Auftritt in «60 Minutes»

Obama geisselt Trump: «Wenn meine Töchter so was machen würden ...»

Von Philipp Dahm

16.11.2020

Abraham Lincoln schaut zu: Barack Obama in der CBS-Sendung «60 Minutes».
Screenshot: YouTube

Während sich die Betrugsvorwürfe der Republikaner nach und nach als peinliche Pleiten entpuppen, warnt Barack Obama vor politischer Spaltung: Der Ex-Präsident spart zudem auch nicht an Kritik am Nachfolger.

Barack Obama hat sich zu Wort gemeldet. Nicht wegen der kürzlichen Wahl, sondern um Werbung für sein kommendes Buch «A Promised Land» zu machen. Aber natürlich wird der 59-Jährige auch zur Auszählung und zu seinem Nachfolger befragt.

Bisher habe sich Obama mit Kommentaren zurückgehalten, weil das der gute Ton ist: Man soll seinen Nachfolger nicht kritisieren, stehe ja eigentlich im Knigge für US-Präsidenten. Doch der 44. Präsident fragt sich in der «CBS»-Sendung «60 Minutes» laut, ob seine Zurückhaltung womöglich ein Fehler war.

Um Obamas Aussagen besser einordnen zu können, hier noch ein Update zur aktuellen Wahlschlacht: Weil die Republikaner ihren Vorwurf nicht aufrechterhalten konnten, mussten sie in Pennsylvania ihre Klage teilweise zurückziehen: Weil ihre Wahlbeobachter vor Ort waren, behaupten sie nun nicht mehr das Gegenteil.

Präambel: Falsche Wahlbetrugsvorwürfe in NV, GA und PA

Auch der Vorwurf, «Tausende Tote» hätten abgestimmt, ist bisher nicht erhärtet worden. Das hatte beispielsweise «Fox»-Frontmann Tucker Carlson in die Welt gesetzt und vom Postboten James Blalock berichtet, der auch 14 Jahre nach seinem Ableben regelmässig wählen würde. Nun musste sich der Moderator entschuldigen: Es war dessen Witwe, die als Mrs. James Blalock in Georgia völlig legitim von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht hatte.

Es war auch der TV-Sender Fox News, der einer anonymisierten angeblichen Augenzeugin eine Plattform gab, die Ungeheuerliches aus Nevada zu erzählen wusste. Die Kurzform: Die Wahlhelferin will in einer Pause gesehen haben, wie Wahlbriefe aufgerissen worden sind, um sie entweder neu auszufüllen oder zu zerreissen. Auf dem Parkplatz vor dem Wahllokal. Vor einem Van, der als Wagen des Biden-Harris-Teams beschriftet war. Es wäre der wohl dümmste Wahlbetrug der Weltgeschichte, wenn es wahr wäre.

Wie  es um die Nerven des amerikanischen Volkes steht, musste auch Al Schmidt erfahren, der einer der drei Wahlleiter in Philadelphia, Pennsylvania, ist. Der einzige Republikaner in dem Trio erzählt, wie «gestört» sich alles anfühle. Man zähle doch bloss gültige Stimmen, werde aber mit haltlosen Vorwürfen überhäuft.

Obama: Wähler sind parteiischer geworden

«Wir werden im Büro angerufen und daran erinnert, dass für so was der zweite Verfassungsartikel da ist. Für Leute wie uns», sagt Schmidt. Die Rede ist vom Recht, eine Waffe zu tragen. «Das ist eine nicht so sonderlich versteckte Todesdrohung», staunt der Journalist im Interview. «Ja», antwortet der Republikaner. «Für das Auszählen von Stimmen.»

Was sagt nun Barack Obama zu dieser Situation? «[Sie] sagt uns, dass wir gespalten sind», sagt der Ex-Präsident auch mit Blick auf die Tatsache, dass Donald Trump acht Millionen Stimmen mehr bekommen hat als 2016. «Die Wähler sind gespalten. Das Ganze ist in einen Wettlauf ausgeartet, bei dem die Probleme, Fakten und Politisches weniger wichtig sind als Identität und das Bestreben, das Gegenüber zu schlagen.»



