Polizisten nach Erstickungstod von Schwarzem suspendiert

AP/dpa

4.9.2020

Die Familie von Daniel Prude – darunter sein Neffe Armin (l.) und sein Onkel Joe (r.) – kämpft für Gerechtigkeit.
Bild:  Keystone/AP Photo/Ted Shaffrey

Im Fall des ums Leben gekommenen Schwarzen Daniel Prude sind die involvierten Polizisten vom Dienst suspendiert worden. Die Bürgermeisterin von Rochester zeigte sich entsetzt über das Geschehen und die Informationspolitik der Polizei.

Im Fall des nach seiner Festnahme ums Leben gekommenen Schwarzen Daniel Prude sind die sieben beteiligten Polizisten vom Dienst suspendiert worden. Das sagte die Bürgermeisterin von Rochester, Lovely Warren, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. «Daniel Prude wurde von der Polizei, unserem System der psychischen Gesundheitsfürsorge und unserer Gesellschaft im Stich gelassen, und er wurde von mir im Stich gelassen.»

Prude war im März im Alter von 41 Jahren gestorben, nachdem lebenserhaltende Massnahmen beendet wurden. Sieben Tage zuvor war der zu dem Zeitpunkt nackte und offensichtlich geistig verwirrte Mann in Rochester festgenommen worden. Polizisten zogen ihm eine Spuckschutzhaube über den Kopf und drückten seinen Kopf zu Boden. Ein Gerichtsmediziner kam zu dem Schluss, dass Prudes Tod ein Tötungsdelikt war, ausgelöst durch «Komplikationen des Erstickens im Rahmen physischer Einschränkungen». Der Bericht nannte als beitragende Faktoren ein Delirium und akute Vergiftung durch die Droge Phencyclidin, auch als PCB bekannt.

Prudes Familie hatte am Mittwoch Videomaterial aus Bodycams und Aufzeichnungen veröffentlicht. Zuvor hatte Prudes Tod kaum öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Prude kam aus Chicago und besuchte in Rochester seine Familie. Die Polizei kam, nachdem Joe Prude den Notruf gewählt und berichtet hatte, dass sein Bruder das Haus verlassen habe und unter psychischen Problemen leide.

Nach der Veröffentlichung war Kritik laut geworden, dass die Stadt zu Prudes Tod monatelang geschwiegen hat. Bürgermeisterin Warren sagte, sie sei bezüglich der Umstände der Festnahme in die Irre geführt worden. Polizeichef La’Ron Singletary habe den Tod als Folge einer Drogen-Überdosis dargestellt, was «komplett anders» ist als das, was sie in den Aufnahmen der Bodycams gesehen habe. Sie habe erst am 4. August erfahren, dass Gewalt angewendet worden sei, sagte Warren. Sie sei «zutiefst persönlich und professionell enttäuscht» durch das Versagen des Polizeichefs, sie im Detail über die Geschehnisse zu informieren.

Die Veröffentlichung des Videomaterials führte in Rochester und anderen Städten zu Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus.

Lakeisha Harmon (M.) spricht am Mittwoch bei einem Protest In Rochester gegen Polizeigewalt gegen Schwarze zu Demonstranten.
Bild: Keystone/AP Photo/Adrian Kraus

Videomaterial zeigt Brutalität der Polizei

Gegen Singletary wurden zunächst keine Massnahmen bekanntgegeben. Er äusserte sich bei einer Veranstaltung am Donnerstag nicht, kündigte aber an, sich später äussern zu wollen. Anfragen der Nachrichtenagentur AP bei der Polizeigewerkschaft wurden zunächst nicht beantwortet.

Polizisten legten Daniel  Prude eine Spuckhaube über und drückten seinen Kopf zwei Minuten lang mit beiden Händen zu Boden. 
Bild: Rochester Police Department via AP

Die Videoaufnahmen der Bodycams von Ende März zeigen Prude, der sich ausgezogen hatte, wie er den Anweisungen der Polizei folgt, als sie ihn auffordern, sich auf den Boden zu begeben und seine Hände hinter seinen Rücken zu legen. Prude erscheint aufgeregt und schreit die Polizisten an, während er sich windet und in Handschellen auf dem Asphalt sitzt. Es fällt etwas Schnee. Dann legen die Beamten die Spuckschutzhaube über seinen Kopf, die Polizisten vor Speichel von Festgenommenen schützen soll. Zu dem Zeitpunkt gab es in New York die ersten Coronavirus-Fälle.



Prude verlangt, dass die Haube abgenommen wird. Dann knallen die Polizisten Prudes Kopf auf die Strasse. Einer der Beamten hält seinen Kopf mit beiden Händen auf dem Boden fest und sagt «Hör auf zu spucken», während Prudes Schreie zu Wimmern und Grunzen werden. Die Polizisten scheinen besorgt zu werden, als Wasser aus Prudes Mund kommt. «Mein Mann. Kotzt du?», fragt einer. Prude hört auf sich zu bewegen und wird still. Einer der Beamten merkt an, dass Prude bereits seit einiger Zeit nackt draussen ist. «Er fühlt sich ziemlich kalt an», sagt einer. 

«Wie kann man ihn sehen und nicht direkt sagen "Der Mann ist wehrlos, splitternackt auf dem Boden. Er ist schon gefesselt." Kommen Sie. Wie viele Brüder müssen noch sterben, damit die Gesellschaft versteht, dass das aufhören muss?», fragte Prudes Bruder Joe Prude bei der Pressekonferenz.

Schwarze in Washington und Los Angeles von Polizei getötet

Auch in der Hauptstadt Washington war es zu einem Zwischenfall gekommen, bei dem ein Schwarzer von einem Polizeibeamten getötet wurde. Eine Streife war am Mittwoch alarmiert worden, um im Südosten der Stadt Berichte über eine bewaffnete Person zu prüfen, wie die Polizei mitteilte. Beim Eintreffen der Beamten seien zwei Personen zu Fuss geflohen. Eine von ihnen habe dabei mit einer Pistole hantiert, weswegen ein Beamter einen Schuss auf sie gefeuert habe, hiess es weiter. Der 18-Jährige erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Die Polizei veröffentlichte am Donnerstag auch das Video der Bodycam des Polizisten, das die Verfolgung und den Schuss auf den Verdächtigen zeigt. Die an dem Einsatz beteiligten Beamten wurden für die Dauer einer Untersuchung beurlaubt, hiess es.



In der kalifornischen Metropole Los Angeles wiederum hatte ein Beamter am Montag einen schwarzen Velofahrer erschossen, der eine Pistole bei sich trug.

Seit der Tötung des unbewaffneten Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in der Stadt Minneapolis Ende Mai hat sich in den USA eine heftige Debatte um Rassismus und Polizeigewalt entwickelt, die auch zu Protesten geführt hat. Erst vor etwa zwei Wochen schoss die Polizei einem Schwarzen in der Stadt Kenosha im Bundesstaat Wisconsin mehrfach in den Rücken. Der Fall von Jacob Blake, der schwer verletzt überlebt hat, führte zu neuen Protesten.

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