Polizei erschiesst Familienvater – viele Fragen und einige Antworten zu Atlanta

dpa/phi

15.6.2020 - 12:26

Minutenlang verläuft eine Kontrolle ruhig ab, dann überschlagen sich die Ereignisse. Am Ende stirbt ein Mann – wieder ein Schwarzer. Der Vorfall heizt die Debatte über Polizeigewalt und Rassismus in den USA weiter an.

Nach dem Tod eines Schwarzen bei einer Polizeikontrolle in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia wachsen die Zweifel an der Verhältnismässigkeit der Gewalt.

Videoaufnahmen der Ereignisse am Freitagabend zeigen die Interaktion zwischen zwei weissen Polizisten und Rayshard Brooks, an dessen Ende einer der Beamten Schüsse auf den 27-Jährigen abgab.

Die Obduktion ergab, dass Brooks an Organschäden und Blutverlust durch zwei Schussverletzungen im Rücken starb, wie der TV-Sender CNN unter Berufung auf die Gerichtsmedizin berichtete.

Rayshard Brooks mit seiner Frau und seinen drei Töchtern. Der 27-Jährige hatte ausserdem einen Stiefsohn.
Bild: Keystone

Brooks war nach einer Operation im Krankenhaus gestorben. Die Staatsanwaltschaft kündigte am Sonntag an, diese Woche über eine Anklage entscheiden zu wollen.

Was ist passiert?

Der 27-Jährige war am Steuer seines Wagens eingeschlafen, als er in der Schlange an einem Schnellrestaurant wartete. Die Bodycam des eintreffenden Polizisten hielt fest, was dann passierte: Brooks wurde aufgeweckt und angewiesen, sein Auto ausserhalb der Schlange zu parken. Er gab an, etwas getrunken zu haben. Die Unterhaltung lief in ruhigem Ton ab – und das länger als 20 Minuten, wie US-Medien berichteten.

Brooks verneinte die Frage, ob er eine Waffe bei sich trage, und willigte ein, abgetastet zu werden. Der Beamte bestellte einen Kollegen hinzu, um einen Alkoholtest durchzuführen. Die Polizisten stellten fest, dass der Lenker zu viel getrunken hatte, um Auto zu fahren, und wollten dem Mann Handschellen anlegen.

Rayshard Brooks am Freitagabend auf der Flucht – Sekunden, bevor ihn die Polizei mit drei Schüssen tötet.

Dann ging alles ganz schnell: Brooks wollte sich der Festnahme entziehen, die drei Männer fielen auf den Boden. In der Auseinandersetzung gelang es ihm, die Elektroschockpistole des Beamten zu greifen und sich zu befreien. Es folgte eine kurze Verfolgungsjagd – vorbei an mehreren Autos, die in der Schlange des Restaurants warteten. Brooks drehte sich im Laufen um und aktivierte den Taser, woraufhin der Beamte hinter ihm seine Dienstwaffe zog und dreimal in den Rücken schoss.

Wie angemessen war die Reaktion der Polizei?

Das ist die zentrale Frage in dem Fall. «Laut Gesetz ist ein Taser keine tödliche Waffe», sagte der Anwalt von Brooks Familie, Chris Stewart. In dem Video der Polizei sei zu sehen, dass Brooks höflich gewesen sei. Brooks hätte einfach angewiesen werden können, ein Uber nach Hause zu nehmen. «Das hätte niemals in seinen Tod münden dürfen», meinte Stewart.

Zweifel an der Polizei: Bürgermeisterin Keisha Lance Bottoms (Mitte) stellte sich auf die Seite der Familie Brooks. Polizeichefin Erika Shields (rechts) trat wegen des Vorfalls zurück.
Bild: Keystone

Schon am Tag nach der Tat hatte die Bürgermeisterin von Atlanta, Keisha Lance Bottoms, offen Zweifel an der Verhältnismässigkeit der Gewalt angemeldet. Die Polizeichefin Erika Shields trat zurück. Der Beamte, der die Schüsse abgegeben hat, wurde entlassen. Sein Kollege wurde vorläufig suspendiert.

Welche Schritte werden nun eingeleitet?

Die Staatsanwaltschaft will diese Woche über die Anklage entscheiden. Zuvor sollten noch zwei Zeugen gehört werden, teilte Bezirksstaatsanwalt Paul Howard mit. Howard sagte dem TV-Sender CNN, Brooks scheine für niemanden eine Bedrohung dargestellt zu haben.

«Die Tatsache, dass es bis zu seinem Tod eskaliert ist, erscheint einfach unangemessen», sagte Howard den Angaben des Senders zufolge. Möglich sei eine Anklage wegen Mordes oder fahrlässiger Tötung.

Welche Reaktionen folgten in Atlanta?

Brooks starb weniger als drei Wochen, nachdem der Afroamerikaner George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota ums Leben kam. Floyds Schicksal hat andauernde Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus ausgelöst – weit über die USA hinaus.

Ein Polizist am 13. Juni im Gespräch mit Demonstranten in Atlanta.
Bild. Keystone

In Atlanta eskalierte die Lage am Samstagabend. Demonstranten zündeten laut lokalen Medienberichten das Schnellrestaurant an. Zudem wurde ein nahe gelegener Highway blockiert. Die Polizei setzte nach CNN-Angaben auch Tränengas und Blendgranaten gegen die Protestierenden ein.

Wie war die Lage in anderen Städten?

Proteste gab es am Wochenende wie in den Vorwochen auch an vielen anderen Orten in den USA. In der Hauptstadt Washington wurde auch der Geburtstag von US-Präsident Donald Trump als Anlass genutzt, um den Protest vor dem Weissen Haus weiterzuführen.

«RIP Rayshard» – Ausschreitungen in Atlanta am 13. Juni.
Bild: Keystone

In Los Angeles streckte sich die Menschenmenge über mehrere Kilometer. Teilweise begleitet von Trommlern oder Fahrzeugen mit Lautsprechern und Musik protestierte die Masse vor allem unter dem Motto «All Black Lives Matter» friedlich. Der Protestzug entlang des berühmten Sunset Boulevard in Beverly Hills war sowohl von Bürgerrechtsbewegungen wie auch der LGBT-Gemeinschaft unterstützt und beworben worden. Die Polizei hielt sich dem Augenschein nach nahezu komplett zurück und sperrte lediglich vereinzelt Strassen für den Autoverkehr ab.

Was sagt Trump?

Trump hielt sich mit Äusserungen zu den Protesten am Wochenende weitgehend zurück. Am frühen Sonntagabend verurteilte er auf Twitter erneut die «Übernahme» der Stadt Seattle durch die «radikale Linke». Trump bezieht sich auf die «autonome Zone», die Demonstranten in der Innenstadt eingerichtet haben.

Der Präsident drängt auf ein Eingreifen der Regierungen der Stadt und des Bundesstaates und drohte bereits damit, andernfalls Massnahmen zu ergreifen. Die Situation könne «einfach in Ordnung gebracht werden», schrieb er auf Twitter. Trump kommentiert die seit Wochen anhaltenden Proteste vor allem unter dem Aspekt der Sicherheit.

Weit über 10'000 demonstrieren in Zürich gegen Rassismus

Zurück zur Startseite