Der Hawaiianer will auch wissen, woran das liegt: «Die Medienlandschaft hat sich geändert, und in der Folge hat sich die Wahrnehmung der Wähler geändert. Ich glaube, republikanische und demokratische Wähler sind sehr viel parteiischer geworden.» Kompromisse könnten heutzutage schlechter geschlossen werden, weil die betroffenen Politiker ihrer Basis nicht mehr erklären könnten, warum sie mit dem dämonisierten Gegner paktierten.

Erosion der Wahrheit

Das sei nicht allein die Schuld von Donald Trump oder den Medien, sehr wohl aber von ihnen befeuert worden, glaubt Obama. «Wir sind durch eine Präsidentschaft gegangen, die grundlegende institutionalisierte Normen missachtet hat. Was wir gesehen haben, ist, was einige Leute die Erosion der Wahrheit nennen. Etwas, was vom scheidenden Donald Trump beschleunigt wird. Die Vorstellung, dass wir nicht nur die Wahrheit sagen müssen, sondern dass die Wahrheit egal ist.»

Neue Normen: Barack Obama ist jetzt auch Buchautor.
Screenshot: YouTube

Die Vorwürfe des Wahlbetrugs «sind ein weiterer Schritt, nicht nur der kommende Biden-Administration Legitimität abzusprechen, sondern auch der Demokratie im Allgemeinen. Und das ist ein gefährlicher Pfad.» Ein solches Verhalten würde man bei seinen eigenen Kindern nicht durchgehen lassen: «Wenn meine Töchter bei welchem Wettbewerb auch immer schmollen würden und die Gegenseite des Betrugs bezichtigten, wenn sie verloren haben, gäbe es eine Standpauke.»



In den vergangenen Jahren habe sich die Idee etabliert, dass «buchstäblich alles möglich und gerechtfertigt ist, um an die Macht zu kommen. Und das beschränkt sich nicht nur auf die Vereinigten Staaten», sagt Obama mit Blick auf Populisten und autokratische Herrscher. Er warnt: «Eine Demokratie funktioniert nicht ohne informierte Bürger.» Und auch nicht ohne Politiker, die ihre Verantwortung wahrnehmen und den Präsidenten darauf hinweisen, wenn er falsch liegt, endet Obama.

Obama persönlich

Am Ende geht es aber nicht nur um unschöne Tagespolitik: Obama wird im CBS-Interview auch persönlich. Etwa, wenn er davon berichtet, wie seine Ehefrau Michelle auf seine Kandidatur reagiert hatte: «Die Antwort ist Nein», habe sie wütend zu ihm gesagt. «Gott, Barack, wann wird es genug sein?» Es sei aber eine legitime Frage gewesen, macht Obama diplomatisch deutlich und erzählt von den Umständen im Jahr 2008.

Erst habe er sich erfolglos um einen Sitz im Kongress beworben, dann habe er 2006 einen anstrengenden Kampf um einen Senatssitz gewonnen. «Wir hatten zwei kleine Kinder und Michelle arbeitete. Ich habe mich gefragt: ‹Wie viel davon ist Grössenwahn? Wie viel davon ist Eitelkeit? Wie viel davon ist, dass ich mir selbst etwas beweisen muss?›» Mit der Zeit habe seine Frau schliesslich eingelenkt.

Donald Trumps Amtsvorgänger zeigt dem Moderator das Modell seines geplanten «Presidential Center» in Chicago.
Screenshot: YouTube

Den Schlusspunkt bildet Obamas Vermächtnis: Der Demokrat will sich mit einem Kulturzentrum verewigen, das im historischen Jackson Park von Chicago entstehen soll. «Es ist der Ort, an dem Michelle und ich uns kennengelernt haben, als ich meinen ersten öffentlichen Auftritt hatte.» 500 Millionen Dollar wird das Projekt in vier Jahren Bauzeit verschlingen: Die Hälfte der Kosten hat die entsprechende Stiftung bisher zusammen.

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