch erhöht der Kreml gleichzeitig den Druck auf die heimische Industrie. Sie müsse «die Lieferung der erforderlichen Waffen und Ausrüstung an die Truppen so schnell wie möglich sicherstellen», zitiert die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Novosti Präsident Wladimir Putin. 

Russland warnt Westen – erfolglos – vor Waffen-Lieferungen

Das Kriegsgerät müsse mit Fokus auf die Kampfeinheiten in der Ukraine produziert werden, ohne dabei vom Ausland abhängig zu sein. «Die Verteidigungsindustrie ist genau der Bereich, in dem alle Import-Substitutionsprogramme bedingungslos umgesetzt werden müssen», betont Putin. Die Industrie solle dabei die Waffen des Westens genau studieren.

Ein ukrainischer Soldat macht vor einer polnischen Krab am 3. September im Oblast Donezk ein Selfie.
Ein ukrainischer Soldat macht vor einer polnischen Krab am 3. September im Oblast Donezk ein Selfie.
AP

Apropos: Mehr davon dürfen das Schlachtfeld nicht erreichen, fordert der Kreml, nachdem Paris neue Lieferungen «in den kommenden Wochen» angekündigt hat. Das hat der stellvertretende russische Aussenminister Alexander Gruschko dem französischen Botschafter in Moskau, Pierre Levy, klargemacht. Die Waffenlieferungen seien «inakzeptabel»: Das «Regime in Kiew» nutze sie, um «Zivilisten und Infrastruktur zu beschiessen.»

Der fromme Wunsch des Kreml wird jedoch nicht in Erfüllung gehen. Schweden diskutiert über die Abgabe von tragbaren Flugabwehrraketen vom Typ Robotsystem 70 und vom Artillerie-System Archer, das 155-Millimeter-Projektile bis zu 60 Kilometer weit schiessen kann. Der Deutsche Bundestag spricht ausserdem heute in Berlin Panzer vom Typ Leopard 2, deren Lieferung nach Kiew jedoch derzeit nicht wahrscheinlich ist.

Drohnen-Armee gegen Russlands Reservisten

Auch die EU kündigt weitere Waffenlieferungen für die Ukraine und neue Sanktionen gegen Russland an. «Es ist klar, dass Russland versucht, die Ukraine zu zerstören», begründet der EU-Aussenbeauftragte Josep Borrell Brüssels Haltung. «Wir werden neue restriktive Massnahmen sowohl auf persönlicher als auch auf sektoraler Ebene ergreifen.» Nur Ungarns Premier Viktor Orban will spätestens bis Ende des Jahres alle Sanktionen aufheben.

Die Ukraine selbst will Russlands Reservisten unter anderem mit einer «Armee von Drohnen» bekämpfen, kündigt der Minister für digitale Transformation an. «Wir müssen noch innovativer, schneller und flexibler werden», schreibt Mychajlo Fedorow auf Telegram. «Wir glauben an die Streitkräfte, unterstützen sie und entwickeln Technologien.»

Doch auch in dieser Sparte gibt es Hilfe aus dem Westen. Washington hat angekündigt, die Ukraine mit weiteren Drohnen zu versorgen. Nach der bereits gelieferten Switchblade 300, schickt die USA nun die Switchblade 600, deren grösserer Sprengkopf auch Panzer durchdringt. Ausserdem sind 37 polnische Warmate Kamikaze-Drohnen auf dem Weg, die mit der von Litauen initiierten internationalen Sammel-Aktion Legion of Boom finanziert wurden.

Wie ist die Lage an der Front?

Auf dem Schlachtfeld hat sich seit gestern nur wenig bewegt. Im Charkiw will die Ukraine einen russischen Gegenangriff auf Kupjansk abgewehrt haben, während die jüngsten Gebietsgewinne weiter konsolidiert werden. Ein Fortschritt für Kiew ist die Eroberung des Dorfes Drobyschewe, durch die eine Eisenbahnlinie nach Lyman abgeschnitten und die von Russen besetzte, wichtige Stadt weiter umschlossen wird.

Gleichzeitig hat die ukrainische Armee Ziele in Lohansk angegriffen. In Nowoajdar wurde offenbar eine Basis mit einem Munitionslager durch Artillerie zerstört. Ausserdem wurde Swatowe unter Beschuss genommen: ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Versorgung der Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk.

In Cherson kann Kiew nur minimale Geländegewinne verzeichnen, und im Oblast Donezk gibt es einen Stillstand. Bewegung gibt es dagegen abseits der Ukraine in Zentral-Rumänien: Dort richtet die Nato in Cincu nach einem «fundamentalen Wechsel in Sachen Abschreckung und Verteidigung» eine neue Basis für eine Nato-Kampfgruppe ein, berichtet der US-Sender Radio Free Europe/Radio Liberty