Bewegung des Kreml-Kritikers droht nun das Verbot

SDA

25.4.2021 - 11:09

People shine the lights of their mobile phones during the opposition rally in support of jailed opposition leader Alexei Navalny in Moscow, Russia, Wednesday, April 21, 2021. Police across Russia have arrested more than 180 people in connection with demonstrations in support of imprisoned opposition leader Alexei Navalny, according to a human rights group. (AP Photo/Alexander Zemlianichenko)
Während einer Kundgebung der Opposition zur Unterstützung des inhaftierten Oppositionsführers Alexei Navalny am vergangenen Mittwoch in Moskau leuchten Menschen mit ihren Mobiltelefone.
Bild: Keystone

Auf eine neue wochenlange Tortur stellt sich der im Straflager inhaftierte Kremlgegner Alexej Nawalny für seinen Ausstieg aus dem Hungerstreik ein. «In der Regel dauert das auch 24 Tage und das ist, so heisst es, sogar schwieriger. Also wünscht mir Erfolg», teilt er in seiner neuen Nachricht bei Instagram mit.

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25.4.2021 - 11:09

An diesem Montag (26. April) ist es 100 Tage her, dass Nawalny aus Deutschland, wo er sich von einem Mordanschlag mit dem Nervengift Nowitschok erholt hatte, nach Russland zurückkehrte. Noch am Flughafen in Moskau wurde der 44-Jährige am 17. Januar festgenommen.

An diesem Montag beginnt auch ein Gerichtsverfahren, mit dem die russische Justiz zerstören will, was Nawalny und seine gegen Korruption gerichtete Bewegung in Jahren aufgebaut haben. Die Moskauer Staatsanwaltschaft will Nawalnys Organisationen, darunter seine Anti-Korruptions-Stiftung und seine Regionalstäbe, als extremistisch einstufen und damit praktisch verbieten lassen.

Die Bewegung, so die Ankläger, «destabilisiert die gesellschaftlich-politische Lage im Land». Sie rufe auf zur «extremistischen Tätigkeit, zu Massenunruhen – auch mit Versuchen, Minderjährige in gesetzeswidrige Handlungen zu verwickeln». Beschuldigt werden die Organisationen, sie handelten «im Auftrag verschiedener ausländischer Zentren, die destruktive Handlungen gegen Russland ausführen». Das angebliche Ziel: eine Revolution, um den Machtapparat des Kremlchefs Wladimir Putin zu stürzen.

Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch, die im Arrest sitzt und die Unterlagen sichtete, betont, die Anschuldigungen seien haltlos und nicht durch einen einzigen Beweis belegt. Wie das Wegsperren Nawalnys als Anführer der Bewegung und seiner vielen Mitarbeiter diene auch dieser Willkürprozess vor Gericht nur dem Ziel, die Opposition auszulöschen. Auch am Wochenende gab es neue Festnahmen von Kremlgegnern, wie das Menschenrechtsportal ovdinfo.org berichtete.



Vor der Parlamentswahl am 19. September steht der Machtapparat mit der Kremlpartei Geeintes Russland in der Kritik, jede Form von Protest zu zerschlagen und Andersdenkende zu kriminalisieren. Zwar ist Nawalnys Bewegung nicht als Partei zugelassen. Die Strukturen seiner vielen regionalen Stäbe funktionieren aber ähnlich und kümmern sich auch um Probleme von Bürgern. Deshalb rechnen sich einzelne seiner Mitarbeiter als unabhängige Kandidaten bei der Wahl Chancen aus. Eine Herausforderung, gegen die Staatsmedien, Justiz und die etablierten politischen Kräfte mit aller Wucht vorgehen.

Als der Nawalny-Mitarbeiter Sachar Sarapulow in der sibirischen Metropole Irkutsk gerade erklärte, für die Duma-Wahl kandidieren zu wollen, bekam er prompt Besuch von der Polizei, die das Büro des Oppositionellen durchsuchte. Ähnlich ergeht es Nawalnys prominenter Moskauer Mitarbeiterin Ljubow Sobol, die ebenfalls kandidieren will und sich immer wieder mit Gerichtsverfahren sowie Arrest- und Geldstrafen konfrontiert sieht.

Proteste von Nawalny-Anhängern in Russland – zahlreiche Festnahmen

Proteste von Nawalny-Anhängern in Russland – zahlreiche Festnahmen

Bei landesweiten Demonstrationen für den inhaftierten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny sind in Russland nach Angaben einer Beobachtergruppe mehr als tausend Menschen festgenommen worden.

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Wenn nun die Bewegung Nawalnys als extremistisch eingestuft und unter Androhung jahrelanger Haftstrafen verboten wird, dann gilt das als bisher schwerster Schlag überhaupt gegen die Oppositionsarbeit. Damit werde die Tätigkeit auf dem Gebiet Russland einschliesslich der Informationsarbeit im Internet quasi unmöglich, sagt die Politologin Tatjana Stanowaja. Bei Instagram und Twitter etwa erreicht die Marke Nawalny Millionen Menschen. Schon jetzt versuchen die russischen Behörden immer wieder, missliebige Inhalte im Internet zu blockieren.

«Das ist bisher die einzige gegen Putin gerichtete Opposition, die nicht marginal ist», sagt Stanowaja. Der «Nawalnyismus» werde jetzt kriminalisiert. Die Bewegung in ihrer bisherigen Form höre auf zu existieren. Aber die Sympathien für Nawalny sowie die Proteststimmung im Land kämen durch das Extremismusverfahren nicht zum Erliegen. «Das bringt die Bewegung nicht um.» Es werde etwas Neues entstehen, meint die Expertin. Nawalny habe jedenfalls mit seiner Rückkehr Pläne des Kremls vereitelt, ihn zum bedeutungslosen Politemigranten zu machen.

Aus dem Ausland können zudem führende Köpfe der Bewegung wie Leonid Wolkow, Iwan Schadnow und Maria Pewtschich (Pevchikh) weiter arbeiten und die populären Videos mit Enthüllungen von Korruption in Putins Machtapparat im Internet veröffentlichen. Von dort gibt es auch weiter Aufrufe an die russische Bevölkerung nicht nur zu Protesten. Vor allem sind die Bürger aufgerufen, bei der Abstimmung im Herbst für einen beliebigen Kandidaten zu stimmen – nur nicht für jenen der Kremlpartei. Das «schlaue Abstimmen» soll das Machtmonopol brechen.

Erreicht hat Nawalny internationale Aufmerksamkeit für die zunehmenden Repressionen in Russland. Seine Vergiftung mit dem chemischen Kampfstoff Nowitschok führte zu neuen Sanktionen gegen Russland. Die EU und die USA fordern vom Kreml weiter eine Aufklärung des Verbrechens. Vor allem aber die breite Solidarität, die Appelle von Weltstars an Putin, seinen Gegner freizulassen, und die Strassenproteste haben dazu geführt, dass sich die russische Führung fast täglich mit Nawalnys Schicksal befassen muss.

Nawalny bedankte sich nun für die breite Unterstützung «im ganzen Land und in der Welt». Die Solidarität und sein Hungerstreik hätten bewirkt, dass der Strafvollzug nach langer Weigerung zwei zivilen Ärztegruppen den Zugang zu ihm gewährt habe. «Das ist ausschliesslich Euer Verdienst!» Ein «Fortschritt». Er habe deshalb nun den Rat der Ärzte, denen er vertraue, befolgt – und wolle wegen der unmittelbaren Gefahr zu sterben den Hungerstreik beenden. Zugleich betonte Nawalny, seine Forderung, wegen eines Rückenleidens und Taubheit in den Gliedmassen von Spezialisten behandelt zu werden, bleibe bestehen.

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